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Das Ende des Plano Real

Als Sandra Bentes am Sonntag von ihrem Urlaub in Miami nach Rio de Janeiro zurückkam, empfingen sie am Flughafen Kameras des brasilianischen Fernsehens. Was sie denn von der Abwertung der brasilianischen Währung halte, wollten die Reporter hören. Die Touristin wußte von nichts, bekam aber einen gehörigen Schreck: Alle ihre mit Kreditkarte getätigten Käufe in US-Dollar werden fast 20 Prozent teurer zu Buche schlagen, als sie dachte. Denn soviel verlor der Real in den ersten zwei Tagen nach der Wechselkursfreigabe an Wert. „Jetzt bin ich geliefert“, lautete ihr erster Kommentar. Insbesondere der Mittelschicht, die ihr Einkommen in Real erzielt, aber vieles auf der Basis von US-Dollar-Krediten kauft, wird der Wertverlust der Währung zu schaffen machen. Für den größten Teil der Bevölkerung sind die Turbulenzen an den Finanzmärkten jedoch abstrakte Nachrichten ohne unmittelbare Konsequenzen.

Seifenoper schlägt Börsencrash

Das ganze Land saß am Wochenende vor dem Fernseher. Aber nur wenige verfolgten die letzten Neuigkeiten von der Börse. Alle anderen fieberten dem Ende der seit Monaten laufenden Telenovela (Seifenoper) „Der Turm von Babel“ entgegen und erfuhren endlich, wer denn nun das Shopping Center in die Luft gejagt hatte. Das Desinteresse der breiten Bevölkerung an den Turbulenzen des Finanzmarktes ist verständlich. Wer keine Dollar oder Aktien besitzt und nicht nach Miami reisen kann, merkt vorerst überhaupt nichts.
Das internationale Interesse am brasilianischen Markt ist hingegen groß, schließlich hatten die Schwierigkeiten der brasilianischen Währung Anfang vergangener Woche weltweit zu Kursstürzen an den Börsen geführt. Die unmittelbare Zukunft der Kapitalmärkte hängt jetzt von Brasilien ab. Mitte Januar geschah das, was viele Experten vorhergesehen hatten: Die überbewertete brasilianische Währung Real hielt den Turbulenzen nicht stand, der Wechselkurs wurde freigegeben, prompt fiel der Real in nur zwei Tagen um fast 20 Prozent. Aber die Bewährungsprobe steht noch aus. Erst in den nächsten Wochen wird sich entscheiden, ob die Abwertung in Grenzen gehalten werden kann oder der Real ins Bodenlose stürzt – mit unabsehbaren Folgen für das südamerikanische Land und die internationalen Finanzmärkte. „Wir sind aus dem Fegefeuer heraus, jetzt heißt es Himmel oder Hölle,“ beschreibt der ehemalige Planungsminister Kandir die Perspektiven des Landes.
In der Telenovela nahm alles seinen geordneten und vorhersehbaren Gang: der Bösewicht wurde entlarvt und die glücklichen Paare haben sich gefunden. Leider ist die Welt der Wirtschaft unübersichtlicher als die der Seifenopern. Zwar sind alle Täter wohlbekannt, aber es gibt keinen Konsens, wer denn nun der Bösewicht sein soll. Ist es die Regierung, die ihre Hausaufgaben nicht gemacht hat, ist es die Gier der internationalen Spekulanten, der Internationale Währungsfonds (IWF) oder sind die Oppositionspolitiker für alles verantwortlich, weil sie die Schulden der Bundesstaaten nicht zahlen wollen? Nicht einmal über den Charakter der Tat ist man sich einig. War es ein Verbrechen, ein Attentat oder eine notwendige Operation?

Unhaltbare Situation

Einig ist man sich nur darüber, daß die Situation des Landes in den letzten Wochen unhaltbar geworden war. Nach dem von Rußland verkündeten Moratorium im August letzten Jahres setzte eine Kapitalflucht aus Brasilien ein: Innerhalb eines Monats wurden 26 Milliarden US-Dollar aus dem Land abgezogen. Ein Sparpaket und eine vom IWF koordinierte Finanzspritze sollten das Vertrauen in das Land wiederherstellen, das sich ungerechterweise mit Rußland in einen Topf geworfen sah. Doch Anfang des Jahres erklärte plötzlich der Expräsident und neugewählte Gouverneur des bedeutenden Bundesstaates Minas Gerais, Itamar Franco, seine Kasse sei leer und er werde fällige Schulden beim Staat und auch beim Ausland vorerst nicht zurückzahlen. „Zuerst müssen die Beamten ihr Gehalt und die Häftlinge zu essen bekommen,“ polterte Franco.
Jetzt war das Unwort Moratorium wieder in den Schlagzeilen, die Kapitalflucht stieg erneut. Zunächst riskierte die Regierung am Donnerstag eine kontrollierte Abwertung. Der Real verlor acht Prozent, aber die Finanzmärkte gewannen kein Vertrauen. Knapp zwei Milliarden Dollar flossen noch am selben Tag ab. Es gab kein Halten mehr, die Devisenreserven hatten die kritische Grenze von 30 Milliarden erreicht. Am Freitag mußte die Regierung den Wechselkurs freigeben und damit eine Operation mit maximalem Risiko eingehen.

