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Bittere Zuckerernte

Noch bis zu Beginn der neunziger Jahre waren Ernteerträge um die 8 Millionen Tonnen Zuckerrohr die Regel. Seitdem rutschen die Erträge und damit auch die Einnahmen aus dem Export des klassischen Devisenbringers in den Keller. Einzig 1996 konnte dem anhaltenden Verfall der Ernteergebnisse Einhalt geboten werden: die Regierung konnte sich über 4,45 Millionen Tonnen freuen, woran sich Prognosen für eine langsame Erholung in diesem Sektor anschlossen. Doch bereits im kommenden Jahr kamen trotz aller Anstrengungen nicht mehr als 4,2 Millionen Tonnen Zucker zustande, worauf Zuckerminister Nelson Torres nach dem Parteikongreß im Oktober letzten Jahres seinen Hut nehmen mußte. Sein Nachfolger, der Divisionsgeneral Ulises Rosales del Toro, konnte bisher die in ihn gesetzten Erwartungen nicht erfüllen. Allerdings zeigt die Ernennung des Stellvertreters von Raúl Castro, wie ernst es den Verantwortlichen um Fidel Castro mit der Wiederbelebung des wichtigsten Wirtschaftssektors ist. Und Rosales del Toro, der immerhin zur engsten Führungsriege gehört, hat etwas, was seinem Vorgänger nicht zugebilligt wurde: Zeit. Die wird er auch brauchen, um die Schlüsselindustrie wieder auf Vordermann zu bringen. Unter seiner Regie sollen die überfälligen Reformen in dem Sektor durchgeführt werden, der bis in die neunziger Jahre 70 – 80 Prozent des Exportvolumens stellte. Eine Aufgabe, die nicht ohne schmerzhafte Einschnitte zu bewältigen ist, weiß Pedro Monreal, Wirtschaftswissenschaftler der Universität Havanna, denn das Gros der 156 Zuckermühlen arbeitet mit roten Zahlen und muß dringend modernisiert werden.

Mit weniger Mühlen mehr Zucker produzieren

„Bei der letzten Ernte produzierten sieben der moderneren Mühlen 1,8 Millionen Tonnen Zucker und damit etwa die Hälfte der Gesamtmenge. Dies verdeutlicht, daß es besser wäre, die Zahl der Mühlen zu reduzieren und auf diesem Wege die Produktivität zu steigern“, ist sich Monreal sicher. In die gleiche Kerbe schlägt Tony Hannah, Chefanalytiker der Internationalen Zuckerorganisation (ISO), die jüngst ihre Jahreshauptversammlung auf der Zuckerinsel abhielt. Er rät Kuba, Auslandskapital einzuwerben, und einen Schrumpfungsprozeß einzuleiten, um langfristig wieder Produktionsergebnisse zwischen 6 und 7 Millionen Tonnen zu erreichen. Kein leichtes Unterfangen für den Minister im Generalsrang, der sich sehr wohl bewußt ist, daß die kubanische Wirtschaft ohne einen Aufschwung im Zuckersektor langfristig nicht überlebensfähig ist. Das haben Studien der renommierten UN-Wirtschaftskommission für Lateinamerika und die Karibik (Cepal), aber auch der ISO ergeben. Der General steht allerdings vor einem Dilemma, denn die Modernisierung des Sektors wird Arbeitsplätze kosten, die in Kuba ohnehin rar sind, und trifft auf den geballten Widerstand der Regionalregierungen, der sogenannten municipios. „Mindestens 25 Prozent der Produktionskosten im Zuckersektor entfallen auf nichtzuckerzentrierte Ausgaben wie Straßenbau, für Kindergärten usw. In fast allen municipios ist der Zucker der wichtigste Wirtschaftsfaktor und die einzige Geld- und Materialquelle, die sie nicht verlieren wollen“, erläutert Pedro Monreal das Dilemma. „Die notwendige Strukturanpassung wird mit allen Mitteln von unten blockiert.“ Doch auch oben sorgt die notwendige Strukturanpassung für Bauchschmerzen. Zum einen drückt sich die Regierung seit 1995 um Rationalisierungen in allen Wirtschaftsbereichen herum, um das Heer der Arbeitslosen nicht gar zu offensichtlich werden zu lassen, zum anderen scheut sie sich vor Auslandsbeteiligungen im wichtigsten Binnensektor der kubanischen Wirtschaft. Nicht überraschen kann daher die Aussage von Zuckerminister Rosales del Toro, daß derzeit keine Planungen beständen, in der Zuckerindustrie ähnlich zu verfahren wie im Tourismussektor, wo Auslandskapital wesentlich zum Boom der letzten Jahre beigetragen hatte.
Wie del Toro den Zuckersektor allerdings wieder in schwarze Zahlen führen möchte, bleibt schleierhaft, zumal über eines der offensichtlichen Probleme in der Landwirtschaft nur unter vorgehaltener Hand diskutiert wird: die fehlende Arbeitsmoral angesichts der Pesogehälter, die mit dem zunehmenden Umlauf des Dollars in der kubanischen Wirtschaft immer weniger wert sind. Die Arbeiter im staatlichen Sektor kommen mit ihrem Pesogehalt seit Jahren nicht mehr aus, weshalb es auch immer wieder dazu gekommen ist, daß notwendige Inputs für die Zuckerernte, wie Düngemittel oder Pestizide, auf privaten Parzellen landen. Dort werden Gemüse, Obst und dergleichen für den Verkauf auf den Bauernmärkten, den mercados agropecuarios, gezogen. Auf diesem Wege stocken viele der ArbeiterInnen ihren kargen Lohn auf, weiß Julio Carranza Valdes, Sozialwissenschaftler am Studienzentrum der kubanischen Wirtschaft (CEEC). Die Arbeitsmoral vieler KubanerInnen läßt angesichts eines Durchschnittslohns von rund 200 Peso und von Lebenshaltungskosten von 600-1000 Peso für eine vierköpfige Familie zu wünschen übrig, bestätigt auch Omar Everleny, Vizepräsident des CEEC. Doch schnelle Lösungen hat auch er nicht zur Hand, denn angesichts der niedrigen Produktivität bleiben die Preise auf den Märkten hoch. Ohne einen Anstieg der Produktivität in der Landwirtschaft sieht er auf mittlere Sicht keinen Ausweg aus dem Dilemma.

