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Aus allen Fugen geraten

Ausländischen BesucherInnen fällt in Kolumbien oft zuerst die scheinbare Normalität ins Auge. Ebenso verwundern sie der charakteristische Humor, mit dem sich die KolumbianerInnen den widrigsten Situationen entgegenstellen, und der enorme Reichtum und die Buntheit des kulturellen Lebens. Es wirkt wie die gute Miene zum bösen Spiel.
Auch wenn der Diskurs der kolumbianischen Medien die Gewalt vordergründig verurteilt – die Art und Weise, wie in diesen Medien Gewalt dargestellt wird, untermauert deren Bedeutung noch. Bestimmte gesellschaftliche Sektoren, insbesondere die Guerilla, werden als die einzig gewalttätigen abgestempelt: So kommt die gesamtgesellschaftliche Mitverantwortung nicht zur Sprache. Und die den Medien eigene Struktur der Berichterstattung siedelt alle Nachrichten auf der gleichen Ebene an. Die geballte Ladung an Bluttaten aus dem In- und Ausland in den Nachrichten verwischt die Grenzen zwischen dem Eigenen und dem Anderen, zwischen nah und fern. Massaker im Chocó sehen im Fernsehen genauso weit entfernt aus wie der Krieg in Tschetschenien. Infolgedessen verliert der Tod an Relevanz, während der Mangel an Sensibilität zunimmt.
Diese Symptome sind nicht allein auf den Augenblick beschränkt, in dem Massenmedien konsumiert werden. Vielmehr erzeugen sie Wahrnehmungsmuster, die sich auf das alltägliche Handeln auswirken. Die gute Miene zum bösen Spiel läßt sich als eine Antwort auf die ständig präsente Katastrophe verstehen – im Sinne einer unheilvollen Teilnahmslosigkeit, dem Nichtsehenwollen statt eines aktiven Ja zum Leben. So gesehen scheint ein menschenwürdiges Leben inmitten des Unheils nicht möglich.

Kunst als Markenartikel

Kunst und Kultur könnten zum Ausgangspunkt dafür werden, in Würde andere Lebensformen zu erproben. Wenn in künstlerischen Werken Wege aufgezeigt werden, unter die Oberfläche der Dinge zu gelangen, die Welt nicht nur nach dem Nutzen zu bewerten oder in kritische Distanz zu gehen, dann kann das auf das Alltagsleben zurückwirken. Fragt sich nur, ob das breitgefächerte kulturelle Leben Kolumbiens, wie es sich heute darbietet, als Indiz einer solchen Einstellung gelten kann.
Zu allererst gilt es wohl, Abschied von dem Mythos zu nehmen, Kolumbien verfüge über ein reiches kulturelles Leben. Der Analphabetismus, von dem im Schnitt elf Prozent der kolumbianischen Bevölkerung betroffen sind – in manchen Regionen sind es bis zu 30 Prozent –, bedeutet eine fast unüberwindliche Barriere für die Rezeption von Kunst und Kultur. Zudem bringt der Analphabetismus oft mit sich, daß die Betroffenen unumkehrbar von den traditionellen Kulturen entfremdet werden. So gerät ein immer größerer Teil der Bevölkerung in die Hände des Fernsehens und seiner Macht, Kultur zu definieren. Nur wer über ein Mindestmaß an kritischer Distanz verfügt – wozu die Fähigkeit des Lesens und Schreibens wenigstens teilweise unabdingbar sind –, kann das in Frage stellen.
Es geht aber auch um kulturelle Angebote, um die Herrschaft des Marktes, der nur mit dem zu unterhalten sucht, was sich am besten verkauft. Nicht etwa, um den Beobachter anzustacheln und seine Realität neu zu erschaffen, sondern um sie ihn vergessen zu lassen.
Kolumbien hat in der Tat viele Kinos. In einer Stadt mit sehr begrenztem öffentlichen Raum wie Bogotá gerät das Kino zu einer der wenigen Alternativen für die Freizeit. Aber ein Großteil der hier gezeigten Filme sind die üblichen kommerziellen US-Produktionen: Sie verteidigen die Gewalt und verabsolutieren die kapitalistische Wirklichkeit. Ihr Konsum sättigt die Sinne und läßt den Geist verarmen.
Dies gilt nicht nur für die armen Gesellschaftsschichten. Diejenigen, die Zugang zur “höheren“ Kultur besitzen und sich dessen rühmen, entwickeln nur in Ausnahmefällen andere kulturelle Gewohnheiten. Auch ihr Interesse kreist im wesentlichen um die Bestseller, den neuesten Film, das neueste Theaterstück. Allerdings nur im Sinne von etwas, das sie erworben haben, um es beim nächsten Treffen in Gesellschaft vorzuzeigen. Genau wie den letzten modischen Schrei, der am Körper zur Schau getragen wird. Auf diese Weise werden Kunst und Kultur prostituiert, wird ihr kritisch hinterfragender Charakter entfremdet und in Prestigesymbole, in Tauschwerte umgemünzt.

