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Letzter Ausweg Agrarreform

Auch Kuba sei nicht immun gegen die internationale wirtschaftliche Krise, hatte Raúl Castro in seiner Rede am Jahrestag des Sturms auf die Moncada Kaserne, dem offiziellen Beginn der kubanischen Revolution, gesagt. Das war am 26. Juli. Nur vier Wochen später scheint die Konjunkturdelle Kuba nicht nur eingeholt, sondern gleich regelrecht umarmt zu haben, denn Havanna scheint außerstande, seine finanziellen Verpflichtungen zu bedienen. Erst verweigerte die japanische Export- und Investitionsversicherung (NEXI) die Absicherung weiterer Geschäfte zwischen Japan und Kuba, dann räumte das in Kuba fördernde kanadische Erdölunternehmen Pebercan ein, dass Cupet, das staatliche kubanische Erdölunternehmen, seinen Zahlungsverpflichtungen nicht nachgekommen sei. Ein Indiz für die alles andere als einfache ökonomische Situation der Insel. Die ist auch dafür verantwortlich, dass Staatschef Raúl Castro nicht so kann, wie er will.
Ende Juli musste der 77-jährige Comandante der Revolutionsarmee seinen Landsleuten eingestehen, dass seine Pläne zur Anhebung der Löhne, auf die viele gewartet hatten, aufgeschoben werden müssten, und dass auch die wirtschaftliche Erholung länger auf sich warten lassen würde. Ein wesentlicher Grund dafür ist die verheerende Situation der Landwirtschaft, die durch den Hurrikan Gustav, der Ende August für erhebliche Schäden im Westen der Insel sorgte, noch weiter zurückgeworfen wurde. Einbußen bei der Ernte von Tabak, Bananen und Zitrusfrüchten wurden registriert, wodurch zusätzliche Importe auf die Insel zukommen dürften. Zudem muss in die Infrastruktur investiert werden, so zum Beispiel in den Wiederaufbau von Starkstrommasten und Telefonleitungen.
Echte Herausforderungen angesichts leerer Kassen. Die Perspektiven sind nicht allzu rosig hinsichtlich der bitteren Medizin, die Comandante Raúl dem Land verordnet hat. Sparen heißt die erste Maßgabe, und die zweite lautet „Zurück aufs Land“. Dort liege Kubas Zukunft, und es heißt: „Wir müssen das Land wieder produktiv machen“. Derzeit ist das Gegenteil der Fall, denn laut einer Studie vom Statistischen Amt (ONE) werden von 6,6 Millionen Hektar derzeit gerade noch 2,9 Millionen Hektar bestellt. Ein Desaster für die Nahrungsmittelproduktion auf der Insel, denn seit Jahren steigen nicht nur die Mengen der Nahrungsmittel, die importiert werden müssen, sondern auch deren Preise. Allein im letzten Jahr wurden laut dem Parteiorgan „Granma“ Lebensmittel für 1,7 Milliarden US-Dollar importiert. Rund ein Drittel davon kam vom Klassenfeind, den USA, die sich im laufenden Jahr über ordentliche Zuwächse freuen dürfen. Laut Staatschef Raúl Castro drohen Mehrausgaben durch die hohen Weltmarktpreise für Milchpulver, Reis, Bohnen und Co. von rund einer Milliarde US-Dollar. Angesichts der verheerenden Schäden durch „Gustav“, der Tausende Hektar von Anbauflächen zerstörte und auch Lagerhäuser nicht verschonte, könnte diese Rechnung allerdings auch deutlich zu knapp kalkuliert sein.
