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Chiapas oder die Verzweiflung

Die Normalität kann manchmal beleidigend sein: Man lebt sein Leben, seine Routine, und plötzlich ergibt nichts mehr einen Sinn, nicht einmal das Schreiben. Die einzigen Leben, die in diesem Moment in Mexiko Sinn haben, sind diejenigen, die dabei sind zu verschwinden: Die der Indígenas und Campesinos in den Bergen von Chiapas. In der Zeitung erscheinen verwesende Leichen, auf dem Markplatz gestapelt, direkt neben den armseligen Früchten, die auf der nackten Erde ausgebreitet sind, den vier Zwiebeln, den drei Tomaten. Niemand holt die Körper ab. – Wo sind die Familienangehörigen? Haben die Kinder der Erde, des Dschungels, der Berge überhaupt welche? Wo ist das Rote Kreuz? Wo die Staatsanwaltschaft? Wo bleiben die Nachtschattengewächse der Beerdigungsinstitute oder diejenigen, die kommunalen Sammelgräber ausheben?
Wie weit ist Chiapas entfernt! Wie entlegen, wie allein. Zur Zeit wird dort eines der brutalsten Massaker unserer Geschichte begangen, es wird seit Jahrhunderten begangen, und erst jetzt nehmen wir zur Kenntnis: Chiapas, Chiapas, Chiapas…

Zwei Welten: gewollte Diät und erzwungener Hunger

Wir reden über nichts anderes als über Chiapas. Plötzlich verwandelt sich der ärmste Staat unserer Gegend in den allerwichtigsten, Ocosingo in die bekannteste Gemeinde des Landes. Wir entdekken die Chamula als die bedürftigsten Indígenas und stellen fest, daß die Lacondónen dabei sind zu verschwinden – wie die Bäume, die von den Viehzüchtern und Holzhändlern gefällt werden.
Die Schuld befällt uns, macht das Vergessene bewußt: Wir lebten zufrieden dahin, es ging uns recht gut, viel besser als all’ den Ländern weiter südlich. Mexiko, das stand fest, bewegte sich auf die Erste Welt zu. Wir kauften Milky Ways und Diät-Cola an jeder Ecke – bis plötzlich die Ohrfeige kam, nicht nur für die Regierung, sondern für die Ignoranten, die Indifferenten, die Zufriedengestellten, uns, die wir Diät machten und uns Stipendien verschafften. Wie war es vorstellbar, daß Mexikaner andere Mexikaner bombardierten?

1994: Das schlimme Erwachen

Als die Bomben über den Hütten von Ocosingo abgeworfen wurden, kam auch etwas in unserem Bewußtsein zur Explosion. Mexiko ist ein anderes Land geworden. Von einem Tag auf den anderen hat sich alles verändert. 1994 wachten wir in einem anderen Land auf, einem Land, das wir nun von einer anderen Seite erleben, mit all’ der Konfusion, der Traurigkeit, dem Kummer, der Verzweiflung, den Maschinengewehrsalven, der Guerilla. Der Frieden wurde ausgelöscht und das Schlimmste an seine Stelle gesetzt: der Terrorismus.
Kaum der Betäubung entronnen, sehen wir nun die Chiapaneken als Beispiel für all’ das, was menschliche Wesen ertragen und überleben können. Chiapas hat 3,3 Millionen EinwohnerInnen. Die Mehrheit lebt von der Landwirtschaft, und ihr Problem war immer die Bodenfrage und die Grundbesitzer. Seit Hunderten von Jahren regiert der Hunger unter ihnen. Allein 1993 starben nach Informationen des Bischofs der Armen, Samuel Ruiz, 17.000 Indígenas an den Folgen von Unterernährung. 45 Prozent der Bevölkerung von Chiapas sind Kinder, jünger als 14 Jahre. Seit dem vergangenen Jahr sind 12.000 Soldaten ständig in der Region stationiert, da Chiapas ein strategisch wichtiger Punkt ist, wo verschiedene Staaten aneinandergrenzen. Darüber hinaus endet hier Zentralamerika, und es beginnt das Mexiko, das sich “modern” gibt, aktuell, glänzend, auf die Gegenwart bezogen etcetera etcetera.
Chiapas ist ein Zentrum der Erdölausbeutung, täglich werden 60.000 Barrel gefördert. Reforma, Pichucalco und Oxtoacán sind wichtige Zentren. Die vier Wasserkraftwerke von Chicoasén, Malpaso, Angostura und Penitas produzieren elektrisches Licht für Zentralamerika und den Rest der mexikanischen Republik, während gleichzeitig die Indígenas, die 500 Meter von den Kraftwerken entfernt leben, keinen Strom haben. Warum? Weil die Versorgung Geld kostet und sie es nicht bezahlen können.

Koloniale Finca, Rohstoffreservoir und Armenhaus

Es ist nicht schwer, sich vorzustellen, wie viele verschiedene Interessen in Chiapas aufeinandertreffen. Der Neurologe Manuel Velasco Suárez, der zu Zeiten Echeverrías Gouverneur der Region war und die Verhandlungen mit den Guerilleros der Liga 23. September führte, gibt zu, daß “das Land Schulden gegenüber Chiapas hat, die nicht bezahlt worden sind”.
Es gibt große Unterschiede zwischen den verschiedenen Regionen des Landes. Uns Hauptstädter des Zentraldistriktes ist die Denkweise der Bevölkerung des Südens Mexikos unbekannt. Dies bestätigt auch Juan Bañuelos, ein in sozialen Fragen leidenschaftlich engagierter Dichter aus Chiapas: “Wir Chiapaneken sind sehr stolz, mexikanische Bürger zu sein. Geografisch und historisch sind wir allerdings Zentralamerikaner. Das ganze koloniale System ist in dieser Region immer noch gültig. Chiapas funktionierte immer wie eine immense Finca – und tut es immer noch im Sinne der “chiapanekischen Familie”, des Clans der Reichen. Zu diesem gehörten auch die beiden letzten Gouverneure, welche für ihre Taten und ihre schlechte Regierung vor Gericht gestellt werden sollten: Absalón Castellanos Domínguez und Patrocinio González Garrido, zwei Privilegierte, die der indianischen Bevölkerung gegenüberstanden, die von den Weißen ungeniert ausgebeutet wurde. Ich glaube, daß diese Situation von den mexikanischen Bundesregierungen während all der Jahre seit der Revolution nicht begriffen worden ist.
Was für häßliche Tage! Ein schlechtes Jahr, dieses 1994. Die Zeiten sind blutig. Das Blut, das im lacandonischen Urwald und in den Dörfern von Chiapas vergossen wurde, fließt vor unseren Augen und durchtränkt das Bewußtsein. Das, was wir hier weiter im Norden sagen können, ist recht armselig, recht unbefriedigend und wird sich bald in nutzlose Rhetorik verwandeln.
Die Autorin ist mexikanische Schriftstellerin und Journalistin
gekürzt übernommen aus:
La Jornada, 9.1.94

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