Kleine Lichtblicke

Und doch gibt es in Kolumbien Gruppen, die die Kunst weder als Ausflucht noch als Ware begreifen, sondern als Baustein einer geistigen Leistung, die dem herrschenden Gesetz des Stärkeren den Boden entzieht. Ich denke dabei an das Erbe der Theaterbewegung, auch wenn sich diese im Niedergang befindet. Ich denke an Jugendliche in den Vierteln am Rande von Bogotá, die sich, umgeben von Elend und Gewalt, das kritische Potential des Rap aneignen und in ihren Texten eine andere Welt erschaffen. Sie klagen Ungerechtigkeiten an, konstruieren aber gleichzeitig eine Identität, die auf ihren eigenen Erfahrungen beruht. Das Wort ist in ihren Liedern nicht das Privileg des anderen, sondern ihr eigenes Potential, um sich ein Gesicht zu schaffen.
Ich denke an viele kleine Gruppen von Jugendlichen, die ihre Energie darauf verwenden, in armen Vierteln klassische Kinofilme bekannt zu machen und zu analysieren. Indem sie dies mit der eigenen Produktion von Videos verknüpfen, bieten sie Elemente für einen kritischen, distanzierten Blick auf die Waren der Massenmedien an.
Ich denke auch an ein gemeinschaftliches Fernsehprogramm in Ubaté: Wöchentlich eine Stunde, in der von den Aktivitäten der NachbarInnen erzählt wird, von bekannten Gesichtern und den Problemen dahinter, von der Suche nach gemeinsamen Lösungen. Wie viele andere Projekte alternativer Kommunikation stärkt dieses Programm die menschlichen Zusammenhänge in der Gemeinde, es schafft ein Gegengewicht zum kommerziellen Fernsehen, dessen Helden diesen Menschen immer fremd bleiben werden. Indem es vertraute Gesichter vorstellt und von Schicksalen handelt, die die Menschen kennen, gibt es ihnen ihre Handlungsfähigkeit zurück, ermöglicht ihnen eine eigene Meinung und stärkt ihr Selbstvertrauen.
Ich denke an den Taller Infantil Creativo, einen „Kreativen Workshop für Kinder“, als eine private Initiative in Hacarí, einem Ort nördlich von Santander, wo von Gewalt traumatisierte Kinder Alternativen zur Gewalt und zur Angst erschaffen. Und an ein Gedicht, das der 13-jährige Edison David in diesem Zusammenhang geschrieben hat:

Straße aus Stein
Tanze mit den Spuren des Gestern
Wecke die Erinnerung an das Lachen meiner Großeltern

Straße aus Stein
Weine über deine Einsamkeit
Lösche meine Lügen aus
Trockne die Tränen in meinen Augen

Straße aus Stein
Fülle mich mit Geschichten
Ängsten
Schrecken
Mythen und Legenden

Straße aus Stein
Sag mir, wer ich bin

Solche Alternativen werden zum größten Teil von den Medien an den Rand gedrängt und einem größeren Publikum vorenthalten. Aber nur sie können uns helfen, eine Welt zu erbauen, in der der gegenseitige Respekt nicht durch Waffengewalt gesichert wird, in der die Anerkennung der dem Menschen ureigenen Würde mehr als eine Phrase in Menschenrechtsabkommen ist.

Übersetzung: Claudius Prößer

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