Mexiko | Nummer 423/424 - Sept./Okt. 2009

Autonomie zurückerobern

Ein Bericht vom außerordentlichen Treffen der Indigenen Völker Mexikos

Auf dem Treffen der Indigenen Völker Mexikos wurde vor allem über die Schaffung und Verteidigung autonomer Territorien diskutiert. Der Ort des Treffens, Xayakalan, wurde symbolisch gewählt. Indigene hatten ihn erst im Juni dieses Jahres besetzt und neu gegründet.

Katja Fritsche

Sie hatten eingeladen, und alle waren gekommen: Beim Außerordentlichen Treffen der Indigenen Völker Mexikos vom 7. bis zum 9. August in der Gemeinde Xayakalan bei Santa María de Ostula in Michoacán kamen VertreterInnen indigener Organisationen von Baja California bis Chiapas zusammen, um über Fragen der Autonomie und Selbstverwaltung zu diskutieren und ihre Erfahrungen auszutauschen. Grundlegendes Thema war die Selbstbestimmung der indigenen Gemeinden. Mit der Schaffung von autonomen Territorien soll ein Raum zur Selbstverwaltung mittels eigener Strukturen und Institutionen eröffnet werden. Gleichzeitig geht es dabei um den Erhalt der eigenen Kultur und der gemeinschaftlichen Strukturen, die in ihrem kommunitären Charakter einen Gegensatz zur kapitalistischen Organisationsweise bilden, die auf Individualisierung und Privatisierung der Ressourcen und Gemeindegüter abzielt.
Bereits am 14. Juni hatte in Ostula die 25. Versammlung des Nationalen Indígenakongresses der Region Zentrum-Pazifik stattgefunden. Dort war ein Manifest mit den wichtigsten Punkten zur indigenen Selbstverteidigung festgelegt worden, das nun landesweit diskutiert wurde.
Hintergrund für die Versammlungen sind die immer wieder stattfindende Kapitalisierung traditionellen Wissens sowie die Vertreibungen der indigenen Gemeinden von ihrem angestammten Territorium. Diese Vertreibungen rauben den BewohnerInnen ihre ökonomische Grundlage, da sie so ihre Versorgung nicht mehr in ausreichendem Maße sicherstellen können. Selbst wenn die Gemeinden für den Verkauf ihres Landes oder ihrer Rechte finanziell entschädigt werden sollten, wäre dies nur ein vorübergehender Trost, da ihnen die Lebensgrundlage durch das Fehlen der Ressourcen und die Umweltverschmutzung unwiderbringlich entzogen werden würde. Der Fall des Staudammprojekts La Parrota in Guerrero zeigt zudem, wie Gemeinden durch die Option, ihr Land zu verkaufen, innerlich gespalten werden. So wird es den StaudammgegnerInnen erschwert, geschlossen der Vertreibung entgegenzutreten.
Um sich gegen die Vertreibungen und den Ausverkauf zur Wehr zu setzen, wird sich auf das Recht zur indigenen Selbstverteidung berufen. Dieses umfasst die Verteidigung und den Ausbau der historischen indigenen Autonomie, die auch nach der Zeit der Conquista mit der Weiterführung der eigenen Kultur, Gesetze und einer Regierung ihren Fortbestand hat. Usos y costumbres (Gebräuche und Gewohnheiten) nennen sich diese Regelungen, auf deren Basis die Gemeinden sich selbst regieren. Die Besetzung der Verwaltungsämter und die zu übernehmenden Aufgaben, die in den Gemeinden anfallen, werden dabei von der Generalversammlung der Gemeinde bestimmt.
Xayakalan, der Ort des Treffens, wurde nicht zufällig gewählt: Seit Juni dieses Jahres ist das Stück Land im Bundesstaat Michoacán, das malerisch zwischen Pazifik und Bergen liegt, von seinen traditionellen BesitzerInnen wieder besetzt worden. Es sollte einem Tourismusprojekt und der Verbindungsstraße Coahuayana – Lazaro Cardenas weichen.
