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DER BALLETTTÄNZER, DER NIE EINER SEIN WOLLTE

Der junge Carlos Acosta (Yuli) findet zunächst nichts am Ballett (Foto: Yuli-der-Film-Homepage)

Zu Beginn des Films fährt die Kamera malerisch durch Havannas urbane Straßenlandschaft. Was aussieht, als könnte es fast aus einem Havana- Club-Werbespot stammen, wird jedoch nicht von den charakteristischen Boogaloo-Rhythmen begleitet, sondern von ungewohnt sinfonischer Musik. Die Kamera folgt einem Mann auf seinem Weg durch die Stadt – bis zum Ballet Nacional de Cuba: Es ist Kubas legendärer Balletttänzer Carlos Acosta.

Mit dem Film Yuli bringt die spanische Regisseurin Icíar Bollaín seine Lebensgeschichte nun ins Kino. Doch ist Acostas Verhältnis zum Ballett nicht, wie etwa beim Klassiker der Tanzfilme Billy Elliot, vom unbändigen Verlangen nach dem Tanzen gekennzeichnet. Als Kind, sehr gut gespielt von Edilson Manuel Olbera Nuñez, erwidert Acosta nach dem ersten Vortanzen ganz frech: „Ich will kein Balletttänzer werden, sondern Fußballer wie Pelé!“

Wer diesen aufmüpfigen Jungen in die nationale Ballettschule Havannas treibt und fest an sein Talent glaubt, ist sein Vater Pedro. Er ist es auch, der ihm den kraftvollen Spitznamen Yuli gibt, nach einem afrikanischen Kriegergott. Der Name des Films spiegelt die Bedeutung dieser komplexen Vater-Sohn-Beziehung für Acostas Leben wider. Denn Pedro unterstützt seinen Sohn nicht nur, sondern setzt ihn auch unter immensen Druck und schreckt nicht vor Prügelstrafen zurück, wenn Yuli sich nicht benimmt. Acosta wächst zwischen der Welt des Balletts und dem Familienleben in einem einfachen Vorort Havannas auf.

Die prägenden Erlebnisse seiner Kindheit und auch seiner Jugend als erfolgreicher Balletttänzer in diversen europäischen Ballettkompanien zeigt der Film in kurzen, aber eindrucksvollen Szenen. Auch die schwierige wirtschaftliche Situation Kubas, während des Zerfalls der Sowjetunion, spielt eine wichtige Rolle. Sie steht im Kontrast zu Acostas glänzender Karriere, jedoch sehnt er sich im kalten Europa nach Kuba und seiner Familie.

An manchen Stellen scheint der Film ganz knapp am Kitsch vorbeizuziehen. Zum Beispiel wenn Acosta im Internat doch noch seine Leidenschaft für das Ballett entdeckt und dekorativ im Regen zu trainieren beginnt.

Jedoch wird dies in Yuli durch die geniale Mischung mit Originalaufnahmen von Acostas Tanzauftritten gemildert, wie etwa seine Perfor­mance als erster schwarzer Tänzer des Romeo im „Romeo und Julia” des renommierten Londoner Royal Ballets.

Carlos Acosta erzählt im Film seine Lebensgeschichte und ist sogar selbst zu sehen (Foto: Yuli-der-Film-Homepage)

Außerdem erzählt der Film einige der biographischen Szenen auch in tänzerischer Form. Immer wieder springt die Handlung zum Acosta der Gegenwart, gespielt von ihm höchstpersönlich, der mit seinem Tanzensemble ein Stück über seine Lebensgeschichte einübt. So sind seine Erinnerungen auch noch auf eine andere, intensive Weise erlebbar, die das Tanzen in den Fokus rückt. Die narrative Kraft des Tanzes entfaltet sich. Beispielsweise, wenn Acosta tänzerisch selbst in die Rolle des prügelnden Vaters schlüpft und schließlich weinend sein junges Ich, verkörpert von einem seiner Tänzer, umarmt.

In Yuli vereinen sich somit großartige Tanzszenen und Bilder und eine interessante Geschichte zu einem Film, der nach seinem Erfolg beim Publikum des Filmfestivals in San Sebastián und der Auszeichnung für das beste Drehbuch, nun auch bald schon das Publikum in deutschen Kinos begeistern kann.

 

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