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„Bora Fuera!“

Wohl nirgendwo sonst auf der Welt würde ein nationaler Fußballverband auf die Idee kommen, einen Trainer zu entlassen, der seine Mannschaft ohne Niederlage und als Gruppenerster zur WM-Teilnahme führt. Auch schwer vorstellbar ist es, daß sechs Monate vor Beginn der WM ein Teamchef, der seit über zwei Jahren die Elf leitet und bereits bei drei Weltmeisterschaften dabei war, seines Amtes enthoben wird. Und geradezu unglaublich mutet es an, wenn sein Nachfolger jener Manuel Lapuente ist, der bereits 1991 die Nationalmannschaft coachte und nach einer historischen 0-5 Niederlage gegen die USA geschaßt wurde. Inwieweit die Konzernbosse des TV-Giganten Televisa – immerhin Besitzer der erfolgreichen Erstligaclubs América, Necaxa und Atlante – bei diesem Deal ihre Hände im Spiel hatten, bleibt aber bis auf weiteres Spekulation. Denn gerade in Mexiko ist Korruption kein unbekanntes Wort.
Erfolg wird auch in Mexiko groß geschrieben. Doch während sich europäische Teams und deren KritikerInnen trotz leidlicher Leistungen ihrer Spieler mit positivem Punkte- und Torekonto – Hauptsache der Tabellenstand stimmt – zufriedengeben, werden in Mexiko die Akzente anders gesetzt. Siege müssen her, und nur deren Höhe zählt. Diese Tatsache mit sportlichem Ehrgeiz zu verwechseln, wäre fatal. Schließlich geht es dabei nur zu einem kleinen Teil um das weltweit oft zitierte Ziel, den ZuschauerInnen für das teure Eintrittsgeld ebenbürtige Leistungen zu bieten. Vielmehr offenbart sich in der jetzigen Situation ein durch und durch unangenehmer Chauvinismus. In diesem Sinne waren die Gründe für die Entlassung Boras auch nicht der mangelnde Erfolg, sondern die Tatsache, daß die karibischen, zentral- und US-amerikanischen Kontrahenten nicht deutlich genug in die Schranken verwiesen wurden. So wurde dem mexikanischen Teamchef noch immer das an der Eitelkeit der mexikanischen Nation zehrende 5-1 gegen die St. Vincent Islands 1996 vorgehalten. Zum ersten Mal wurden die Kariben nicht zweistellig nach Hause geschickt und, was noch viel schlimmer ist, sie schossen im Azteken-Stadion sogar ein Tor.

2:2 in Kanada

Nach der durch Niederlagen in Honduras und Jamaica verkorksten Zwischenrunde, schien für Bora und seine Equipe alles planmäßig zu laufen. Deutliche Heimsiege über Kanada (4:0), Jamaica (6:0) und El Salvador (5:0) versöhnten das Publikum. Auch die Auswärtsspiele in Costa Rica (0:0), den USA (2:2) und El Salvador (1:0) konnten sich sehen lassen. Dann ging es am 12. Oktober zum Gastspiel ins Commonwealth-Stadion nach Edmonton. Auf gefrorenem Boden gelang Mexiko ein 2:2 Unentschieden gegen Gastgeber Kanada und damit die WM-Qualifikation. Doch im eigenen Land war von Freude keine Spur. „Schande“ titelten die Zeitungen, da ein Punkt an den Tabellenletzten abgegeben worden war.

0:0 gegen die USA

Am 2. November, dem „Tag der Toten“, empfing Mexiko im mit rund 100.000 ZuschauerInnen nicht ganz ausverkauften Azteken-Stadion die USA. Nach einem munteren Beginn entwickelte sich das Spiel zu einem katastrophalen Kick. Die USA zogen sich nach einem Platzverweis ihres Verteidigers Jeff Agoos in die eigene Hälfte zurück. Rund eine Viertelstunde vor Schluß wurde es dann plötzlich laut im Stadion. Das Publikum war aus der Lethargie erwacht, die Stimmung drehte sich. Mit frenetischem Beifall wurden alle Aktionen der Gäste beklatscht, während jeder Ballkontakt der mexikanischen Spieler ein gellendes Pfeifkonzert nach sich zog. Die „Bora Raus“-Chöre waren unüberhörbar.

3:3 gegen Costa Rica

Nur eine Woche später sollten die ZuschauerInnen für die desolate Vorstellung entschädigt werden. Doch nur 60.000 Menschen strömten in das gigantische Betonmonument in Mexiko-Stadt, um das vorletzte WM-Qualifikationsspiel gegen Costa Rica live mitzuerleben. Am Ende gab es das erste Unentschieden überhaupt, das die „Ticos“ in Mexiko erreichten, eine Tatsache, die ebenfalls Bora angekreidet wurde.

0:0 in Jamaica

Das letzte Spiel hatte für Mexiko, das als Gruppensiegerschon feststand, nur noch statistischen Charakter. Die USA hatten sich durch einen 3:0 Auswärtssieg in Kanada qualifiziert. Somit blieb am letzten Spieltag der CONCACAF-Gruppe nur noch offen, ob Jamaica oder El Salvador nach Frankreich fahren würden. Die weitaus besseren Chancen besaßen die Spieler aus der Karibik, da sie in der Vorwoche dem direkten Konkurrenten in San Salvador ein 2:2 abgetrotzt hatten. Diese spannungsgeladene Begegnung war zwar vorentscheidend, theoretische Chancen besaßen die Zentralamerikaner jedoch weiterhin. Aber trotz einer bravourösen kämpferischen Leistung – nach einem 0:3 Halbzeitrückstand kamen sie auf 2:3 heran – verlor El Salvador mit 2:4 in den USA. Gleichzeitig erspielten sich Jamaica und Mexiko in Kingston ein unansehnliches 0:0. Mexiko wollte nicht verlieren, Jamaica benötigte einen Punkt, die Taktik bestimmte das Spiel. Ob schön gespielt oder nicht, in Kingston herrschte Karnevalsstimmung. Nach Kuba 1938 und Haiti 1974 ist Jamaica nun das dritte Land der Karibik, das an einer Fußball-WM teilnimmt.
Das 0:0 in Kingston bedeutete für Mexiko, die Endrunde der CONCACAF ohne Niederlage beendet zu haben, für Bora jedoch das Aus. Am 25. November wurde er gefeuert. Wie sinnvoll diese Entscheidung war, wird sich zeigen. Denn eins ist sicher. Kaum ein Trainer der Welt hat derartig viel Erfahrung mit WM-Turnieren wie Bora Milutinovic. 1986 erreichte er mit Mexiko die zweite Runde und scheiterte erst im Elfmeterschießen an der BRD. 1990 – Mexiko war von der FIFA wegen Fälschungen von Spielerpässen gesperrt worden – gelangen ihm mit Costa Rica spektakuläre Siege über Schottland und Schweden, und seine Mannschaft scheiterte erst – allerdings mit 1:5 deutlich – an der CSFR. 1994 führte er Gastgeber USA nach einem historischen 2:0 Sieg über Kolumbien in die zweite Runde. Der 53-jährige Manuel Lapuente, 1995 und 1996 zweimaliger mexikanischer Meister mit Necaxa, hat ein schweres Erbe angetreten.

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