Der Streit um das 1.000 Hektar große Gebiet war jedoch bereits vorher entbrannt. Seit Jahrzehnten hatte die Bevölkerung von Ostula, die 1.600 Gemeindemitglieder zählt, auf gerichtlichem Wege für die vollständige Rückgabe des Gebietes gegen eine Gruppe von sechs KleineigentümerInnen aus der nahe gelegenen Gemeinde La Placita gestritten. Beide Parteien erheben Besitzansprüche, allerdings können nur die BewohnerInnen von Ostula ihren Anspruch schriftlich nachweisen. Der Konflikt besitzt auch eine kulturell-identitäre Komponente. Ostula und seine sich solidarisierenden Nachbargemeinden bestehen überwiegend aus Angehörigen der Volksgruppe der Nahua, während der Nahuaanteil in La Placita relativ gering ist. Das Agrargericht entschied jedoch gegen die Interessen beider Gruppen. Stattdessen wurde die Entwicklung eines Tourismusprojekts und der Bau der Verbindungsstraße beschlossen. Die KleineigentümerInnen hielten sich jedoch nicht an den richterlichen Beschluss und begannen, sich das Gebiet durch Viehwirtschaft anzueignen. Anzeigen gegen dieses Vorgehen seitens der Nahuagemeinde zeigten keine Wirkung, weshalb die Bevölkerung von Ostula beschloss, mit mehr als 2.000 Personen die KleineigentümerInnen zu vertreiben und selbst das Land zu besetzen. Die Rache der Vertriebenen zeigte sich am 29. Juni. In ihrem Auftrag überfiel eine mit Schusswaffen ausgestattete Gruppe die mit Macheten und Stöcken bewaffneten BesetzerInnen. Bilanz des Überfalls ist eine Person mit Schussverletzung auf Seiten der Nahuagemeinde.
Aber nicht nur wegen der Gefahr von Überfällen, sondern vor allem wegen der fehlenden Erfahrung im Umgang mit Besetzungen sind die Mitglieder von Ostula froh über jede Art von Unterstützung. Cuitlahuac ist einer der BesetzerInnen. Er hat am Sonntagmorgen das Aufstellen der Schilder am Strand übernommen, die die Badenden vor der gefährlichen Strömung warnen. „Wir sind froh, dass so viele zum Kongress gekommen sind. Für uns ist es ja das erste Mal, dass wir es mit einer Besetzung zu tun haben und wir haben keinerlei Erfahrungen in so etwas.Deshalb ist es gut, wenn andere kommen, um von ihren Erfahrungen zu berichten“, meint Cuitlahuac.
Dabei haben die BesetzerInnen von Ostula selbst schon viel erreicht: Mit der Unterstützung der Nachbardörfer El Coire und Pomara gründeten sie die Siedlung Xayakalan mit dem Bau von 20 Wohnhäusern, einem Versammlungsraum, einer Schule und einer Krankenstation auf dem Gelände. Zudem begannen sie die auf usos y costumbres beruhenden autonomen Strukturen weiter auszubauen. Diese Regelungen sahen im Fall von Ostula eine eigene Landpolizei vor, die später dann durch die staatlich eingesetzte Polizei abgelöst wurde. Nun wurde die autonome Polizeistruktur zum Schutz der Bevölkerung und zur Regelung der Angelegenheiten innerhalb der Gemeinde durch die Bildung einer Gemeindepolizei (policia comunitaria) wiederbelebt. Die BewohnerInnen werfen der offiziellen Polizei vor, Verbrechen nicht zu verfolgen und sehen sich von den staatlicherseits eingesetzten Ordnungsorganen in keiner Weise vertreten. Die beiden Nahua-Nachbargemeinden Pomaro und El Coire. verfügen ebenfalls über eine eigene Gemeindepolizei. Alle drei Gemeinden stellen nun die in Xayakalan eingesetzte Polizeieinheit.
Aber auch in anderen Bereichen kommt neben der Zusammenarbeit und dem Austausch mit Projekten aus ganz Mexiko ein großer Teil der Solidarität aus nächster Nähe. Für den kaum 20-jährigen Yoxmi ist das eine Selbstverständlichkeit: “Ich bin mit ein paar Freunden aus dem Nachbardorf gekommen, um die compas in ihrem Kampf zu unterstützen. Angedacht haben wir, erstmal ein bis eineinhalb Jahre hier zu bleiben.”
Jetzt kämpfen die BewohnerInnen der Gemeinden dafür, dass Xayakalan von der Regierung anerkannt und somit die Besetzung von offizieller Seite aus legalisiert wird. Ihr Wunsch ist, dass Xayakalan für andere indigene Gemeinden ein Beispiel für die Möglichkeit indigener Selbstverteidigung und territorialer Autonomie mit eigener kommunärer Regierung wird.

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