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Brasilien – Mehr Zukunft als Realität

Dieses Buch ist vor dem Hintergrund der Zeit zu lesen. Der Autor, nachdem er als Jude qualvoll und teilweise unter Lebensgefahr miterleben musste, wie nationalistische Selbstblendung das Leben auf dem alten Kontinent gewaltsam in seine einzelnen kulturellen Bausteine zersetzt und wahnhafter Rassenhass ganze Völker trennt, kommt in das augenscheinlich friedvolle Rio de Janeiro. Die Stadt erscheint ihm wie ein verheißungsvoller Blick in eine ersehnte Zukunft. In Brasilien scheint für Zweig die Synthese zu einer höheren Form des menschlichen Miteinanders – das Leben in Harmonie und unter den Prinzipien des Humanismus – möglich.
Hält man sich peinlich genau an den historischen Kontext und die tatsächlichen Gegebenheiten, referiert Zweig die brasilianischen Verhältnisse zu optimistisch und verkennt gesellschaftliche Verwerfungen, die nicht an der Oberfläche verlaufen und sich deshalb nicht gleich der „Touristenperspektive“ Zweigs eröffnen. Aber wer mag es ihm verdenken, nachdem sein Auge an grobe Gewaltexzesse in Europa über Jahre gewöhnt und der Wahrnehmungsmaßstab für Diskriminierung ein viel gröberer war. Für Zweig ist Brasilien vor allem eins: Zukunft und damit mehr Idee als graue Realität. Historische oder politische Erbsenzählerei ist genauso wenig seine Sache wie wadenbeißende Empirie, die sich in Details verliert und dabei der Blick auf das große Ganze abhanden kommt. Das erschließt sich nur dem Auge des Dichters. Zweig gibt also nicht die gesellschaftliche Realität Brasiliens getreu wider; vielmehr dichtet er Brasilien und deutet es psychologisch – in dem emphatischen Glauben an eine bessere Menschheit in einer glücklicheren Zukunft.
Das Buch ist in mehrere Kapitel untergliedert, in denen Stefan Zweig insbesondere über die Geschichte, die Wirtschaft und die brasilianische Kultur referiert. Ein Kapitel nennt er „Blick auf die brasilianische Kultur“, um damit schon selbst anzuzeigen, dass seine Sicht die eines Außenstehenden ist, der nicht in jedes Details eingeweiht ist. Der Rest des Buches besteht aus mehreren kürzeren Kapiteln, die vor allem Zweigs persönlichen Eindrücke von Rio de Janeiro widerspiegeln. So berichtet er von der Einfahrt per Schiff in die Stadt, erzählt vom alten Rio, geht spazieren, und verewigt in seinem gewohnt brillanten Schreibstil die kleinen Straßen, die Gärten, Berge und Inseln Rios und ein paar der Dinge, von denen er denkt, dass sie vielleicht morgen schon verschwunden sind. Ganz am Ende des Buches werden noch kurz São Paulo, die berühmte Kaffeeregion und die versunkenen Goldstädte abgehandelt. Das letzte Kapitel heißt „Flug über den Norden“. Zu einem näheren Kennenlernen dieses riesigen Teils Brasiliens reicht Zweig die Zeit nicht mehr, bevor er sich am 22. Februar 1942 in Petrópolis das Leben nimmt.
Wer den Schriftsteller Zweig mag, wird sich auch mit diesem Buch anfreunden und nach der Lektüre das Gefühl haben, Brasilien und seiner Kultur emotional etwas näher gekommen zu sein.

Stefan Zweig // Brasilien – Ein Land der Zukunft // insel taschenbuch 4208 // 2013 // 312 Seiten // 10 Euro

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