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Die „andere Welt“ muss sich einigen

Vom 19. bis 21. Oktober 2001 fand in Berlin der ATTAC-Kongress statt. Unter dem Motto „Eine andere Welt ist möglich“ diskutierten an diesem Wochenende KritikerInnen der neoliberalen Globalisierung. Welchen Eindruck hinterließ diese Veranstaltung bei Ihnen?

Ich konnte selber leider nicht an dem Kongress teilnehmen, aber ich war beeindruckt von der hohen Zahl der Teilnehmer. Außerdem halte ich es für wichtig, dass ATTAC Deutschland Personen wie Oskar Lafontaine in den Dialog einbezieht, um eine breite Bevölkerungsschicht zu erreichen. Auf Grund der wirtschaftlichen und politischen Bedeutung Deutschlands ist hier die globalisierungskritische Bewegung sehr wichtig. Auch um mehr Unabhängigkeit gegenüber den USA zu gewinnen, sind soziale Bewegungen wie ATTAC entscheidend. Außerdem hatte ich den Eindruck, dass es heute mehr Kritik gegen den Krieg in Afghanistan gibt als damals gegen den Krieg im Kosovo.

Das Motto wie des ATTAC Kongress hat sich gegenüber dem Weltsozialforum 2001 in Porto Alegre nicht verändert. Im nächsten Jahr findet dort erneut ein Weltsozialforum statt. Wird diese dem gleichen Leitgedanken folgen?

Das Motto: „Eine andere Welt ist möglich“ können wir 2002 nicht wiederholen. Um Glaubwürdigkeit zu bewahren, müssen wir zeigen, wie diese „andere Welt“ möglich ist. Wegen der großen Unterschiede zwischen den einzelnen Organisationen, die an dem Weltsozialforum teilnehmen, ist es schwer, sich auf ein Programm zu einigen. Im Jahre 2001 fehlte die Einheit unter den TeilnehmerInnen, daher haben wir keine gemeinsame Resolution angestrebt. Das Weltsozialforum 2002 soll kein politisches Happening werden, vielmehr steht es am Ende eines Prozesses. In diesem Prozess, der 2001 begann, lernten sich die unterschiedlichen sozialen Bewegungen kennen, erläuterten ihre Ideen und äußerten Kritik. Dramatisch am Neoliberalismus ist, dass die Gesellschaft nicht mehr an der politischen Debatte teilnimmt, sondern zum Zuschauer des politischen Lebens zu wird. Politische Ereignisse werden wie Naturphänomene präsentiert und nicht wie Entscheidungen, die einer bestimmten Gruppe der Gesellschaft dienen. In Brasilien gibt es beispielsweise weder eine öffentliche Diskussion über die Auslandsschulden noch über die Mitgliedschaft in der ALCA (gesamtamerikanische Freihandelszone). Auf Grund der weltweiten Krise müssen wir die Menschen mit Argumenten bewaffnen.

Was ändert sich sonst bei dem Weltsozialforum im Jahre 2002 und was bleibt?

Porto Alegre im Jahre 2001 wurde in nur sechs Monaten organisiert, und alle waren über den großen Zuspruch überrascht. Doch die Mehrzahl der TeilnehmerInnen kam aus Lateinamerika und den europäischen Ländern des Mittelmeerraums. Dies wollen wir 2002 ändern. Daher gibt es ein internationales Komitee mit über 70 Netzwerken aus aller Welt, das sich vom 30.Oktober bis 1.November in Dakar (Senegal) traf. In Dakar wurden den Netzwerken die Themen zugewiesen. Damit die brasilianische Perspektive nicht überwiegt, kümmert sich um jedes der 24 Themen ein Netzwerk. Im Vorfeld des Forums erarbeiten diese Netzwerke zu dem jeweiligen Thema Thesen, die auch im Internet zur Diskussion stehen. Das Forum diskutiert darüber und integriert die Kritik, um neue Thesen zu entwickeln. Somit werden die unterschiedlichen Standpunkte in einem abschließenden Papier vereint, über das nicht im klassischen Sinne abzustimmen ist. Dadurch lösen wir mit dem internationalen Komitee ein zweites Problem: Das Forum wird nicht nur zu einem Festival der Linken, wir fassen auch gemeinsame Beschlüsse. Auch 2002 kann jede teilnehmende Organisation die offiziellen Konferenzen mit eigenen Workshops ergänzen. Um die große „Fauna“, der Menschen zu erfassen, die gegen die neoliberale Globalisierung kämpfen, sind diese Veranstaltungen gleich bedeutend. In den Workshops trafen sich im Jahre 2001 Organisationen, die die gleichen Ziele verfolgen. Da man Themen in Porto Alegre vorschlagen kann, ist man nicht nur ZuschauerIn, sondern auch aktive TeilnehmerIn der Konferenz.

Warum fand das Weltsozialforum in Brasilien statt?

Dafür gibt es zwei Gründe. Erstens existieren in Brasilien starke soziale Bewegungen, welche in den 80er Jahren eine wichtige Rolle spielten. Und zweitens ist Porto Alegre die Antwort auf Davos. Um die symbolische Kraft zu wahren, musste der Ort des Weltsozialforums im Süden sein.

Die Tatsache, dass es in Brasilien starke soziale Bewegungen gibt, hängt mit der wirtschaftlichen Situation des Landes zusammen. Wie sieht derzeit die wirtschaftliche Lage Brasiliens aus?