Fehlende Arbeitsmoral in der Landwirtschaft

Die zahlreichen Bemühungen der Regierung, über Arbeitsanreize in Form von Sachleistungen die Produktivität zu steigern, schlugen bisher fehl und sind somit dauerhaft kaum zu finanzieren. „Diese Situation hat Auswirkungen auf die Disziplin am Arbeitsplatz, und wenn man sie nicht bereinigt, werden alle Arbeiter irgendwann nur noch im Dollarbereich arbeiten wollen“, sagt Everleny. Ein Trend, der innerhalb der kubanischen Jugend ohnehin weit verbreitet ist. Kaum jemand interessiert sich für die harte Arbeit in der Landwirtschaft oder auf dem Bau, wo die Regierung Arbeitsplätze anzubieten hat. Gefragt sind Tätigkeiten im Dienstleistungssektor, so im Tourismus, wo Dollars winken, oder in Bereichen wie der Biotechnologie, dem Computersektor, wo es allerdings nur wenige Arbeitsplätze für besonders Qualifizierte gibt. „Das Problem ist, daß wir eine Bevölkerung haben, die im Ausbildungsniveau einer Industrienation gleicht, wir aber nicht den entsprechenden Entwicklungsstand haben und demzufolge auch kein entsprechendes Arbeitsplatzangebot”, bringt Everleny das Problem auf den Punkt.
Kuba hat nur begrenzten Zugang zu Privatkrediten mit kurzer Laufzeit und hohen Zinssätzen von bis zu 40 Prozent. Deshalb können zusätzliche Lohnanreize in harter Währung und die notwendige Modernisierung im Zuckersektor kaum finanziert werden. Die für die Sanierung im Zuckersektor nötigen Mittel lassen sich auf diesem Wege nicht beschaffen, deshalb kursieren, so der Direktor eines kubanischen Forschungsinstituts, sowohl auf Partei- als auch auf Regierungsebene, Pläne ganz anderer Art. Es werde über eine Aufspaltung des Sektors in eigenständige Produktionseinheiten debattiert, die dann ausländischen Investoren für Joint Ventures offeriert werden sollen. Ein Modell, daß dem ISO zufolge gute Perspektiven hätte. Allerdings profitieren die internationalen Zuckerhäuser derzeit auf ganz andere Art von der schlechten Lage der kubanischen Zuckerwirtschaft: Seit einigen Jahren gewähren sie den KubanernInnen Kredite zur Vorfinanzierung der Ernte, die mit einem 20prozentigen Zinssatz belegt sind. Ein durchaus lukratives Geschäft, daß das Interesse der KubanerInnen an Joint Ventures schmälern könnte.

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