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Der Che lebt!

Die diesjährig in Frankreich erschienene CD „EL CHE VIVE !“(Last Call / Arcade) fällt einem beim Durchstreifen der Plattenregale unweigerlich ins Auge. Die für den Che typische, von Alberto Korda 1960 aufgenommene, Portraitfotografie ziehrt auf rotem Hintergrung das Cover des Silberlings. Im innenliegenden Begleitheft finden sich neben der deutschen Übersetzung der „Botschaft an Ernesto Guevara“ von Herausgeber Egon Kragel auch die Liedtexte in französischer und spanischer Sprache. „Die Musik hat die Macht, unseren Eifer, unsere Überzeugungen und unsere schönsten Träume unbeschadet zu befördern“, schreibt Egon Kragel in seiner „Botschaft“ an den Che und stellte eine 15 Lieder umfassende Sammlung zusammen.
So wie auch der Che sich mehr als „Lateinamerikaner“ als Argentinier oder Cubaner sah, so stammen auch die Lieder auf der CD, neben Griechenland und Frankreich, zum Großteil aus diversen Ländern Lateinamerikas. Allesamt preisen sie den unentbehrlichen Robin Hood und leidenschaftlichen Wortführer des Antiimperialismus. Jedes auf seine Art.

„Hasta Siempre“ als Motto der CD

Gleich zu Beginn wird der Hörer mit der Ode an den Comandante, „Hasta Siempre“, beglückt. Es ist das wohl bekannteste Lied über Che Guevara. So erstaunt es nicht, daß es auf dieser CD gleich drei Mal erscheint. Gerade die unterschiedlichen Interpretationen verdeutlichen auch unterschiedliche Herangehensweisen an diesen Mythos. Carlos Puebla y sus Tradicionales zum Beispiel präsentieren das Lied als typische kubanische Guajira, einen Musikstil, der noch heute zu den populärsten des Landes zählt. Das Lied selbst ist eine reine Liebeserklärung an Che Guevara und wird von Puebla mit einer Inbrunst vorgetragen, wie es wohl nur ein Cubaner kann.
Soledad Bravo aus Venezuela steht mit ihrer Version des „Hasta siempre“ Carlos Puebla keineswegs nach. Im Gegenteil, mit Abstand ist ihre Interpetation die eindrucksvollste der vorliegenden CD. Sie singt mit einer solchen Hingabe und Leidenschaft, daß man unweigerlich eine Gänsehaut bekommt. Dabei erinnert sie ein wenig an die nordamerikanische Protestsängerin Joan Baez, wobei Bravo jedoch nicht als simple Kopie derer, sondern eher als lateinamerikanisches Pendant gelten kann.
Eine weitere Ausführung dieses Stückes, ebenfalls von einer Frau vorgetragen, beendet dann auch die CD. Maria Farantouri aus Griechenland nähert sich dem Lied recht poppig und jazzig und besonders im Refrain mit einer Prise Rock. Eine sicherlich interessante Version, wobei mir jedoch der Gehalt des Textes und die musikalische Interpretation zu weit voneinander entfernt scheinen.
Interessant wird diese CD vor allem auch durch die musikalische Spannbreite. Nicht nur geographisch ist ganz Lateinamerika vertreten, auch musikalisch. Kubanische Guajiras finden sich genauso wie die Musik der Andenvölker. Manche Lieder sind melancholisch oder klagend, andere animieren zum Mitsingen. Fast jede Instrumentierung ist vertreten, von einfacher Gitarrenbegleitung über den Einsatz einer Streichergruppe wie bei „Su nombre ardio como un pajar“ des Chilenen Patricio Manns bis hin zu spannenden Synthesen aus Folk, Pop und traditioneller Musik. Diese ist in den Stücken des Argentiniers Miguel Angel Filippini „Siembra tu luz“ und „Alma morena (El sueño del Che)“ zu hören. Bei beiden live aufgenommenen Liedern verschmelzen Piano, Bass und Keyboards mit Andeninstrumenten wie Quena und Charango sowie diversen Percussionsinstrumenten.
Atahualpa Yupanqui dagegen, ebenfalls Argentinier, ehrt den Che mit einfühlsamen, fast zaghaft wirkendem Gitarrenspiel und ausdrucksstarkem Gesang. In seinem Lied „Nada mas“ umgibt er den Zuhörer mit einer warmen, intimen Atmosphäre.
Zwei weitere Interpretationen beschränken sich auf einfache Gitarrenbegleitung, die von Victor Jara sowie das Stück des Uruguayer Daniel Viglietti. Victor Jara, seinerzeit chilenischer Protestsänger, besingt in seiner „Zamba del Che“ dessen Ermordung und klagt die Verletzung der Menschenrechte in Lateinamerika und das „mörderische Verhalten des Militärs“ an. „San Guevara“, so Jara, gab Kuba Glorie und Freiheit und folgte dem Weg, den Bolivar ihm gab. Der Sänger selbst wird später unter dem Pinochet-Regime im Fußballstadion in Santiago de Chile ebenfalls umgebracht.
Daniel Vigliettis Lied von 1967 dagegen ist ein Lied des Aufbruchs, welches den bei den meisten anderen Liedern vermißten „Funken“ Optimismus enthält. Er greift Guevaras Theorie vom „neuen Menschen“ auf. Auf metaphorische Art beschreibt er dessen Erstellung: Der Körper aus Tonerde, das Blut der über Jahrhunderte hinweg Hungernden und Ängstlichen und natürlich das Herz Che Guevaras. Dies erinnert an ähnliche Beschreibungen bei Miguel-Angel Filippini in dessen „Siembra la luz“. Er vergleicht den Che mit „einem Fluß, der zu einem Meer verschmilzt, mit einem Vulkan, der niemals schläft. Er nahm den Schlüssel der zahlreichen Schlösser mit in den Tod, so daß jetzt diejenigen schreien, die noch hinter diesen Schlössern gefangen sind.“
Che Guevara animiert auch heute noch Dichter und Musiker. Angel Parras „Guitarra en duelo mayor“ entstand erst 1996. Es ist eine Anklage, keine Predigt, auch wenn dies erst nicht so scheinen mag. Mit dynamischem und melancholischem Gesang spricht er zu einem bolivianischen Soldaten mit US-amerikanischem Gewehr, den er geringschätzig „soldadito“ nennt und beschuldigt, für den sogenannten „Mister Dollar“ seinen Bruder zu töten. „Kennst Du nicht den Toten, Soldat?“, fragt Parra. „Es ist der Argentinier und Kubaner Che Guevara.“ Unzweifelhaft gehört sein Beitrag zu einem der Höhepunkte der CD.