Die galoppierenden Nahrungsmittelausgaben kann sich die Regierung in Havanna aber immer weniger leisten. Unter Experten sorgt die Tatsache, dass rund 82 Prozent der Kalorien, die von den 11,2 Millionen KubanerInnen verzehrt werden, importiert werden, nur für Kopfschütteln. Einen Grund für die niedrige Produktivität sieht der kubanische Agrarexperte Armando Nova im geringen Bezug der Bäuerinnen und Bauern zum Boden. Er plädiert für grundlegende Reformen im Agrarsektor. „Aus unserer Sicht hat die Essenz des Problems viel mit der Eigentumsstruktur zu tun. Warum soll ich in das Land investieren, wenn es mir nicht gehört und wenig später vielleicht einem anderen überantwortet wird?“, fragt Nova. Andere Faktoren sind die fehlenden Einkaufsmöglichkeiten für Bauern, die sich in Kuba kaum eine Schaufel kaufen können, oder das staatliche Ankaufssystem, Acopio. Das offeriert den Bauern teilweise Preise für ihre Ware, die unterhalb der Produktionskosten liegen. „Das drückt auf die Motivation der Bauern“, so Nova. Doch die Regierung in Havanna ist angesichts der galoppierenden Preise auf dem Weltmarkt darauf angewiesen, dass die Produktivität in der Landwirtschaft steigt und die Landflucht eingedämmt wird. Das sieht auch Miguel A. Salcines so. Der Leiter einer Genossenschaft vor den Toren Havannas befürwortet die so genannte „dritte Landreform“. Die hat die Regierung in Havanna im Juli auf den Weg gebracht. Landlose Bauern können seit Mitte Juli bis zu 13,43 Hektar vom Staat zur landwirtschaftlichen Nutzung erhalten. Private Kleinbauern, die ihre Felder nachweislich bestellen, können ihre Anbaufläche auf maximal 40,26 Hektar erweitern und erhalten ebenfalls das Landnutzungsrecht für einen Zeitraum von zehn bis 25 Jahren. Mit diesen Maßnahmen, Kreditprogrammen und der Einrichtung von Geschäften für Agrarinputs, also Pflanzenschutz- und Düngemittel, Saatgut, landwirtschaftliche Maschinen und Technologie, hoffen die Regierungsexperten, den Agrarsektor nach Jahren des latenten Verfalls endlich wieder flott zu machen.
Doch ob die Maßnahmen greifen werden, wird sich erst in den kommenden Jahren zeigen. Für einen strukturellen Umbau der Agrarstruktur und nachhaltigen Landbau wären 15-20 Jahre nötig, schätzt Experte Salcines. Doch in Havanna denkt man gar nicht so langfristig. Dort geht es vor allem darum, schnell mehr Essen auf den Tisch zu bekommen. Doch von mehr als nur wieder besser gedeckten Tischen träumen Leute wie Yoani Sánchez. Für Kubas bekannte Bloggerin, die kürzlich einen spanischen Journalistenpreis erhielt, sind die Reformen des jüngeren der beiden Castro-Brüder alles andere als ein Meilenstein: „Der Verkauf von Haushaltsgeräten, Mobiltelefonen und selbst Computern ist nicht der Rede wert, denn die kubanische Regierung hat sich bei den Menschen- und bürgerlichen Freiheitsrechten nicht einen Millimeter bewegt“. Daran wird die Regierung in Havanna auch gemessen und in kubanischen Internetforen wird minutiös analysiert und geschildert, woran es fehlt. Der latente Wohnungsmangel, der nicht nur in Havanna allgegenwärtig ist, kommt da genauso zur Sprache wie die fehlenden Perspektiven. So ist beispielsweise Yoani Sánchez ausgebildete Sprachwissenschaftlerin. Sie verdient sich ihr Geld jedoch mit Übersetzungen und als Fremdenführerin in Havanna. Typisch, denn für die oftmals gut ausgebildeten KubanerInnen fehlt es an Jobs, die ihrer Qualifikation entsprechen. Der Staat hat es verpasst, der Revolution im Ausbildungsbereich auch eine Revolution in den Arbeitsstrukturen