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Das Genie erprobt sich im Detail

Andrés Fava ist eingefleischten KennerInnen des kosmopolitischen Argentiniers (1914–1984) aus dem posthum erschienen Roman Die Prüfung bekannt. Um 1950 verfaßt, sollte darin ursprünglich auch ein fiktiver Tagebuchtext von Fava enthalten sein – ein Plan, den Cortázar später verwarf. So mußte dieser Text noch ein paar Jahre länger warten, bis er als eigenständiges Buch herausgekommen ist.
Nachdem Julio Cortázar bis Ende der 40er Jahre überwiegend Gedichte veröffentlicht hatte, begann er nun vermehrt Kurzgeschichten und auch einen längeren Roman zu schreiben, von denen die meisten der Selbstkritik jedoch nicht standhielten. Er warf sie weg oder legte sie in einer Schublade ab, bis er 1951 mit Bestiario seine erste Geschichtensammlung veröffentlichte. Zu den wenigen Texten, die er aufbewahrte, zählt auch Andrés Favas Tagebuch.
Als Cortázar daran schrieb, lebte er als Lehrer auf dem Land in Argentinien. Wenig später sollte er mit Reisen und schließlich endgültigem Übersiedeln nach Paris sein – wie er meinte – einsam zelebriertes Leben, gewidmet den Bibliotheken und Büchern, gegen ein bewegtes und kontaktreiches Leben in Paris eintauschen. Diese Verschiebung macht sich auch in seiner Literatur bemerkbar: Bereits in Andrés Favas Tagebuch sind die Suche nach Intensität und die Aufforderung zur Authentizität erkennbar, auch wenn sie noch in keinster Weise die Vereinahmungskraft von Rayuela haben.

Ein paradoxes Tagebuch

Cortázar hat einmal über seine Prosa gesagt, daß sich bis zu der Kurzgeschichte Der Verfolger (1959) die Personen mehr um die Geschichte gedreht haben als die Geschichte um die Personen. So paradox es klingen mag, trifft diese Beschreibung auch auf das Tagebuch zu. Obwohl aus der Innensicht einer Person geschrieben, nimmt diese für den Leser keine klare Gestalt an. Sie fungiert als Medium für philosophische, anthropologische und literaturtheoretische Überlegungen, die streng genommen zwar die ihren sind und sie in dieser Hinsicht auch charakterisieren, ihr jedoch im Ganzen wenig Leben einhauchen.
Für Cortázar war die Literatur immer ein großes, ernstes Spiel. Andrés Favas Tagebuch ist ein solches raffiniertes Spiel mit der Sprache und den Ideen. Dieses gut hundertseitige Buch ist ein Mosaik von sehr lose zusammenhängenden Tagebucheinträgen. Seine Notizen erzählen keine Geschichte; es wird überhaupt viel weniger erzählt als vielmehr eine Vielzahl von Bildern erzeugt. Es gibt keine Entwicklung, weder in der Figur Favas noch in irgendeiner anderen zitierten Person.
Mit Andrés Fava schafft Cortázar eine Figur, die in variierter Form in vielen seiner folgenden Werke wieder auftaucht. Hier ist es die eines Schriftstellers, der hingebungsvoll die Fühler des Intellekts in alle physischen und metaphysischen Sphären ausfährt.
Wichtig ist dabei die Sprache selbst. Cortázar hält wenig von einem Sprachgebrauch, bei dem Wörter nicht mehr sind als Begriffe, mit denen die Welt sozusagen eins zu eins gedeutet werden könnte. Sprache als Erkenntnisinstrument – das ist Cortázar zu dürftig. Statt das Schreiben als horizontale Abfolge zu denken solle es heißen: „mit einem Schlag auf dem Papier das verstreuen, verspritzen, was tatsächlich ein Wellenschlag, ein globales Erlebnis ist“, um so der „physischen oder fiktiven Materie“, die er ausdrücken will, so nah wie nur möglich zu sein.
„Geh durch mich wie Licht durch ein Kirchenfenster: mach dich zum Wort, sei da. Unwichtig die Abfolge der Elemente, unwichtig ob du tatsächlich das Fenster bist und das Wort dich erhellt, indem es dich zum Sein bringt, oder ob du das lautere Licht bist und mein Wort (deines, ja, aber meines) nach und nach Fenster wird, das dir für immer einen Sinn gibt. Für die anderen ist es das Wunder.“