Che ein Heiliger?

Phantasie und Realität liegen bei vielen Texten nicht weit auseinander. Gerade die Lieder des Kubaners Carlos Pueblas lassen einen Mythos entstehen. In „Lo eterno“ aus dem Jahr 1968 beschreibt er Che Guevara als unsterblich und verallgemeinert dies auf alle, die sich wie der Comandante verhalten würden. Es wird deutlich, daß Guevara für ihn, und sicherlich für viele andere auch, mehr als „nur“ ein Mensch, nämlich ein „Heiliger“ ist. Er ist ein „unsterbliches Licht, welches die Nacht aufhält und in die Morgenröte führt.“ Der Einfluß Guevaras auf die Menschen Lateinamerikas ist und bleibt zeitlich ungebunden und prägt sie fort. Carlos Puebla beschäftigte sich viel mit dem Leben und Wirken des kubanischen Revolutionärs. Alle seine Stücke sind sicherlich hörenswert, aber vier, bei einer Gesamtzahl von 15 Liedern, ist eindeutig zuviel.
Bei „Che Esperanza“ meldet sich dann der Herausgeber der CD, Egon Kragel, selbst musikalisch zu Wort. Das 1996 in Frankreich aufgenommene Stück ist hauptsächlich mit Andeninstrumenten eingespielt worden. Textlich nähert sich Kragel in seinem Lied dem Mythos Guevara auf ganz besondere Art und Weise. Er läßt zwei Protagonisten, Großmutter und Kind, in einer Schlaflied-Situation, zu Wort kommen läßt. (ähnlich Father & Son/Cat Stevens) Die Großmutter beruhigt das Kind, es solle schlafen, denn der Che sei da. Daraufhin fragt das Kind, wer der Che sei, was auch gleichzeitig den Refrain darstellt. Die Großmutter antwortet schließlich in bildlich formulierten Phrasen, der Che sei „das Weinen des Windes und die Hoffnung, die Seele der Revolution und ein neuer Mensch, der immer in ihrem Lied fortleben wird.“ Mit eindringlicher Stimme stellt Kragel die Großmutter-Kind-Situation dar und steigert das Lied bis hin zum finalen Refrain. („Que siempre, siempre vivirá en mi canción“). Ohne Frage, Poesie und Melodie machen dieses Lied zu einem Lichtblick der CD.

Kritik fehl am Platz

Die CD „El Che vive!“ ist eine Huldigung Guevaras, kein Zweifel. Obwohl ich positiv überrascht gewesen wäre, auch kritische Töne hören zu, kann ich die doch sehr einseitige Darstellung Guevaras einigermaßen nachvollziehen.
Doch auch derjenige, der mit dem Namen Che Guevara weniger anfangen kann, lateinamerikanische Musik aber zu schätzen vermag, wird mit diesem Silberling seine Freude haben, denn die musikalische Bandbreite reicht von cubanischen Guajiras bis hin zu modernen Folk-Pop Liedern.
Als 16. Stück findet sich auf „El Che vive!“ die Rede Che Guevaras vor der UNO aus dem Jahr 1964. Besser als in jedem Lied kommt hierbei seine Leidentschaft für die Revolution, der eiserne Wille gegen Unterdrückung der Bauern und Indiginas zu kämpfen und sein Traum vom „freien“ Lateinamerika zum Ausdruck. In diesem kurzen Ausschnitt wird deutlich, welche Bedeutung Che Guevara für Lateinamerika hatte und noch hat. Seine Sensibilität für die Ungerechtigkeit und sein Mut dagegen anzugehen und für sein Ideal zu sterben, machen ihn zu einem Märtyrer, dessen Legende ungebrochen fortwirkt.

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