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„Das Paradies ist anderswo“

Haiti ist das Land, in dem ich lebe und schreibe, ein Land, über das ich mich nicht unbeteiligt äußern kann, über das ich nicht schreiben kann, ohne Partei zu ergreifen, ein Land, über das ich stets Unbehagen, für das ich stets Zärtlichkeit empfinde.“
Nur wenige haitianische Schriftsteller leben in Haiti. Die meisten gingen ins Ausland, nach Québec, nach Frankreich oder in die USA. Evelyne Trouillot, geboren 1954 in Port-au-Prince, studierte in den USA Literaturwissenschaft und Pädagogik, kehrte dann aber nach Haiti zurück und arbeitet heute als Schuldirektorin. Nachdem 1996 der französisch-kanadische Verlag L’Harmattan erstmals Erzählungen von ihr veröffentlichte, hat nun auch der Lamuv Verlag den Mut gefasst, dieses noch relativ unbekannte Talent den deutschsprachigen LeserInnen vorzustellen.
Trouillot erzählt in Hallo…New York von den tagtäglichen Kämpfen der Menschen auf Haiti, die inmitten von Armut und Gewalt die Hoffnung auf ein wenig Glück nicht aufgeben wollen. Doch die Hoffnungen und Sehnsüchte prallen immer wieder auf die ausweglose Realität. Nur allzu schnell werden aus ihren Träumen Alpträume. Das Paradies liegt nicht auf Haiti, das Glück kann es anscheinend nur in der Ferne geben, in New York zum Beispiel.
Im Mittelpunkt von Trouillots Erzählungen stehen Frauen unterschiedlichen Alters. Diese sind auf den ersten Blick nicht stark und schön, sind keine Heldinnen im klassischen Sinn, sondern ganz einfach Menschen, die mehr schlecht als recht leben. Da ist das Dienstmädchen, das seine kranke Tochter verschweigen muss, um eine Anstellung zu bekommen, die alte Jungfer, die einsam in einem Krankenhaus stirbt, oder die Ehefrau, der die Worte verloren gehen. Da ist die geistig Behinderte, die auf ihren Freund wartet, den es vielleicht nie gegeben hat, der weibliche Engel, der in das Innenleben einer armen Familie schlüpft und daraufhin beschließt, lieber nie geboren zu werden. Da ist das kleine Mädchen, dessen Mutter auf der Flucht in die USA im Meer ertrunken ist, und die alte Frau, die miterleben muss, wie ihr geliebter, einziger Sohn vor ihrer Haustür vom Militär erschossen wird. Da ist aber auch die Touristin, die sich lustvoll den verschlingenden Wellen hingibt. Mal sind die Erzählungen wie Momentaufnahmen, mal wie Skizzen eines Lebens. Doch sie zeugen allesamt von dem Unbehagen der Autorin über Haiti, aber auch von ihrer Zärtlichkeit für diese Insel.
Diese Zärtlichkeit tritt vor allem in Erzählungen zu Tage, in denen die Welt sich für einen Augenblick langsamer zu drehen scheint. Gerade diese Geschichten, in denen die Handlung sich auf ein paar Stunden oder auch nur Augenblicke verkürzt und minuziösen Beschreibungen Platz macht, sind der Autorin besonders gelungen. Trouillot scheint ihre Mitmenschen sehr aufmerksam und liebevoll zu beobachten; mit feinen Strichen zeichnet sie ihre Umgebung nach. Mit einer sehr assoziativen Wortwahl schafft sie überraschende Bilder, durch die die Menschen und ihre Gefühle lebendig werden, die die Atmosphäre geradezu zum Vibrieren bringt. In anderen Geschichten bleiben die Figuren etwas hölzern, die Handlung wirkt konstruiert. Wenn man die Erzählungen hintereinanderweg liest, ähneln sich manchmal Spannungsaufbau und Überraschungseffekte. Doch die Glanzstücke in diesem Erzählungsband machen solche Schwachstellen wett.

