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Angst vor Europas Finanzspritze

Herr Pérez, an was denken Sie bei dem Wort Glück?

Da ist kein Glück. Alles ist vielmehr von Angst gekennzeichnet – die Landfrage und vor allem die neuen Projekte, die der Staat in unserer Region geplant hat. In Argentinien gibt es Gesetze, die unser Land anerkennen, aber die Regierung befolgt sie nicht.

Ihre Organisation Lhaka Honhat gibt es schon seit mehr als zehn Jahren. Heißt das, Sie haben in diesen Jahren gar keine Erfolge erzielt?

Es gibt einige kleine Fortschritte. Aber da sind wir sehr, sehr vorsichtig. Wir sind nicht sicher, ob diese Erfolge von Dauer sein werden.

Was sind das für Erfolge?

Der entscheidende Fortschritt ist die Gründung der Organisation als solche, die Entwicklung von Vertrauen in die Organisation und die Tatsache, dass die Organisation wächst, dass immer mehr Mitglieder hinzukommen. Dadurch hat sie auch einen Rückhalt in den einzelnen Gemeinden. Auf Regierungsseite haben wir jedoch keinen Fortschritt zu verzeichnen. Eines unserer Hauptziele ist der Naturschutz und die Kontrolle des Fischbestandes, allgemein eine Kontrolle der natürlichen Ressourcen, die uns als Nahrungsmittel aber auch als Medizin dienen. Das müssen wir aber mit dem Staat koordinieren, damit wir diese Kontrolle auch effektiv gestalten können.

Warum haben Sie eine Organisation gegründet, die sich an westlichen Normen orientiert?

Natürlich haben wir auch unsere eigenen Organisationsformen. Dafür brauchen wir aber keine schriftlichen Dokumente. Die funktionieren auch so. Wir wollen darauf hinarbeiten, dass der Staat unsere eigenen Organisationsformen akzeptiert und anerkennt.

Ist das ein Schritt der Indígenas, sich der argentinischen Gesellschaft anzupassen?

Es gibt zwei Seiten. Die argentinische Regierung braucht Dokumente. Etwas schriftlich zu dokumentieren, entspricht aber eigentlich nicht unserer Art. Da müssen wir uns also integrieren. Auf der anderen Seite akzeptiert die Regierung es, dass wir intern eine andere Form der Organisation haben.

Sie sagten, dass Ihre Organisation auf Regierungsseite keine Erfolge zu verzeichnen hätte. Jetzt klingt es, als gäbe es doch eine Zusammenarbeit.

Auf der politischen Ebene haben wir große Schwierigkeiten, akzeptiert zu werden. Auf Grund unserer Größe – unserer Organisation gehören 35 Gemeinden an – macht uns die Regierung Probleme. Sie hat Angst vor uns, weil wir so viele sind. Sie wollen uns so nicht als Verhandlungspartner akzeptieren. In der Landfrage versucht uns die Regierung zu spalten. Auch was die Kontrolle der natürlichen Ressourcen betrifft, gibt es Differenzen.

Warum fehlt den argentinischen Indígenas eine internationale Lobby wie sie beispielsweise in Guatemala durch Rigoberta Menchú repräsentiert wird?

Wir sind uns dieses Problems natürlich bewusst. Wir wissen aber auch, dass die Regierung an so einer Lobby gar kein Interesse hat. Wir sind also ganz stark auf Nichtregierungsorganisationen angewiesen, die uns bekannt machen.
Ein wesentlicher Unterschied zu den Guatemalteken ist vermutlich ihre langjährige Kriegserfahrung, die sie in der Vergangenheit gemacht haben. Wir kennen keine kriegerischen Auseinandersetzungen. Wir haben immer in Frieden gelebt.

Haben Sie immer den Weg des friedlichen Widerstandes gewählt?

Wir hatten auch mal eine andere Erfahrung. 1996 war das, als bei uns eine internationale Brücke gebaut wurde. Die haben wir besetzt, als sie noch im Bau war. Später haben wir uns aber für den Weg der Gesetze entschieden.

Wie sieht Ihr Zusammenleben mit den anderen BewohnerInnen Ihres Landes aus?

Es gibt einige weiße Siedler, die haben viel Land und Vieh, andere haben nichts. Wir haben zum Teil sehr große Probleme mit den seit Jahrzehnten in unserer Region lebenden Viehzüchtern, die „Criollos“ genannten werden – vor allem, weil die Regierung sie mehr respektiert als uns. Sie haben Teile unseres Territoriums besetzt. Die SiedlerInnen, die viel haben, eignen sich die Natur einfach an. Sie bringen ihr Vieh in unsere Region. Oft misshandeln sie dort unsere Frauen. Sie zäunen die Lagunen ein, damit wir dort kein Wasser mehr holen können. Ihr Vieh, das Kilometer weit läuft, frisst alles auf. Man sieht immer mehr kahle Stellen auf den Weiden. Das Regenwasser trägt die fruchtbare Erde ab. Dort wächst gar nichts mehr. Wenn das so weiter geht, werden diese Gebiete bald Wüste sein.

