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Das blaue Wunder von Cochabamba

Einige Kilometer südlich vom Stadtzentrum Cochabambas befindet sich Mineros, eine der neuen Stadtteile der drittgrößten Stadt Boliviens. Die Straßen sind holprig und nicht mehr geteert und es braucht einen Allrad-Jeep, um bis in das Zentrum des am Hang gelegenen Stadtteils vorzudringen. Auch sieben Jahre nach dem Guerra de Agua (dem Wasserkrieg) gibt es hier in Mineros keine Wasserleitungen. Die Wasserversorgung wird in Eigenregie organisiert oder durch Tanklastwagen gewährleistet. Bis heute ist Cochabamba eine geteilte Stadt. Die Avenida Roma teilt die Metropole in jene im Norden der Stadt, die Wasser haben und jene im Süden, die beim Thema sichere Trinkwasserversorgung das Nachsehen haben.
Die Ziele der sozialen Bewegungen, die im Jahr 2000 erfolgreich die Privatisierung des lokalen öffentlichen Wasserversorgungsunternehmen SEMAPA verhindert hatten, schienen klar. Sie wollten nicht, dass Wasser zu einer Ware wird. Durch die Privatisierung sah man die Versorgung der Bevölkerung mit Trinkwasser gefährdet. Im Wasserkrieg waren es insbesondere die BewohnerInnen des Südens, aus Stadtteilen wie Mineros, die sich gegen die Privatisierung wehrten. An ihrer Situation hat sich bis heute nicht viel geändert.
Für diese (Nicht-)Entwicklung gibt es verschiedene Ursachen, die ein strukturelles Problem der Wasserversorgung darstellen und bereits vor dem Privatisierungsversuch bestanden. Die Wasserversorgung als solche ist im Tal von Cochabamba schwierig. Zwar gibt es genügend Niederschlag, der fällt aber nur in der Zeit zwischen November und April. Rückhaltesysteme für die Trockenzeit gibt es kaum. Die Gegend um die Stadt ist ein landwirtschaftlich sehr intensiv genutztes Gebiet mit hohem Wasserbedarf. Das Hochtal von Cochabamba gilt als eines der fruchtbarsten Gebiete und als Kornkammer des Landes. Aber auch die Stadt Cochabamba verbraucht immer mehr Wasser. Seit den fünfziger Jahren ist aus der beschaulichen Provinzstadt mit rund 75.000 Seelen eine Metropole von rund 700.000 EinwohnerInnen geworden. Den Bedarf an Wasser konnten die Versorgungssysteme von Cochabamba noch nie ausreichend decken.
Von der Privatisierung des Wassers versprachen sich die Regierenden eine Verbesserung der Infrastruktur durch ausländische Privatinvestoren. Aber nicht nur die Regierung hatte ein Interesse an der Privatisierung. Bereits Mitte der Neunziger Jahre machte die Weltbank neue Kredite an das öffentliche Unternehmen SEMAPA von einer Kapitalisierung und damit de facto Privatisierung abhängig. Ab 1997 trieb das Parlament die Privatisierung des Wassersektors voran und bereitete die Privatisierung von SEMAPA vor. Dazu gehörte auch die Konstruktion von Tiefbrunnen in den ländlichen Regionen um die Stadt. Diese sollten die Wasserversorgung der Stadt verbessern. Die Bohrungen stießen auf erheblichen Widerstand durch die Landbevölkerung, die sich schon längere Zeit unabhängig von dem Wasserunternehmen selbst versorgte. Sie befürchteten negative Folgen für den eigenen Wasserhaushalt, da das Wasser in die Stadt geleitet werden sollte. In der Auseinandersetzung um die Bohrungen entstand die FEDECOR, ein Lobbyverband kleiner und mittlerer LandbesitzerInnen mit Zugang zu Wasser.
FEDECOR entwickelte sich in den Unruhen gegen die Privatisierung zu einem der wichtigsten Akteure des Widerstands gegen die Konzession der Wasserrechte an das private Unternehmen Agua de Tunari. Nahezu zeitgleich mit dem Verkauf von SEMAPA an Agua de Tunari verabschiedete der bolivianische Kongress ein Gesetz, das dem Besitzer der Konzession die alleinigen Nutzungsrechte auf das Wasser in Cochabamba zusprach. Dies kam einer Enteignung der Mitglieder von FEDECOR gleich und stieß sofort auf massiven Widerstand der WasserbesitzerInnen. Auch der Verkauf von SEMAPA führte zu Protesten. Insbesondere für die armen Bevölkerungsschichten waren die erfolgten Preiserhöhungen katastrophal. Die Proteste waren so massiv, dass sich Agua de Tunari bereits vier Monate nach der Übernahme der Konzession wieder aus dem Wassergeschäft zurückziehen musste.

