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Der Löwe auf dem Hof

Bis auf die „Cubana“ wollte keine der angefragten Fluglinien die „Chaoten“ transportieren. Das Flugzeug muß in Luxemburg starten, denn die Bundesregierung verweigerte der „Cubana“ die Starterlaubnis für westdeutsche Flughäfen. Als sich die Brigade vor der Busfahrt nach Luxemburg zu einer Abschiedskundgebung in der Bonner Innenstadt versammelt, greift die Polizei mehrere Teilnehmer an. Drei Menschen werden verletzt, zwei weitere festgenommen.
Eine richtige Brigade braucht einen zünftigen Namen. Nur welchen? Eine halbe Nacht lang streiten wir uns darüber in einer Bonner Kneipe namens „Harmonie“. Die Autonomen bringen die Bezeichnungen „Berlin 11.6.“ oder „Krefeld 25.6.“ ins Spiel – an diesen Orten und Daten hatte es bei Anti-US-Demonstrationen herzhafte Straßenschlachten gegeben. Leute aus Nicaragua-Komitees plädieren wahlweise für „Grenada libre“, „Salvador Allende“ und „Cemal Altun“ – einem türkischen Flüchtling, der sich aus Angst vor seiner Abschiebung aus dem Fenster gestürzt hatte.
Als alle entnervt sind und niemand mehr an eine Einigung glaubt, kommt am frühen Morgen des Abreisetages doch noch ein Kompromiß zustande. Ab sofort heißt die Brigade „Todos Juntos Venceremos“. Niemand findet den Namen gut, aber die Alternative ist, daß wir ohne Namen losfliegen.
Die Debatte über den politisch korrekten Namen ist nicht der einzige Streitpunkt. Eine andere Frage, die es an jenem Abend zu entscheiden gilt, ist, ob sogenannte „Promis“ und Journalisten von bürgerlichen Medien mitkommen dürfen. Henning Scherf, damals schon Senator in Bremen, der Ex-SPD-Bundestagsabgeordnete Karl-Heinz Hansen und der Tübinger Theologe Norbert Greinacher haben Interesse bekundet, ebenso zwei Reporter vom „Stern“ und eine freie Mitarbeiterin des „Spiegel“. Die meisten von ihnen sind der Diskussion in der „Harmonie“ allerdings ferngeblieben.
Wir einigen uns darauf, daß „Promis“ und Presseleute mitfliegen, aber wie alle anderen beim Kaffeepflücken helfen müssen. Die anwesenden „Stern“-Leute sind einverstanden. Und Karl-Heinz Hansen erklärt, daß er ohnehin nur wegen der Ernte fährt und für seine Vergangenheit schließlich nichts kann.

“Marx-Söhne” richten Grüße aus

Am 21. Dezember um neun Uhr morgens landet die Brigade „Todos Juntos Venceremos“ in Managua. Unten an der Gangway des Flugzeugs wartet Ernesto Cardenal, der damalige nicaraguanische Kulturminister. Wir stellen uns auf und rollen alle Fahnen und Transparente aus, die wir dabei haben. Ganz vorne eines, das erst im Flugzeug fertig geworden ist. „Los hijos de Marx saludan a los hijos de Sandino“ steht da drauf. Ernesto Cardenal begrüßt uns alle mit Handschlag und umarmt Henning Scherf, den er von früheren Nicaragua-Reisen kennt. Das sieht witzig aus, weil Cardenal mindestens zwei Köpfe kleiner ist als Scherf.
Abends gibt es auf dem „Platz der Blockfreiheit“ eine Kundgebung zum Empfang der Brigade und der Internationalisten aus anderen Ländern, die in den kommenden Wochen ebenfalls Kaffeepflücken werden. Die Rede hält Jaime Wheelock, Revolutionskommandant, Agrarminister und Mitglied im neunköpfigen Direktorium der FSLN. Kaum jemand von uns kann Spanisch, wegen der Parolen und des Pathos geht die Ansprache trotzdem unter die Haut.
Die Brigade wird aufgeteilt und in Lastwagen zu verschiedenen Fincas im Norden gefahren. Eine Gruppe von etwa 40 Leuten landet in Oro Verde in der Provinz Estelí. Der Hof, ein staatlicher Betrieb, liegt mitten in den Bergen in einem Talkessel, die Grenze zu Honduras ist angeblich nicht weit entfernt. Wir schlafen in einem Speicher, in dem Mais und Kaffeebohnen gelagert werden und in dem es von Ratten wimmelt. Aus einer Wand im Keller ragen zwei rostige Rohre, die Duschen.