Auf Ihrem Territorium bohrt eine kanadische Firma seit zwei Jahren nach Öl. Wie gehen Sie mit diesem Projekt um?

Wir haben keine Kraft mehr, sie zu bremsen. Unsere Regierung haben wir aber vor dem Interamerikanischen Gerichtshof angeklagt. Wir hoffen, dass dadurch zukünftig kontrolliert wird, was in unserer Region passiert. Das ist unser Boden, unsere Mutter. Wenn unser Land ausgebeutet wird, erkrankt, werden auch wir krank.
Wir müssen uns jetzt mit den Siedlern zusammensetzen und um die Gebiete verhandeln. Wir wollen uns nicht streiten. Wir wollen Ruhe und Frieden für alle. Das heißt auch, dass wir keine neuen Projekte in unserer Region wollen. Es gibt aber schon ein neues Projekt, das Argentinien, Bolivien und Paraguay mit Unterstützung der EU verabschiedet haben. Das macht uns große Sorgen.

Was ist das für ein Projekt? Und welche europäischen Unternehmen sind daran beteiligt?

Wir kennen keine Details. Das ist eines unserer großen Probleme. Wir wissen nur, dass es von der Europäischen Kommission finanziell unterstützt wird. Es ist eine Infrastruktur-Maßnahme zur Wasserregulierung. Aber wir wissen nicht, welche Firmen daran beteiligt sind. Wir als Indígenas haben davon keine Ahnung. Wir wissen nicht was der IWF ist. Oft erschrecken wir vor den Organisationen, die mit Millionen US-Dollar handeln. Wir kennen keine Dollar, wir kennen nicht einmal den Peso. Wir kennen das ganze System nicht. Gerade deshalb wollen wir unsere Ressourcen schützen. Wir erfahren von diesen Projekten immer erst, wenn sie bereits beschlossen sind. Auch das ist eine Verletzung unserer Rechte.

Was bedeutet für Sie die IL0-Konvention 169?

Es ist ein internationales Abkommen, das auch unsere Regierung unterzeichnet hat. Es bleibt abzuwarten, inwiefern – dadurch, dass es ein internationales Abkommen ist – auch Druck auf den argentinischen Staat ausgeübt werden kann, dieses Abkommen tatsächlich irgendwann umzusetzen.

Was erwarten Sie von Deutschland?

Deutschland kann hier gar nichts machen, weil es die ILO-Konvention 169 noch nicht ratifiziert hat. Aus Deutschland fließen regelmäßig Gelder in unseren Staat. Aber solange die ILO-Konvention 169 von Deutschland nicht unterzeichnet ist, bestehen auch weniger Möglichkeiten für die Deutschen zu kontrollieren, was mit ihren Geldern in Argentinien tatsächlich gemacht wird.

Die Argentinier erwarten von Néstor Kirchner jetzt eine positive Wende. Bauen Sie auch auf Ihren neuen Präsidenten?

Nein.

Die internationale Arbeitsorganisation ILO:
Die internationale Arbeitsorganisation (ILO) in Genf bemüht sich seit Jahren, die Situation indigener Völker zu verbessern. Sie hat das Thema indigener ZwangsarbeiterInnen öffentlich gemacht und schuf 1959 eine erste internationale Norm für diese Völker. 1989 arbeitete sie erstmals eine neue Konvention mit VertreterInnen der Indígenas aus: die Konvention 169. Sie legt die Rechte indigener Völker fest. Die Staaten, die diese Konvention unterzeichnen, gehen bestimmte Verpflichtungen gegenüber den Indígenas auf ihrem Staatsgebiet ein:
– Die Indígenas haben ein Recht auf Beschäftigung und angemessene Arbeitsbedingungen.
– Die Indígenas haben das Recht auf Ausbildung und einen Zugang zu Kommunikationsmitteln
– Die Indígenas haben das Recht bei Entscheidungsprozessen beteiligt zu sein, die ihre Völker betreffen.
– Die Indígenas haben das Recht auf Gleichberechtigung vor Verwaltung und Justiz
Weltweit haben 14 Mitgliedstaaten der ILO die Konvention 169 ratifiziert, unter anderem auch Argentinien. Deutschland hat das Übereinkommen bislang nicht unterzeichnet. Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung hatte aber bereits vor fünf Jahren empfohlen die Entwicklungsarbeit an der ILO-Konvention 169 zu orientieren.

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