Prosa wie Seegang

Auf der einen Seite finden wir diese großen und ernsthaften Spiele des Intellekts, auf der anderen Seite faszinieren Fava die Träume und das ehrgeizlose Wissen des Kindes und seine außerordentlich sensible Sicht und Interpretation der Welt. In ihnen findet er einen Ausdruck der mit dem Erwachsenwerden schwindenden Phantasie, welche er schriftlich zurückzuholen versucht.
Er will der Zeit, wenn sie als Korridor gedacht wird, trotzen. Sein Leben bewegt sich dabei immer zwischen Fatalität und Freiheit. Es dreht sich gleichermaßen um Jugendlieben, Gedichte und Musikstücke, Überlegungen zu Werken anderer Schriftsteller, Kinderphantasien unter dem Laken eines Sommerbettes, Methaphysik und ungesüßten Mate. Witz fehlt ihm dabei nicht, so daß das Buch weder schwermütig noch abgehoben wirkt. Bloß die Verärgerung, daß das Leben eben keine Jacke ist, die man nach Belieben wechseln kann, bleibt.
„Mensch ist, wer im Stande ist, neben dem tönenden Schiffskatalog eine mindere Inventarliste zu fertigen von Käferflügeln, Pausen, Blicken, einem beim Gang durch ein trockenes Bachbett gepfiffenen negro spiritual, Geschmäcken, Sätzen von Colette oder Nathalie Crane, Namen, Gesten, einzelnen Versen und dem Blau lauterer Brauen und allem, was von einer Sekunde zur nächsten das Leben aufrechterhält. Vergiß nicht Schwimmer, die große Welle, die dich trägt, rollt über den verborgenen Rücken der Sände.“
Die konzentrierte Sprache, die Atmosphären erzeugt, ohne sie groß zu beschreiben, läßt manche Passagen wie Gedichte und Aphorismen wirken. Grundlegend dafür ist die innere Logik des cortazianischen Spiels: indem er alles Unnötige, Phrasenhafte wegläßt, schafft er Spannung. Ökonomie einmal um der Intensität willen. Cortázar verkleidet etwas nicht mit Worten, er entkleidet.
Dieses gelingt ihm mal mehr und mal weniger beeindruckend. Manchmal mag es jedoch passieren, daß das geballte kreative Potential, das bei der höchstmöglichen Reduktion entsteht und in dem Spannungsfeld zweier Wörter, Sätze oder Blöcke steht, auf den Leser überspringt. Vielleicht dauert Cortázar-Lesen deshalb so lange – weil da so viel mehr steht, als geschrieben ist und noch zu so viel mehr einlädt. Oder, um es mit Borges’ Worten zu sagen: „Der Stil wirkt achtlos, aber jedes Wort ist bewußt gewählt. Niemand kann den Plot eines Textes von Cortázar nacherzählen; jeder Text besteht aus bestimmten Wörtern in einer bestimmten Ordnung. Wenn wir versuchen, ihn zusammenzufassen, stellen wir fest, daß etwas Kostbares verloren gegangen ist.“

Fehlender Gesamtakkord

Doch der fragmentarische Stil, der in den einzelnen Textabschnitten gerade die Prägnanz ausmacht und Plastizität hervorruft, schafft es nicht, diese der Figur Fava zu verleihen. Ihm fehlt eine Spannung als Ganzes. Oder um es cortazianisch zu sagen: Es fehlt ein wenig der Swing, der volle Akkord. Aber ein zusammenhängendes Gesamtbild zu schaffen, kann bei diesem Tagebuch auch kaum die Absicht gewesen sein. Es lebt gerade von den Details.
Wem also das Paradoxon des etwas unpersönlichen, fragmentarischen Tagebuchs nichts ausmacht, wer das (ernste) Spiel mit der Sprache liebt, sich von Cortázars Originalität verblüffen lassen möchte und Spaß daran hat, etablierte Bedeutungssysteme herauszufordern, der wird hier aufs Beste bedient.

Julio Cortázar: Andrés Favas Tagebuch. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1999, 116 S.

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