Die brasilianische Wirtschaft steckt seit 1999 in einer tiefen Krise. Damals wurde der Wechselkurs des Real freigegeben, und massive Abwertungen folgten. Die nach 1999 folgende starke Entnationalisierung der Wirtschaft löste drei grundlegende Probleme aus. Erstens stieg die Anzahl der Arbeitslosen auf über 15 Prozent, und in einem Land wie Brasilien gibt es keine soziale Absicherung für diese Personen. Zweitens brachen der Staat und die öffentlichen Dienste zusammen, da sie die Zinsen ihrer Schulden nicht mehr begleichen konnten. Und drittens kehrten Epidemien, wie das Dengue-Fieber oder Gelbfieber zurück, weil der Staat die Kosten der Basisversorgung wie Strom und Wasser nicht mehr tragen konnte. So werden wir beispielsweise in Brasilien gezwungen, den Strom abzuschalten, da die Elektrizität rationiert ist. Im Nordosten des Landes gibt es an manchen Tagen nicht genügend Wasser, so dass zwangsweise Feiertage eingeführt wurden. Da der Präsident seit zehn Jahren nicht in die der öffentlichen Dienste investiert hat, verlor er an Glaubwürdigkeit in der Bevölkerung. Die Opposition hat heute reale Chancen.

Hatte der 11. September auch Einfluss auf die brasilianische Gesellschaft?

Die Länder der Peripherie reagierten anders auf die Ereignisse am 11. September. Erstens fühlt die brasilianische Bevölkerung die Bedrohung des Terrorismus nicht. In Brasilien und in anderen Ländern der Peripherie ist die Unsicherheit ein chronisches Problem. Die Menschen haben viel mehr Angst, auf der Straße überfallen zu werden, als einem terroristischen Anschlag zum Opfer zu fallen. Zweitens wissen wir, was die Herrschaft der USA bedeutet, denn wir erleben sie täglich. Natürlich lehnen die Brasilianer Anschläge auf die zivile Bevölkerung ab. Sie sehen in den USA jedoch kein Opfer. Es gibt in der Peripherie eine stärkere Kritik an den USA; die Position der arabischen Länder wird eher verstanden. Meinungsumfragen belegen, dass 80 Prozent der BrasilianerInnen die Rachefeldzüge der USA ablehnen. Und die Mehrheit spricht sich gegen eine Beteiligung Brasiliens an Kampfeinsätzen aus. Daher befindet sich die brasilianische Regierung zurzeit in einer Zwickmühle. Zwischen dem Drängen der USA für Unterstützung und der ablehnenden Haltung der Bevölkerung.

Porto Alegre wird von der Partido de Trabalhadores (PT) regiert. Somit drängt sich die Frage auf, ob der Ort nicht nur auf Grund der politischen Koordinaten gewählt wurde.

Das Weltsozialforum in Porto Alegre war so unabhängig wie möglich, jedoch wurde es durch das Bürgermeisteramt finanziert. Für die PT war das Forum etwas ganz Neues. An der Organisation nahm keine politische Partei teil. Weder das Amt des Bürgermeisters noch die bundesstaatliche Regierung nahm Einfluss auf die Auswahl der Themen. Jedoch stehen die teilnehmenden sozialen Bewegungen teilweise der PT nahe. Das ist die Realität in Brasilien. Durch das internationale Komitee wird 2002 der politische Einfluss verringert, denn die Wahl der Themen liegt nicht mehr ausschließlich in brasilianischer Hand. Da das Forum jährlich stattfinden soll und nicht nur in Porto Alegre, wird dieser Einfluss sich in Zukunft weiter verringern. Für das dritte Forum steht eine Stadt in Indien oder in Ländern des Amazonas zur Debatte. Außerdem gibt es die Idee, das Weltsozialforum in mehreren Städten der Welt gleichzeitig stattfinden zu lassen.

In Brasilien existiert ATTAC seit 1999. Welche Funktion übernimmt diese Organisation im Land und wie arbeitet sie mit anderen sozialen Bewegungen zusammen?

ATTAC entstand im März 1999, als es noch keine umfassende Antiglobalisierungsbewegung gab. Im Gegensatz zu beispielsweise Frankreich oder Deutschland, entwickelte ATTAC sich hier nicht als autonome Bewegung, sondern vielmehr als Sprachrohr sozialer Bewegungen zum Thema der Globalisierung. Durch das Weltsozialforum gewann ATTAC an Zuspruch in Brasilien, jedoch ist hier die Jugend noch in Gewerkschaften und politischen Parteien organisiert. Da die Linke in den Ländern der Ersten Welt bei der Jugend ihren Kredit verspielt hat, organisieren die Menschen sich dort verstärkt in globalisierungskritischen Bewegungen. In Brasilien besteht noch Hoffnung auf einen Sieg der Linken im nächsten Jahr. Daher ist das Weltsozialforum im Jahr 2002 bedeutend, denn im gleichen Jahr finden Parlamentswahlen statt. Wir wollen zusammen mit anderen ein Programm schreiben, das den Kandidaten für die nächsten Wahlen als Grundlage dienen kann. Damit soll die Debatte über die Globalisierung auch in die öffentliche politische Diskussion einziehen.

Und wie sieht das Verhältnis zu anderen globalisierungskritischen Bewegungen aus?

In Lateinamerika gibt es eigentlich nur in Argentinien eine größere Bewegung unter dem Namen ATTAC, obwohl auch in Uruguay, Mexiko, Kolumbien und Paraguay Gruppen existieren. Mit diesen tauschen wir uns stärker aus, als mit anderen globalisierungskritischen Bewegungen auf der Welt. Meine Reise nach Deutschland dient der Förderung des Austauschs und soll die Zusammenarbeit voran bringen. So schlugen wir ATTAC Deutschland beispielsweise vor, bei der Ausgestaltung der Internetseite für das Forum 2002 mitzuwirken.

Die Internetseite des Weltsozialforums 2002 kann unter www.portoalegre2002.net eingesehen werden.

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