Bolivien | Nummer 345 - März 2003

Der Kampf gegen die Oligarchie ist die Basis der Bewegung

Interview mit Evo Morales

Die bolivianischen Kokaleros werden oft als Ein-Punkt-Bewegung wahrgenomen: Sie fordern einen halben Hektar legale Koka-Anbauflächer für jede der 40000 Familien des Chapare. Darüber hinaus arbeiten sie auf gesellschaftliche Alternativen hin. Der 1959 geborene Kokalero Evo Morales von der Bewegung zum Sozialismus (MAS) ist herausragender Vertreter der breiten bolivianischen Oppositionsbewegung und unterlag bei den Präsidentschaftswahlen im Juli 2002 nur knapp dem heutigen Präsidenten.

Simón Ramírez Voltaire

An der Spitze der sozialen Bewegungen in Bolivien steht ein Generalstab. Warum wählten sie einen Namen aus dem militärischen Sprachgebrauch?

Wir beziehen uns nicht auf militärische Strukturen. Es geht uns um die übergreifende Koordinierung der sozialen Bewegungen. Der Begriff erinnert an den Bauernwiderstand in der Zeit der Diktaturen. Wir reden hier über eine Volksvertretung und nicht über die Streitkräfte.

Wie setzt sich der Generalstab des bolivianischen Volkes zusammen?

Der Generalstab besteht aus Repräsentanten verschiedener Sektoren. Wir koordinieren gemeinsame Aktionen und fordern wirtschaftliche Reformen. Der Generalstab wurde gegründet, um den sozialen Bewegungen eine Richtung zu geben. Wir wollen eine Alternative zu den korrupten Politikern präsentieren.

Wie werden die verschiedenen Interessengruppen zusammengehalten?

Die gemeinsame Basis der Bewegungen ist einerseits der Kampf gegen die Oligarchie und andererseits die Existenz verschiedener Kulturen wie die Aymara, Quechua und Guarani. Es handelt sich um Identitäten, die sich in einem multikulturellen Zusammenhang wie dem bolivianischen sehr komplex formieren. Seit der Conquista bis heute sind Aymaras und Quechuas nicht mehr die Herren über das Land. Damit wollen wir so schnell wie möglich Schluss machen. Wir betrachten uns als die legitimen Besitzer des Bodens.

Über Lulas Wahlsieg in Brasilien sagten Sie, zum ersten mal in der Geschichte bestünde die Möglichkeit, die Vorherrschaft der USA zu brechen.

Die sozialen Kämpfe in Lateinamerika gegen den Neoliberalismus und Kapitalismus als Instrumente der Unterwerfung sind plötzlich von parlamentarischen Erfolgen begleitet. Das ist nicht irgendwas. Die MAS in Bolivien ist zwar rechnerisch die zweitstärkste Partei, aber die Regierungspartei MNR kam nur durch strategische Allianzen an die Macht. Deshalb ist die MAS für mich die eigentlich stärkste politische Kraft in Bolivien. Ähnlich ist es mit den Bewegungen in anderen Ländern Lateinamerikas, zu denen wir gute Beziehungen haben. Das System der traditionellen Parteien und der politischen Betrügereien ist am Ende. Die Massen sind bewusster geworden und wenn es nicht einen fundamentalen Wandel gibt, zum Beispiel was den Internationalen Währungsfonds (IWF) und die Weltbank angeht, könnte es in Lateinamerika zu einer schweren Niederlage für die USA kommen.

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