Ein Fünftel der Bevölkerung wird durch Tanklastwagen versorgt.

Die WasserbesitzerInnen von FEDECOR erhielten daraufhin ihre Wasserrechte zurück und SEMAPA wurde wieder in die öffentliche Hand überführt. In die neue Struktur des Unternehmens wurde eine Bürgerbeteiligung verankert. Sogenannte BürgerdirektorInnen (Directores Civicos), von der Bevölkerung gewählte RepräsentantInnen, gehören seither zum Vorstand von SEMAPA. Die Preiserhöhungen wurden zurückgenommen und die alte Rechtssituation wieder hergestellt. Hatte der Protest gegen die Privatisierung noch alle geeint, traten nach deren Verhinderung die Partikularinteressen der verschiedenen Akteure offen zu Tage. Die an die öffentliche Wasserversorgung angeschlossenen EinwohnerInnen im Norden der Stadt verloren nach der Rücknahme der Preiserhöhungen ihr Interesse am Thema. Die FEDECOR hatte die Wasserrechte ihrer Mitglieder gesichert. Nur die BewohnerInnen der südlichen Stadtteile blieben weiterhin von der öffentlichen Versorgung ausgeschlossen.
Bis heute werden in Cochabamba nach offiziellen Statistiken ein Fünftel der Bevölkerung durch Tanklastwagen versorgt. Die Dunkelziffer, so schätzen Experten, ist wegen des anhaltenden Zuzugs in die Stadt deutlich größer. Die Qualität des Wassers aus den Tankwagen ist katastrophal und die BewohnerInnen klagen immer wieder über verseuchtes Wasser. Der Preis des schlechten Wassers aus den Tanks beträgt ein Vielfaches dessen, was die zumeist wohlhabenderen BürgerInnen im Stadtzentrum für das Leitungswasser bezahlen müssen.
Trotz BürgerInnenkontrolle wurde das Ziel einer effektiven und transparenten Unternehmenspolitik in Sachen Wasser zum Wohle der BewohnerInnen von Cochabamba nicht erreicht. Vielmehr ist es den alten lokalen Eliten gelungen, ein System der Klientelpolitik zu installieren, in die sich teilweise auch die gewählten DirektorInnen hineinziehen ließen. Das führte dazu, dass die Wahlbeteiligung bei den Wahlen der DirektorInnen heute bei rund fünf Prozent liegen. Deswegen fordern inzwischen Teile der Basisbewegungen, die BürgerdirektorInnen wieder abzuschaffen und stattdessen eine Nachweispflicht des Vorstands gegenüber der Öffentlichkeit einzuführen.
Der weitere Ausbau der öffentlichen Trinkwasserleitungen steht in den Sternen. Aber selbst nach einem Ausbau wäre noch lange nicht gesichert, dass dann genügend Wasser vorhanden wäre, um die Leitungen zu füllen. Weder in Cochabamba noch überhaupt in Bolivien gibt es bisher ein Konzept für eine nachhaltige Wasserversorgung, das den Bedürfnissen der Bevölkerung gerecht wird und die Tatsache berücksichtigt, dass Wasser über weite Strecken des Jahres sehr knapp ist.

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