Symbolischer Wert

An einer anderen Wand hängt eine zerfledderte Landkarte. Niemand kann uns zeigen, wo wir uns genau befinden, aber die Karte ist der Ort, an dem Gerüchte über Kämpfe zwischen Sandinistischem Heer und Contra gehandelt, Entfernungen abgemessen und Einschätzungen vorgetragen werden.
Eine Woche später wird die Gruppe noch mal aufgeteilt. Wir fahren zu einer anderen Finca, La Laguna heißt sie. In La Laguna pflücken wir Kaffee. Gemeinsam mit nicaraguanischen Frauen und Kindern aus der Umgebung. Die Frauen und Kinder bekommen Geld für jeden gefüllten Sack, ich weiß nicht mehr, wieviel. Wir bekommen natürlich kein Geld. Dafür diskutieren wir heftig darüber, ob unsere Arbeit nicht kontraproduktiv ist. Das heißt, ob das uns angebotene Essen aus Bohnen und Mais das revolutionäre Nicaragua volkswirtschaftlich unter dem Strich nicht mehr belastet als ihm die paar von uns gepflückten Säcke Kaffee einbringen. Die Diskussionen gehen meist damit zu Ende, daß wir sagen, unsere Arbeit hier hat symbolischen und politischen Wert, keinen ökonomischen.
Manchmal setzen wir auch Kartoffeln und besprühen die schon nach kurzer Zeit wie wild aus der Erde sprießenden Büschel mit Pflanzenschutzmitteln. Das Zeug stinkt wie verrückt und brennt in den Augen. Die Arbeitsbrigaden sind aber nicht gekommen, um den Nicaraguanern Lehren in ökologischem Landbau zu erteilen.
Das Wetter ist über Wochen unglaublich schlecht. Es regnet ununterbrochen, der Hof von La Laguna ist verschlammt. Manche von uns werden krank. Andere schreiben, anstatt zum Kaffeepflücken zu gehen, ihre Tagebücher oder Artikel und Briefe, die jemand mit nach Deutschland nehmen soll. Wieder andere müssen unbedingt nach Estelí, um ihre Schuhe neu besohlen zu lassen. An manchen Tagen tritt morgens nur die Hälfte der Brigade an.
Beim abendlichen Brigade-Plenum geht es demzufolge immer wieder um die Arbeitsmoral. Beschlossen wird schließlich mit Mehrheit, daß wir zum Arbeiten hier sind und daß ein Fernbleiben von der Arbeit nur in begründeten und vom Plenum zu billigenden Ausnahmefällen zulässig ist. Dazu essen wir die letzten Riegel harte Schokolade aus Deutschland oder süßes Weißbrot, das ein alter Mann ab und zu auf dem Hof verkauft.

Gruselgeschichten

Mitten in der Nacht fallen fünf, sechs Schüsse. Dann hämmert jemand draußen auf den eisernen Gong. Jetzt geht es los, jetzt kommen die Contras. Von unserem Schlafspeicher aus spähen wir durch die Ritzen. Auf dem Hof hasten Leute umher. Hoffentlich sind es „unsere“ Leute vom sandinistischen Heer, die in der Nähe von La Laguna einen Posten haben. Auch von weiter entfernt hören wir Schüsse. Einige aus der Brigade sind drauf und dran, einen Ausfall zu wagen, rüber ins Steinhaus, das besseren Schutz bietet. Nach fünf Minuten ist die Knallerei vorbei.
Am nächsten Morgen erzählen uns die Soldaten Gruselgeschichten: „500 Contras haben angegriffen“, „Ein großer Löwe war auf dem Hof“. Später erfahren wir, was wirklich los war. Einer der Soldaten im Unterstand meinte im Dunkeln Gestalten bemerkt zu haben, die nicht stehen blieben, als er sie anrief. Der Soldat schoß, die Fremden, wenn es denn welche waren, rannten weg. Die späteren Schüsse wurden aus Nervosität abgegeben.
Jeden Tag haben zwei aus der Brigade Küchendienst. Man hilft beim Essenkochen und -ausgeben, beim Abwaschen und beim Reisverlesen. Man kann mit den Frauen, die fest in der Küche arbeiten, plaudern und so viel Kaffee trinken, wie man will. Wenn die Kaffeepflücker weg sind, kommen die Soldaten auf den Hof. Sie schlachten ein Schwein oder ein paar Hühner und braten sich in der Küche einen Fleischspieß nach dem anderen. Das Fleisch ist abends alle, die Kaffeepflücker kriegen Tortillas, Mais und Bohnen.
Die fest angestellten Leute beziehen Gehälter. Die Spanne reicht von 5.000 Cordobas im Monat für den Verwalter über 3.000 Cordobas für die Vorarbeiter bis runter zu 800 Cordobas für die Frauen in der Küche. Auch La Laguna ist ein staatlicher Betrieb.

