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Das “Weiß-Machen” geht weiter

Nach offiziellen Zahlen gibt es in Kolumbien 10,5 Millionen Menschen afrokolumbianischer Abstammung (26 Prozent der Bevölkerung), die über das ganze Land verteilt sind. Obwohl sie an der Pazifikküste die absolute Mehrheit stellen (90 Prozent der Bevölkerung, etwa eine Million Menschen), leben die meisten Afro-KolumbianerInnen in den Städten.
Die Nachfahren der AfrikanerInnen, die von den Europäern entführt wurden, um als Sklaven in Bergwerken und auf Plantagen zu arbeiten, waren seit ihrer Ankunft Opfer von Ausbeutung und Unterdrückung – eine Situation, die sich mit der Unabhängigkeit nur geringfügig änderte. Trotz des beständigen Kampfes eines Teils der schwarzen Gemeinschaften, ihre Autonomie zu bewahren und als Ethnie anerkannt zu werden, besteht in der Gesellschaft eine ethnozentristische Sichtweise fort, die die schwarze Geschichte wie die anderer “Minderheiten” unsichtbar macht, den schwarzen Beitrag zur Herausbildung des Landes leugnet und ihre Rechte ignoriert.
Das “Weiß-Machen” (blanqueamiento) der Beziehungen und Gebräuche, das vor allem die Sklaverei rechtfertigen sollte, ist bis heute Zeichen des Fortschritts, der Anerkennung und der Ordnung. Indígena oder schwarz zu sein wird immer noch als Pseudonym für Faulheit, Unfähigkeit, Gefährlichkeit oder Dummheit verwendet. Das real existierende Kolumbien wehrt sich, seine Diversität zu akzeptieren, insbesondere weil dies tiefschürfende soziale Veränderungen nach sich ziehen würde. In letzter Zeit wurden zwar Gesetze verabschiedet und man sprach viel von den ethnischen Gruppen, aber in der Praxis unternahmen die sozialen Akteure, darunter auch die ethnischen Gruppen selbst, nur wenig, um das “multi-ethnische und -kulturelle Kolumbien” aufzubauen, von dem in Erklärungen und Gesetzen so viel die Rede ist. Selbst in der Linken und den revolutionären Organisationen, die die kulturelle Autonomie von Schwarzen und Indígenas mit politischen Kampagnen zu unterstützen versuchten, fehlt es immer wieder an Verständnis für die Diskriminierung, die die Angehörigen von Minderheiten täglich erleben. Der weiße Blick macht auch vor den Linken nicht Halt.

Krasse Armut

In Anbetracht dieser Situation überrascht es wohl kaum, daß die von den ethnischen Gruppen bewohnten Regionen die höchsten Armutsraten besitzen. Die Statistiken verweisen darauf, daß die Lebensverhältnisse der AfrokolumbianerInnen deutlich unter dem Bevölkerungsdurchschnitt liegen und weit von jenen Parametern entfernt sind, die im internationalen Rahmen als Bedingungen für ein menschenwürdiges Leben gelten.
So können 80 Prozent der Schwarzen ihre Grundbedürfnisse nicht befriedigen und leben in absoluter Armut. Ihr durchschnittliches Pro-Kopf-Einkommen beträgt nur ein Drittel jener 1.500 US-Dollar jährlich, die den nationalen Durchschnitt darstellen. 75 Prozent der Schwarzen beziehen Einkommen unterhalb des gesetzlich festgelegten Mindestlohns. Ihre Lebenserwartung beträgt nur 55 Jahre (der Landesdurchschnitt liegt bei 65 Jahren). Die Kindersterblichkeit in einigen Pazifikregionen erreicht 191 Todesfälle auf 1.000 Lebendgeburten, was deutlich über dem Landesdurchschnitt von 39 Todesfällen liegt. Aufgrund der schlechten Gesundheitsversorgung und fehlender Trinkwasseranschlüsse, Kanalisationen und Müllentsorgung werden die schwarzen Gemeinden besonders stark von Cholera, Malaria, Typhus, Hepathitis und Durchfall- und Atemwegserkrankungen heimgesucht. Verschärft wird diese Situation durch die schwere Krise des Gesundheitssystems, das als Folge der neoliberalen Regierungspolitik immer geringere Mittel zur Verfügung gestellt bekommt. Zudem hat nur ein kleiner Teil der schwarzen Bevölkerung überhaupt Zugang zum Sozialsystem. An der Pazifikküste existiert nur in drei von 42 Gemeinden ein öffentliches Gesundheitswesen.
Auch der Analphabetismus der afrokolumbianischen Bevölkerung ist mit 43 Prozent auf dem Land und 20 Prozent in den Städten höher als sonst in der Gesellschaft. In den ländlichen Regionen der Pazifikküste erreicht die Grundschulerziehung nicht einmal die Hälfte der Bevölkerung, ein sekundäres Erziehungssystem funktioniert fast gar nicht. Nur zwei von 100 schwarzen Jugendlichen, die an der Paziffikküste das höhere Schulwesen beenden, gehen auch auf die Universität.