Suche nach dem Schurken des Stücks

Ist also an allem ein Itamar Franco schuld, der 1994 den jetzigen Präsidenten Fernando Henrique Cardoso zu seinem Nachfolger kürte, sich inzwischen aber von ihm verraten fühlt? Daß ein rachsüchtiger Provinzgouverneur die internationalen Finanzmärkte erschüttern kann, würde die Vertreter der Chaostheorie freuen, die glauben, daß der Flügelschlag eines Schmetterlings einen Wirbelsturm auslösen kann. Nur legen die Fakten eine andere Version nahe: Die Regierung bekommt die Rechnung für ihre Politik präsentiert. Sie ist hohe Risiken eingegangen und hat sich verkalkuliert.
1994 litt das Land unter einer Hyperinflation, die 30 Prozent im Monat erreichte. Immer wieder waren Wirtschaftspläne, die die Inflation unter Kontrolle bringen sollten, gescheitert. Erst im Juni 1994 vom damaligen Finanzminister Cardoso lancierten „Plano Real“ gelang das Kunststück. Die Inflation sank, Cardoso wurde zum Präsidenten gewählt – und die Inflation stieg nicht wieder an. Entgegen den Kassandrarufen der Opposition hat sich der „Plano Real“ nicht als Wahlkampfmanöver erwiesen sondern als wirksames Mittel der Inflationsbekämpfung. Im vergangenen Jahr erreichte die Teuerungsrate praktisch die Nullmarke. Dieser Erfolg sicherte auch die Wiederwahl Cardosos im letzten Oktober. Aber jetzt werden die Schattenseiten dieser Wirtschaftspolitk sichtbar. Die Inflationsbekämpfung beruhte vor allem auf einer Währungspolitik, die zur Aufwertung des Reals führte. Konsequenz: Die Importe wurden billiger, die Exporte teurer und Brasilien, das jahrelang Außenhandelsüberschüße produziert hatte, erwirtschaftete immer höhere Defizite. Kein Problem, versicherte die Regierung: die billigen Importe zwingen unsere Wirtschaft zur Modernisierung und stabilisieren die Preise. Aber um wachsende Defizite zu finanzieren, mußte die Regierung ausländisches Kapital mit hohen Zinsen anlocken. Wenn die Regierung sich heute über Finanzspekulationen gegen Brasilien beklagt, so ist das zumindest scheinheilig. Schließlich ist klar, daß Finanzkapital nicht wegen Samba und Palmen oder gar aus sozialen Gründen nach Brasilien geströmt ist, sondern der Gewinne wegen. Nach der Rußlandkrise mußte die Regierung die Zinsen gar auf über 40 Prozent hochschrauben, um noch Kapital anzuziehen. Das hält keine Volkswirtschaft auf Dauer aus. Die Folgen der Hochzinspolitik waren schon im vergangenen Jahr spürbar. Nicht nur die Inflation, auch das Wirtschaftswachstum tendierte gegen Null. Steigende Arbeitslosigkeit, wachsende Verschuldung und schwindende Sozialausgaben sind die Folgen. Viele brasilianische Firmen, insbesondere im Textilsektor, mußten ihre Tore schließen, weil sie mit den Billigimporten aus China nicht mithalten konnten. Als dann die Rußlandkrise ausbrach, wollten Regierung und IWF die Krise wieder mit denselben Mitteln bekämpfen: hohe Zinsen und weitere Einsparungen. Jetzt wurde deutlich, daß das mit dem IWF ausgehandelte Programm dem Land eine weitere Rezession auferlegen würde. Damit lief Brasilien Gefahr, eine Wirtschaftspolitik nach dem Motto „Operation geglückt – Patient tot“ zu betreiben.

Soziale Kälte

Die Opposition wirft der Regierung soziale Kälte vor. Für Lula da Silva von der Arbeiterpartei ist klar, daß Präsident Cardoso sich mehr dem internationalen Kapital verpflichtet fühlt als dem eigenen Volk. „Wenn die Regierung nichts tut, dann kommt der soziale Zusammenbruch,“ prophezeit Lula, der bei den Wahlen im vergangenen Oktober einziger ernstzunehmender Konkurrent Cardosos war.
Kann die Abwertung der Währung die düsteren Perspektiven abwenden? Falls der Real nicht ins Bodenlose fällt, hat die Maßnahme durchaus positive Aspekte: Die brasilianischen Exporte werden wettbewerbsfähiger, Importe und das Handelsbilanzdefizit gehen zurück und die Regierung könnte Spielraum für Zinssenkungen gewinnen. Auf der anderen Seite wird die Bedienung der Auslandsschuld, die bei etwa 300 Milliarden US-Dollar angelangt ist, schwieriger, weil der Staat seine Steuereinnahmen in Real erzielt. Auch viele Firmen, die ihre Einnahmen überwiegend oder ausschließlich in Real erzielen, aber sich in Dollar verschuldet haben, stehen vor demselben Problem: Es müssen mehr Real auf und für die gleiche Dollarschuld bezahlt werden als vor der Abwertung.
Die Verteuerung der Importe wird einen Inflationsschub auslösen, erste Schätzungen gehen von einer Rate von 7 Prozent für 1999 aus. Zwar wurde der Anstieg der Börse am Freitag um 33 Prozent als Vertrauensbeweis gewertet, doch die Krise wird andauern. Und Sandra Bentes wird in Zukunft zweimal zögern, bevor sie ihre Kreditkarte zückt.

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