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Auch das Jiddische ist Lateinamerika

Die Geschichte der jüdischen Migration nach Lateinamerika ist so alt wie die Eroberung des Kontinents durch die Europäer. Ähnlich wie auch in ihren Herkunftsländern nahmen sie innerhalb der kulturellen Entwicklung Lateinamerikas eine wesentliche Stellung ein, deren Bedeutung im Unterschied zu anderen eingewanderten Gruppen bisher kaum gewürdigt wurde. Hintergrundwissen bietet zunächst die von Burghardt gegebene Einführung zur jüdischen Migration nach Lateinamerika.
Auszüge aus dem Roman „Die jüdischen Gauchos“ von Alberto Gerschunoff dienen als Exposition des folgenden literarischen Rundumschlags und stellen bereits einige der wichtigen Begriffe und Schwerpunkte der von Juden und Jüdinnen produzierten Literatur vor: Die Diaspora und Suche nach dem Gelobten Land, die Hoffnung auf ein Leben ohne Angst vor antisemitisch motivierter Verfolgung und unter besseren wirtschaftlichen Lebensbedingunen sowie die Eindrücke von Auswanderung, Überfahrt und Ankunft in einem klimatisch und gesellschaftlich unbekannten Kontinent. „Moses blieb schweigsam an der Maschine sitzen. In seinem Kopf kreisten verschwommene Erinnerungen an sein klägliches Leben in Wilna, an sein qualvolles und bitteres Leben als Jude.“
Die ambivalenten Veränderungen, die für die jüdische Tradition und Folklore erwachsen, bieten den Grundstock vielfältigster literarischer Verarbeitung. Im Mittelpunkt der folgenden Komposition der Gedichte verschiedener AutorInnen steht die auch für neuere europäisch-jüdische Literatur bedeutende Schwierigkeit, alte Traditionen und Moderne zu verbinden. Zwei Faktoren machen dabei die Besonderheit des lateinamerikanischen Ablegers aus: Die schwierige Loslösung vom Mutterkontinent Europa („di alte Heim“) und die Notwendigkeit, sich mit den neuen Verhältnissen zu arrangieren.

Kiew – Buenos Aires, aber einfach, bitte…

Konnte Lateinamerika das Gelobte Land sein? Sollten mit der Ankunft beispielsweise in Argentinien nun die „Ewige Wanderschaft“ und das „Nomadentum“, wie Carlos M. Grünsberg zwei seiner Gedichte betitelt, ein Ende gefunden haben? Für einige vielleicht, für andere nicht. Zuviel stand einer derartigen Erfüllung des Glücks entgegen: Die Erinnerung an erlebte Greuel und das Wissen um die in Europa verbliebene Verwandtschaft, die diesen weiterhin ausgeliefert war. Der aus einigen der ausgewählten Gedichte sprechende Versuch, zu vergessen und sich neu zu orientieren, wird durch die traditionell wichtige familiäre Verbundenheit erschwert. Auffällig ist die wiederkehrende Nennung der Familienbanden, die zwischen den Generationen bestehen. Moacyr Scliar, der in seinem Essay „Jüdische Erinnerungen“ auf die Besonderheit der jüdischen „conditio“ eingeht, bezeichnet das Schicksal, Jude zu sein, als oft schwer zu tragende Last. Seine Darstellung der Flucht aus Europa und der Ansiedlung in Lateinamerika verdeutlichen, daß die jüdischen Familien oftmals weiterhin unter erbärmlichen Bedingungen leben mußten. Je nach Herkunftsland waren die Auswanderungswellen der jüdischen Bevölkerung unterschiedlich stark. Aus den Ländern Osteuropas emigrierten Juden und Jüdinnen bereits seit Mitte des 19. Jahrhunderts, nach Ende des Ersten Weltkriegs, in den zwanziger Jahren, verließen wiederum viele jüdische Menschen Mittel- und Westeuropa. Schließlich folgte das durch den Rassenhaß der Nazis bedingte Exil seit Beginn der dreißiger Jahre.
Den Abschluß der Sammlung
bilden zwei Aufsätze zu ebenso interessanten wie verschiedenen Themen: Eliahu Toker befaßt sich mit der Integration des Jiddischen in den hispanischen Sprachraum, und Edna Aizenberg setzt sich mit Jorge Luis Borges auseinander, dessen Werk vielfältige Beziehungen zur jüdischen Kultur besitzt.
Der Holocaust, und die Versuche seiner literarischen Verarbeitung, nehmen zwar einen gleichberechtigten, nicht aber besonderen Platz in der gelungenen Auswahl lyrischer Texte ein. Die den Gedichten beigefügten Originaltexte in Spanisch, brasilianischem Portugisisch und Jiddisch sind angenehm hilfreich. Leider sind sämtliche Texte ohne Datierung und eine zeitliche Einordnung deswegen oft schwer möglich. Eine schlüssige Konzeption der Reihenfolge der Texte ist nicht zu erkennen. Die auf die verschiedenen literarischen Genres geworfenen Schlaglichter ergeben einen dennoch guten Überblick über die jüdische Literatur Lateinamerikas und machen Appetit auf mehr.

Tobias Burghardt, Delf Schmidt (Hg.): Jüdische Literatur Lateinamerikas. Literaturmagazin Nr. 42. Rowohlt Verlag, Reinbek, 1999, DM 15.- (ca.
9 Euro)

KASTEN:
Geratewet ist ein Wort,
das ich als Kind häufig hörte,
Samuel rettete sich vor Treblinka,
Sophia rettete sich vor Dachau,
Moses und Rachel schafften es nicht,
sich zu retten, oder wir wissen
es nicht, ob sie sich retteten.
Er hot sich geratewet ist ein Satz,
den ich als Kind häufig hörte,
obwohl ich ihn meistens als Fra-
ge hörte:
Hat er sich gerettet?
Das war nach den Fähnchen,
mein Vater bewahrte den
Atlas und die Fähnchen auf
und begann nach denen zu fra-
gen, die sich gerettet hatten.
Meine Kindheit war damals eine
gespickte Landkarte
und das Wort geratewaet ein
leuchtender Schmetterling für
diejenigen
die sich nicht retten konnten

(David Turkeltaub)

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