Arbeit auf unterstem Niveau

Und schließlich ist auch die Art der Erziehung in Frage zu stellen. Das Erziehungswesen in Kolumbien ist homogenisierend, es ignoriert die Beiträge und die Realität der ethnischen Gruppen. Nicht einmal in den Regionen, in denen diese die Mehrheit darstellen, gibt es Programme, die die soziokulturellen Eigenheiten und Interessen der schwarzen Gemeinschaften berücksichtigen.
Ein hoher Prozentsatz der schwarzen Bevölkerung verdingt sich als unqualifizierte Arbeitskraft in ungeschützten und extrem schlecht bezahlten Beschäftigungsverhältnissen. An der Pazifikküste, wo die Bevölkerung noch nicht von Paramilitärs vertrieben wurde, leben die Schwarzen auf Subsistenzniveau und arbeiten als Goldsucher, Kleinbauern, Fischer oder Holzfäller. Dort, wo die Bevölkerung nicht mehr über das eigene Land verfügt, wo der Grundbesitz in den Händen weniger konzentriert ist, verdienen die meisten ihr Geld als Landarbeiter in der Agroindustrie – Bananen, Zuckerrohr – oder in Bergwerken.
In den Städten hingegen finden Schwarze meist nur auf dem Bau, als Müllentsorger, Straßenfeger oder in der informellen Wirtschaft (Müllrecycling, Straßenverkäufer, Glücksspiel etc.) eine Arbeit. AfrokolumbianerInnen mit höherer Bildung werden meist nur vom Staat angestellt. Besonders ausgeprägt ist dies an der Pazifikküste. Dort jedoch setzt die staatliche Verwaltung ihre Lohn- und Pensionszahlungen oft jahrelang aus.
In der Privatwirtschaft ist die Präsenz von AfrokolumbianerInnen sehr gering. Das hat dazu geführt, daß es in einigen Einkaufszentren von Cali, Medellín und Bogotá Protestaktionen gegen Rassismus gab. Auch transnationale Unternehmen in der Kohle- und Ölförderung wurden erst durch Proteste dazu gezwungen, Schwarze zu beschäftigen.