folgen zu lassen, gibt der Wirtschaftswissenschaftler Omar Everleny von der Universität Havanna schulterzuckend zu. „Kuba ist ein Land mit den Problemen der ersten Welt, aber den Strukturen der Dritten Welt“. Dazu gehört die niedrige Geburtenquote, die zu einer ungünstigen demographischen Perspektive führt. Überalterung droht der Gesellschaft, denn es sind die jungen, gut ausgebildeten KubanerInnen, die gehen. Gut 35.000 waren es im letzten Jahr, mehr als 200.000 seit Beginn des Jahrtausends. Ein Aderlass, den sich die Insel nicht leisten kann, der aber kaum zu stoppen ist, denn es fehlt an Perspektiven auf der Insel. Enrique ist ein besonders zielstrebiges Beispiel. Der Jurastudent arbeitet neben dem Studium in einem paladar, einem der privaten Restaurants in Kuba, und kommt mit den 150 US-Dollar, die er dort verdient, gut über die Runden. Doch anders als viele Altersgenossen, die sich über den lukrativen Job freuen würden, ist der Kellnerjob für ihn nur Mittel zum Zweck. „Mit dem Geld kann ich mein Studium absolvieren und den Englischlehrer bezahlen. Gutes Englisch und eine gute Ausbildung sind für mich die Eintrittskarten in Miami“, sagt der schlanke 26-jährige Mulatte. Da will Enrique hin und dafür schuftet er vierzehn Stunden und mehr am Tag. In Kuba hat er keine Perspektiven, denn sein Lohn übersteigt heute schon den offiziellen Durchschnittslohn um ein Vielfaches. Und die junge Generation will nicht nur zeigen, dass sie etwas kann, sondern auch vom eigenen Können profitieren. Das spiegelt sich in den Auswanderungszahlen: „Der Altersdurchschnitt der Emigranten liegt unter 29 Jahren. Anders als bei früheren Auswanderungswellen sind es hoch qualifizierte Leute, die gehen“, zitiert Omar Everleny aus der Statistik. Darunter natürlich auch viele junge Frauen.
Allerdings wird nicht nur mit den Füßen abgestimmt, wie es in Havanna spöttisch heißt, sondern auch der Mund aufgemacht. Der Student, der mit dem Handy einen mit kritischen Fragen bombardierten und um Antworten ringenden Parlamentspräsidenten Ricardo Alarcón an der Universität filmte und die Sequenz ins Netz stellte, ist dafür genauso ein Beispiel wie Gorki Águila oder Yoani Sánchez. Gorki ist der derzeit bekannteste Punk der Insel. Er hat bei einer verordneten Visite auf einer Polizeiwache im Juni, wo er Nachbarn und Polizisten Rede und Antwort stehen sollte, Sequenzen des Gesprächs aufgenommen und anschließend seine Opposition zur Regierung erklärt. Sätze wie „Keine Lügen mehr alter Mann“ und „mit Raúl an der Spitze bleibt die Scheiße genau die Gleiche“ haben ihn im Ausland, aber auch in Kuba bekannt gemacht. Dort hat der 39-jährige und seine Band Porno para Ricardo zwar Auftrittsverbot, aber die Songs der Band machen trotzdem die Runde. Die von den USA bestückte Homepage der Band macht es möglich. Ohnehin ist die Zahl der kubanischen Websites, die im Ausland angemeldet, aber von Kuba aus bestückt werden, am Steigen. Insgesamt ist die kubanische Blogger-Community überaus aktiv.
Ende August war es in erster Linie ihr zu verdanken, dass die Festnahme von Gorki Águila in Kuba und die anstehende Verurteilung zu einer mehrjährigen Haftstrafe international wie national auf eine breite Protestwelle stieß. Die hat Kubas unbequemen Punker die Freiheit beschert – ein Triumph der Blogger-Community, der in Havanna sicherlich nicht überall für Begeisterung sorgte. An der Plaza de la Revolución hat Comandante Raúl derzeit allerdings ganz andere Sorgen.

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