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Der 11. September 2003 in Chile

Die Gedenkfeiern zum 30. Jahrestag des Militärputsches haben vor allem eines erreicht: Sie haben den Präsidenten der Unidad Popular aus dem jahrzehntelangen Schatten der Geschichte zurück ins Rampenlicht geholt. Dies ist nicht zuletzt das Verdienst des aktuellen sozialistischen Präsidenten Ricardo Lagos, der nicht nur mit seinem Kabinett eine öffentliche Hommage für Allende veranstaltete, sondern auch Morande 80 wieder öffnen ließ. Jene Seitentür der La Moneda, durch die Allende zu seinem Büro gelangte, und die Pinochet beim Wiederaufbau des Gebäudes zugemauern ließ.
Diskussionsrunden, Dokumentarfilme und Gedenkveranstaltungen haben im September das blutige Ende der Unidad Popular und die Person Salvador Allende zum Mittelpunkt der öffentlichen Debatte gemacht. Wie schon vor 30 Jahren lässt das Thema niemanden gleichgültig und polarisiert weiterhin die chilenische Gesellschaft. Die Linken hebt die Konsequenz und Hingabe des ersten sozialistischen Präsidenten Chiles hervor. Dieser hatte in den drei Jahren seiner Amtszeit wichtige Reformen zur Überwindung der sozialen Ungleichheit in Chile vorangetrieben und dabei wachsenden Rückhalt von den armen Teilen der Bevölkerung erhalten. Die Rechte hingegen stellt den ehemaligen Präsidenten als einen gewissenlosen Politiker dar, der im Land eine unüberwindliche soziale Spaltung verursacht habe. Dabei wird innerhalb der Rechten nicht verhehlt, an Streiks, Boykotts und militärischen Interventionen beteiligt gewesen zu sein. Diese hatten das Land schließlich tatsächlich ins Chaos gestürzt.
Die ideologische Spaltung geht drei Jahrzehnte nach dem Tod Allendes nicht nur quer durch das Regierungsbündnis Concertación, sondern hat auch die Ressentiments innerhalb der christdemokratischen Partei wiederaufleben lassen. Die „Gruppe der 13“, die den Militärputsch zwar anfangs befürwortet, doch schon bald verurteilt hatte, unterstützte die heutige Regierung bei ihren Gedenkveranstaltungen für Allende.
Der rechte Flügel der Partei drohte im Gegenzug wochenlang mit einem Boykott der Veranstaltungen. Schließlich nahmen die ChristdemokratInnen aber doch, von wenigen Ausnahmen abgesehen, an den Veranstaltungen teil.
Die Militärs hingegen hielten sich auffallend zurück und verbrachten den Jahrestag des Putsches in ihren Kasernen als „einen normalen Arbeitstag“. So erklärte es zumindest der Oberkommandant der Streitkräfte, Juan Emilio Cheyre. Augusto Pinochet nutzte den Jahrestag des Putsches, um seine Präsidenten-Schärpe einer Stiftung, die seinen Namen trägt, in einem öffentlichen Akt zu überreichen.
Die traditionellen Demonstrationen zum Jahrestag im Zentrum Santiagos und in den Außenbezirken waren dieses Jahr weniger gewalttätig als in Vorjahren. Trotzdem versperrten Barrikaden aus brennenden Autoreifen der Polizei stundenlang den Zugang zu den Armenvierteln der Stadt. Die Barrikaden sollten als Symbole des Widerstands auf die politischen Repression aufmerksam machen, unter denen die arme Bevölkerung zur Zeit der Diktatur gelitten hatte.

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