Auswirkungen des Neoliberalismus

Der Einbruch der nationalen Wirtschaft hat auch die Lebensverhältnisse der schwarzen Bevölkerung deutlich verschlechtert. Während zur Lösung der Armutsprobleme eigentlich soziale Investitionen notwendig wären, haben die IWF-Rezepte eine Verringerung der öffentlichen Ausgaben, die Privatisierung der Sozialversorgung und die Schließung von Staatsbetrieben nach sich gezogen. Die Tendenz, daß sich der kolumbianische Staat immer stärker darauf beschränkt, Infrastruktur für das Kapital bereitzustellen sowie Sicherheit und Rentabilität von Investitionen zu gewährleisten, hat die soziale Last für die schwarzen Communities vergrößert.
Inzwischen dürfte etwa die Hälfte der AfrokolumbianerInnen keine Arbeit mehr haben. Diejenigen, die vom Staat abhängig sind, sind von den Haushaltssperren betroffen, die zahlreiche Behörden verhängt haben. Eine derartige Situation findet man sowohl im Chocó, als auch in Cauca, Nariño und an der Atlantikküste. Wenn man weiß, daß selbst in Buenaventura, wo 60 Prozent des kolumbianischen Außenhandels abgewickelt werden, wegen der Regierungskorruption und falscher Steuerpolitik seit Monaten keine Löhne mehr gezahlt werden, kann man sich vorstellen, wie die Lage in den ärmeren Regionen aussieht.
Die durch das neoliberale Modell erzeugte Konkurrenz hat die wirtschaftlichen Eliten des Landes dazu bewogen, sich auf jene Sektoren des Weltmarkts zu konzentrieren, wo man aufgrund komparativer Vorteile eine Chance zu besitzen glaubt. Sie setzen dabei weder auf den industriellen Bereich, der aufgrund technologischer Rückständigkeit und fehlender Infrastruktur keine echten Entwicklungschancen bietet, noch auf den traditionellen agroindustriellen Sektor, wo die internationale Konkurrenz zu groß ist. Man konzentriert sich auf die Ausbeutung von Ressourcen, den Bau von Großprojekten, die die internationale Warenzirkulation garantieren (Verkehrsprojekte etc.) und den Drogenhandel.

Globalisierung und Gewalt

Früher beruhte das Wirtschaftsmodell auf der Importsubstituierung und der Stärkung interner Märkte. Die Entwicklungszentren waren hierbei die zentrale Andenregion zwischen Cali, Medellín und Bogotá sowie einige Küstenstädte, die über Überseehäfen verfügten. Der Rest des Landes, der fast ausschließlich von den ethnischen “Minderheiten”, Kleinbauern und Kolonisatoren bewohnt wurde, fand kaum Berücksichtigung. Heute, wo die Eliten verzweifelt nach einer Lücke auf dem Weltmarkt suchen, stellt man fest, daß die natürlichen Ressourcen – Artenvielfalt, fossile Brennstoffe, wertvolle Metalle – hauptsächlich in den bisher marginalisierten Regionen zu finden sind. Auch der Drogenhandel sowie die möglichen infrastrukturellen Großprojekte (interozeanische Verkehrsverbindung, Panamericana-Straße) verleihen nun den Randgebieten enorme strategische Bedeutung.
In dieser neuen Situation werden die bisher marginalisierten ethnischen “Minderheiten” und Kleinbauern zu Opfern brutaler Offensiven. Zynischerweise zielt die paramilitärische Gewalt in manchen Regionen auf die massive Vertreibung der Bevölkerung, in anderen “nur” auf die Zerschlagung sozialer Organisationen ab. Dort, wo man das Know-How der Schwarzen und Indígenas braucht, also in jenen Regionen, deren Biodiversität für gentechnologische Zwecke genutzt werden soll, ist das Vorgehen des Paramilitarismus selektiver. Man setzt nicht auf Massenvertreibungen, sondern auf Beseitigung widerständischer Gruppen.
Die Gewichtung der Gewalt in Kolumbien zeigt die eindeutige Verbindung von strategischen Großprojekten sowie natürlichen Ressourcen einerseits und paramilitärischer Gewalt und Zerschlagung von Communities andererseits.
In allen Gebieten, die für das Kapital von Interesse scheinen, wird Terror angewandt, um Vertreibungen durchzusetzen, und überall können die gewalttätigen Aktionen auf Unterstützung aus dem Staatsapparat zählen. Das neoliberale Modell, das in Kolumbien mit Hilfe der Paramilitärs durchgesetzt wird, hat eine Verarmung der Bevölkerung, ökologische Zerstörung und den Ethnozid an den “Minderheiten” zur Folge. Damit wird jede Perspektive auf Veränderung, wie sie die sozialen Organisationen und Communities hegten, als in Gesetzestexten erstmals die afrokolumbianischen Gemeinden als selbständige Entscheidungsinstanzen anerkannt wurden, zunichte gemacht. Das “Gesetz 70”, das die Autonomie der schwarzen Gemeinden regelt, ist in Anbetracht der realen Vorgehensweise von Staat und Oligarchie in den Territorien der Communities nichts als Augenwischerei. Verfassungsrechtlich sind die Besitzansprüche der schwarzen Gemeinden festgehalten worden, aber in der Praxis werden die BewohnerInnen vertrieben, das soziale Geflecht zerstört und autonome Organisierungsformen angegriffen, um jede Opposition im Keim zu ersticken.
So scheint es, als sollte die systematische Marginalisierung durch den Staat das erreichen, was die Gewalt allein nicht bewirken kann: die Abwanderung der AfrokolumbianerInnen in die Elendsviertel der Großstädte. Das multiethnische und -kulturelle Kolumbien, das Ende des 20. Jahrhunderts in der neuen Verfassung festgehalten worden ist, ist nichts als ein leeres Versprechen. Die Rechte der Communities werden beständig verletzt, der Staat setzt seine ethnozentristische Politik fort. Widersprüche zwischen der Globalisierung und den Rechten der “Minderheiten” werden weiterhin mit Gewalt “gelöst”. Aus diesem Grund sind Ziele wie der Neuaufbau der Gesellschaft und ein Frieden mit sozialer Gerechtigkeit noch weit entfernt. Durchgesetzt werden können sie nur durch die Organisierung und die Aktionen der Communities selbst.