Revolutionstourismus statt Kaffeepfücken?

Der 19. Februar ist der 50. Todestag von Sandino. An diesem Tag soll auch das politisch-kulturelle Abschlußprogramm beginnen, das die Sandisten für die Brigade in Managua organisiert haben. Wir diskutieren, ob wir bis zum 19.2. in La Laguna bleiben oder schon eine Woche früher abreisen, um auf eigene Faust noch ein wenig das Land zu erkunden. Diejenigen, die bis zum Schluß Kaffeepflücken wollen, argumentieren, daß wir eine Arbeitsbrigade sind und die Revolution hier viel besser kennenlernen können als bei einer Rundreise. Die anderen sagen, daß man auch was anderes als den Hof sehen muß, um bei der Rückkehr ein vollständiges Bild von Nicaragua zu haben.
Am Ende gibt es einen veritablen Eklat. Einige rennen raus, holen die Brigadenfahne vom Speiicherdach ein, knallen sie zusammengeknüllt auf den Küchentisch und erklären damit ihren Austritt aus der Brigade. Der Kompromiß lautet schließlich, daß wir alle zusammen vier Tage vor dem 19. abfahren.
Ein ARD-Team, unterwegs für den „Weltspiegel“, hat in Matagalpa eine andere Gruppe der Brigade „Todos Juntos Venceremos“ besucht. Die Fernsehleute, so wird uns berichtet, sind mit Mikrofonen und Kameras durch die Kaffeebüsche geschlichen, um bewaffnete Arbeitsbrigadisten aufzuspüren. Die Gruppe in Matagalpa hatte nämlich den Beschluß gefaßt, sich an den vigilancias, den Nachtwachen, zu beteiligen – unbewaffnet.
Einige in La Laguna sehen schon eine gnadenlose Hetzkampagne der westdeutschen Medien auf uns harmlose Kaffeepflücker zurollen. Hat doch auch bei uns der eine oder die andere schon mal ein Gewehr berührt. Nicht auszudenken, wenn Fotos davon auf verschlungenen Wegen in die falschen Hände geraten. Wir müßten jetzt erst recht unsere friedliche Mission unterstreichen. Fraglich, ob diejenigen, die sich Halsketten aus leeren Patronenhülsen gebastelt haben, dazu in der Lage seien.
Zu unserem Abschiedsfest sind hunderte Leute aus den umliegenden Dörfern gekommen. Ein frisch geschlachtetes Rind wird angefahren, es gibt Obstsalate, Kaffee und Rum. Dann werden wir einzeln nach vorn gerufen, um Geschenke in Empfang zu nehmen: kleine Figuren aus Stein, Aschenbecher, Schnitzereien. Charly, der am besten Spanisch kann, hält eine ausgezeichnete politische Dankesrede.

Sandino Feier mit diplomatischen Nebenwirkungen

Abends spielt eine Combo auf, bis in den frühen Morgen wird getanzt und gefeiert. Mein Freund B. läßt sich mit Baskenmütze und Gewehr fotografieren. Zu Hause will er sich von dem Bild ein Plakat mit dem Schriftzug „Gewaltfreie Aktion Pinneberg“ machen lassen.
Bei der zentralen Feier zum 50. Todestag Sandinos im Theater Ruben Dario herrscht allerbeste Stimmung. „Sandino ayer, Sandino hoy, Sandino siempre“ und „Sandino vive, vive vive – la lucha sigue, sigue, sigue“ wird skandiert. Als Daniel Ortega, Sergio Ramírez und Ernesto Cardenal hereinkommen, stehen alle auf und jubeln. Unter den geladenen Ehrengästen, die sich durch die Menge nach vorne schieben, ist auch Hans-Jürgen Wischnewski, die Allzweckwaffe der SPD für internationale Angelegenheiten. Plötzlich ein Schrei von der Stelle, wo unsere Brigade angetreten ist: „Ben Wisch, das Schwein von Mogadischu!“
Der Zwischenfall verursacht diplomatische Verwerfungen. Die Sandinisten bestehen darauf, daß eine von uns geplante Demo vor der BRD-Botschaft nicht stattfindet. Warum? Die Bundesregierung setze, anders als die USA, bislang auf eine friedliche Lösung der Konflikte in Mittelamerika. Die fragile Beziehung zwischen dem revolutionären Nicaragua und der Bundesrepublik würde aber, nach der „Sache“ mit Wischnewski, einer neuerlichen Belastung wie der Demonstration nicht standhalten. Na ja.

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