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Bittersüßes Naschwerk

Seit zehn Jahren besteht nun die Frankfurter Initiative LiBeraturpreis, der Autorinnen aus der „Peripherie“, aus Afrika, Asien und Lateinamerika, in den Blickpunkt der Öffentlichkeit rückt. Jedes Jahr wird eine Vorauswahl unter sämtlichen im Vorjahr in deutscher Übersetzung erschienenen Büchern getroffen – Kriterium für eine Preisverleihung ist literarische Originalität, Engagement und das weibliche Geschlecht. Denn, so wird im Vorwort bemerkt, die Mitglieder der LiBeraturpreis-Initiative sind der Meinung, daß schreibende Frauen es im Literaturbetrieb ihrer Heimatländer vielfach schwerer haben, wahrgenommen zu werden, als ihre männlichen Kollegen. Carmen Boullosa, Zoé Valdés und Rosario Ferré gehören unter anderen zu den Preisträgerinnen.
Das zehnjährige Jubiläum wurde also zum Anlaß dieser Anthologie genommen, die die Texte aller Preisträgerinnen und zahlreicher Anwärterinnen in sich vereint. Vorgegeben wurde lediglich das Thema: „Schreiben zwischen Liebe und Zorn“.

Ein Kaleidoskop des Südens

Das Ergebnis ist eine schillernde Perlenkette unterschiedlichster Texte, oftmals im Original noch unveröffentlicht: Kurzgeschichten, Auszüge aus Romanen und eigens für diese Anthologie verfaßte Texte. Sie spiegeln die Welt der Autorinnen wider, deren Herkunft und Lebenslauf nicht verschiedener sein könnten (auch wenn erstaunlich viele Lateinamerikanerinnen mit Texten vertreten sind). Dies ist eine andere Kostbarkeit der Anthologie: Vor jeder Geschichte gibt es eine Seite mit dem Foto und kurzem Lebenslauf der jeweiligen Autorin, so daß ein überaus plastisches Bild entsteht; das kleine Häppchen schriftstellerischen Könnens, das daraufhin folgt, und einen oft aufgewühlt zurückläßt, trägt dazu bei, die Neugierde auf die Werke der jeweiligen Autorin anzustacheln.
Die Beiträge der Schriftstellerinnen lassen sich vier Themenkomplexen zuordnen, die alle von der Wirklichkeit des Lebens von Frauen und den davon aufgeworfenen Problemen beeinflußt sind. Zuerst geht es um die nachdenkliche Reflektion über weibliches Schreiben, dann sind es die Erfahrungen von Frauen, die aus der Rolle fallen – der Mutterrolle, „die liebende, unterwürfige Frau“ – und zuletzt die Aufarbeitung traumatischer Kindheitsmuster.

Sprache der Nacht

So verschieden die Texte in jeder Hinsicht auch sind, fast immer sind sie ein Sich-heraus-Schreiben aus den Nacht- und Schattenseiten des Daseins. Fast immer sind die Texte von quälenden Erlebnissen geprägt, von Tod, Haß, Unterdrückung, Gewalt und Exil. Schreiben stellt sich als Therapie dar, die, manchmal als erdachte Weltflucht, einen Ausweg öffnet. „Scham, meine Scham auf einer Buchseite zur Schau stellen, seitdem ich Bücher schreibe.“ schreibt Vénus Khoury-Ghata aus dem Libanon.
Wie erfrischend beginnt da die bisher unveröffentlichte Geschichte Zoé Valdés’: „Wie Gott in Frankreich“. Mit beißender Ironie und sprühendem Witz reflektiert sie ihre Rolle als kubanische Schriftstellerin und lästert über die französischen Frauen, um dann nach und nach leider ihren Witz zu verlieren und ein melancholisches Portrait eines ins französische Exil gehenden Pianisten zu zeichnen.
Bemerkenswertes Grausen packt einen beim Lesen von „Wie eine gute Mutter“ von der argentinischen Ana María Shúa. Es ist eine bissig-scharfe Satire auf die Rolle der Mutter: Zwei Monster, die zum großen Unglück der Mutter ihre eigenen zwei süßen Wonneproppen sind, tyrannisieren sie und schaffen es innerhalb eines Nachmittags, die Ehe ihrer Eltern zu zerstören, die ganze Wohnung zu verwüsten und ihre Mutter ernsthaft zu verletzen. Diese greift schließlich voller Wut auf gesellschaftlich nicht anerkannte Erziehungsmittel zurück, und der Leser kann auch nicht anders, als diese Kinder wirklich aus vollstem Herzen zu hassen.
„Die Geschichte ist ein Band, die Geschichte ist eine Schlange, ein Rinnsal, ein Labyrinth, einmal nur paßt du nicht auf, schon hat sie dich umzingelt oder in ihren Fluten mitgerissen.“ Angélica Gorodischer scheint die Wirkung ihrer Erzählkunst zu beschreiben: „Schlangenmund“ entführt den Leser in die amazonengleiche Welt von Wäscherinnen in der argentinischen Pampa. Erotische Phantastik ist die Substanz dieser Geschichte, die einen rätselhaft umgarnt.
Es hat einen eigenen Reiz, sich der nächsten Geschichte zuzuwenden, wenn man noch ganz verhangen und fasziniert in dem Kosmos der vorangegangenen weilt. Nie weiß man, was einen als nächstes erwartet, welche Sprachgewalt nun wieder Macht über einen ausüben wird, in was für ein Lebensgefühl man tauchen wird. Fast hat man Angst, enttäuscht zu werden, nachdem doch die vorige Geschichte einen so tief berührt hatte – trotz ihrer Kürze. Gleichzeitig kann man es vor lauter Neugier nicht erwarten umzublättern, und tatsächlich, ein neues Land, eine neue Frau ziehen einen in den Bann.

Schlangenmund und weibliches Schreiben

Im Vorwort wird die Frage aufgeworfen, was genau weibliches Schreiben ausmacht, und die Antwort angeboten, daß es das Gegen-den-Strom-Schwimmen, das Durchkreuzen von Erwartungen sein könnte. Jede Geschichte dieser Anthologie erfüllt auf ihre Art und Weise diese Eigenschaften, auch wenn die Themen vielleicht nicht überraschend oder neu sind. Es ist die Annäherung an die Themen, die die Geschichten dieses Lesebuchs besonders machen. Doch ist das wirklich spezifisch weiblich? Oder eher eines der Merkmale von Literatur, die man nicht vergißt, die einen die Augen aufreißen läßt? Vielleicht ist die Suche nach der Besonderheit weiblichen Schreibens jedem selbst überlassen. Diese Anthologie macht die Suche besonders reizvoll.

Regina Keil und Thomas Brückner (Hrsg.): Mohnblumen auf schwarzem Filz, Unionsverlag Zürich 1998, 348 Seiten, 19,90 DM (ca. 10 Euro).

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