Übersetzung: Raul Zelik

(Der Autor kommt aus der Community-Arbeit und ist einer der Sprecher der ELN in Europa)

KASTEN

Querschnitt einer Existenz als Schwarzer in Kolumbien

Yonis Perea

Seitdem er im Alter von 10 Jahren Waise wurde und vor der Gewalt floh, ist er “Mann im Haus”. Die vielen Erniedrigungen, die er als Straßenverkäufer erlitt, haben ihn dazu bewegt, sich einer der vielen Jugendbanden Cali anzuschließen. Heute, 15 Jahre alt, lebt er zwischen Gewalt und Tod und weiß, daß sein Leben jederzeit vorbei sein kann. Seine Situation ähnelt der von Tausenden von Jugendlichen im Armenviertel Aguablanca. Man fürchtet sie, verfolgt sie, tötet sie.

Domingo Córdoba

aus dem Departement Chocó. Arbeitete 30 Jahre lang als Staatsangestellter. Zuerst im Unternehmen für Straßenbau, danach in einer Alkoholfabrik. Als der Betrieb zugemacht wurde, ging er in Frührente. Hat seit 46 Monaten und einigen Tagen seine Pension nicht erhalten. Zuerst verkaufte er die Haushaltsgeräte, danach das Haus selbst. Inzwischen hat er nichts mehr und leidet Hunger mit seiner Familie, die bei Verwandten untergekommen ist. Für ihn gibt es keine Perspektiven in dieser Gesellschaft mehr, die ihn zu einer überflüssigen Existenz gemacht hat.

Enrique Murillo

lebt seit 2 Jahren in einer der zahlreichen, aus Plastik und Karton gebauten Hütten auf den Hügeln von Medellín, die so vielen Vertriebenen als Zufluchtsort dienen. Nostalgisch erinnert er sich an die kleine Finca in Urabá, die ihm früher genug zum Leben bot. Er mußte fliehen, als Armee und Paramilitärs die Region überfielen. Heute hat er keine Hoffnung mehr, jemals zurückzukehren. Den Berichten derjenigen zufolge, die als letzte geflohen sind, hat seine Finca heute neue Besitzer. Das Land, das einmal ihm gehörte, dient heute dem Anbau von Exportbananen und der Viehzucht. Das ist das Gesetz der Gewalt, es sind die Zeiten des Paramilitarismus.

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