Blutbad im Sonnenschein

Die Zärtlichkeit der Sprache, der Beschreibung lindert auch das Unbehagen, das sich wie ein düsterer Unterton durch die Erzählungen zieht. Je mehr man liest, desto weniger hofft man noch auf ein Happy-End, auf eine mutspendende, zuversichtliche Botschaft. Denn nach dem schockierenden Ende der ersten Erzählung wird klar, dass das Grauen hinter der nächsten Straßenecke lauert, dass ein friedlicher, sonniger Nachmittag mit einem brutalen Massaker enden kann.
In dieser Erzählung mit dem Titel „Eine kleine weiße Karte mit einem roten Fleck…“ ist Wahltag. Ein junges Mädchen geht erwartungsvoll und etwas bang zum Wahllokal. „Voller Trotz gab ihre Lebensfreude dem tiefen Seufzer, der ihr herausgerutscht war, einen Klaps und den Beinen einen kleinen Puff und so, als hätten sie nur darauf gewartet, nahmen diese ihren schwungvollen Gang wieder auf.“ Das Leben ist nicht einfach, aber heute kann sie das erste Mal in ihrem Leben wählen gehen. Sie sieht die vielen Journalisten und Fotografen, empfindet dabei eine ihr ganz neue Befriedigung und möchte immer wieder das kleine Papier in ihrer Tasche streicheln, „dieses winzige Symbol einer so großen Hoffnung“. Doch dann zerstört ein brutales Massaker diese Hoffnung und verwandelt das Wahllokal in eine „Schlachthofszene“, und das junge Mädchen gleitet „zu Boden wie eine Marionette, die der Puppenspieler beiseite gelegt hatte. […] Als ob nichts geschehen wäre, vergnügte sich die Sonne damit, die Schnalle [ihres Schuhes] aufblitzen zu lassen; mit der gleichen Unbekümmertheit ließ sie ihre Strahlen zwischen zerfetzten Eingeweiden, ausgekugelten Gelenken und abgeschnittenen Köpfen spielen. Ein kleiner frecher Wind kam dazu; er hob ein paar tote Röcke, zerzauste blutiges Haar und blies schließlich gegen eine winzige zerknüllte Karte mit einem roten Fleck. Er stupste sie Stufe um Stufe die Treppen hinunter und ließ sie achtlos im schmutzigen Rinnstein liegen.“

Stinkendes Paradies

Nicht nur die Gewalt der Militärs bedroht Trouillots Protagonistinnen. Der Geruch der Armut, der Gestank des Unglücks dringt in alle Poren und erinnert sie an ihre ausweglose Lage, sie können ihn nicht vergessen, nicht hinter sich lassen. „Es war der Geruch von ergrautem und schmutzigweiß vergilbtem Haar, von ungesunder Haut, von offenen Wunden, von krankheitsbringendem Atem, vom Atem leidender Kinder, von Kindern mit großen, leeren Augen, von Frauen, die mit dreißig schon alte Frauen waren, von gespenstisch dünnen Männern. Der Atem des Unglücks, der Totenwachen und der Hölle.“ Es ist dieser Geruch, der sich mit dem Leid Haitis verbindet: „Die Armut lässt aus Träumen Alpträume werden und zwingt die Hoffnungen und den Mut der Frauen und Männer in die Knie“. Das Land der Träume sind die USA mit ihrer Verschwendungssucht und all den Dingen, die man nicht braucht. Und auch in den Träumen vom Paradies spielt der Geruch eine große Rolle. Wenn Verwandte aus den USA zu Besuch kommen, dann riechen sie nach Plastik, Schnee und Dollars, sie riechen „nach Neuem, nach frisch Gekauftem“. Evelyne Trouillot scheint nicht viel von diesem Paradies zu halten. Die einzige Protagonistin, die tatsächlich in den USA angekommen ist, stirbt einsam in der sterilen Atmosphäre eines New Yorker Krankenhauses. Doch für die meisten erscheint die Flucht von der Insel als einzige Rettung, als Lösung für alle Probleme. Denn „das Paradies ist anderswo“. Und wer Haiti nicht verlassen kann, der träumt von New York, um der „ausweglosen Verzweiflung“ wenigstens für einen Augenblick zu entfliehen.
Ein anderer Ausweg ist die Literatur, ist das Schreiben: „Die Gedanken des Schreibenden besitzen die magische Fähigkeit, die Welt zu überfliegen und von oben zu betrachten, sie zu umarmen und sofort wieder von sich zu schleudern, sie auseinander zu nehmen und ihre Mauern einzureißen.“ Dies ist wohl Trouillots Weg, in dieser „Atmosphäre aus Sonne und Unwettern“ zu leben und immer wieder zu sagen „Hallo … Haiti“.

Evelyne Trouillot: Hallo … New York. Erzählungen aus Haiti. Mit einem Nachwort der Autorin, aus dem Französischen von Cornelia Panzacchi. Lamuv Verlag, Göttingen 1999, 176 S., 9,90 Euro.

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