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Die Chemie der Erinnerung

Fetzen eines zerrissenen Posters, das als solidarisch kameradschaftliche Geste versteckt wurde; ein Schlüssel, der jahrelang verbotene Bücher tief unten in einer Truhe vorm Zugriff bewahrte; ein Paar hellblaue gestrickte Schühchen, die auf ein ungeborenes Kind warteten; eine Schachtel Buntstifte mit der Widmung „Für Dich, alle Farben”, ein Geschenk von jemandem, der heute als verschwunden gilt: Dies sind nur einige der Objekte in der Ausstellung „La Química de la Memoria“ (Die Chemie der Erinnerung).
Die Ausstellung fand Ende letzten Jahres in der Nationalbibliothek von Buenos Aires statt. Danach war sie von März bis Mai dieses Jahres im Museum der Erinnerung in Rosario zu sehen. Das Projekt „La Química de la Memoria“, welches über die Ausstellung an sich hinaus geht, begann jedoch schon einige Zeit vorher. Im Jahr 2004 beschlossen die bildende Künstlerin Marga Steinwasser und die Soziologin María Antonia Sánchez eine Idee des deutschen Künstlers Horst Hoheisel umzusetzen, der anhand von Erinnerungsobjekten eine Brücke zwischen der jüngsten Vergangenheit der letzten Militärdiktatur und der Gegenwart schlagen wollte.
Das Motto des Projekts, das durch Mund-zu-Mund-Propaganda verbreitet wurde, lud die potentiellen TeilnehmerInnen ein, einen Gegenstand auszuwählen, den sie persönlich, mit der Diktatur verbanden. Dieser oder der Grund für die Auswahl sollte in einem kurzen Text erläutert werden. Es ging nicht darum, mittels der Suche nach „authentischem“ oder aus historischer Sicht „wertvollem“ Material eine vergangene Epoche darzustellen. Sondern vielmehr darum, ein Geflecht aus Materialien und Texten zu konstruieren, das von der Diktatur und ihren Auswirkungen anhand von persönlichen Alltagserlebnissen berichten sollte. Erfahrungen nicht nur von den direkt Betroffenen oder ihren ZeitgenossInnen, die „nicht wussten“, was geschah, sondern gerade auch von den nachfolgenden Generationen.

Hoheisel war mittels der Kunst auf der Suche nach einem Weg, den Erinnerungsprozess zu beschleunigen und zu begleiten. Sein Vorschlag, eine Erfahrung der Monumentalisierung „von unten“ zu konstruieren und niemandem ein abgeschlossenes Projekt aufzuzwingen, bestimmte den Prozess. Hoheisel selbst war an diesem Prozess als „Katalysator” beteiligt, der die Ausstellung hervorgebracht hat. Jeder einzelne Aspekt – von der Planung des Mottos bis hin zur Wahl des Mediums für die Verbreitung – wurde auf regelmäßig stattfindenden Sitzungen diskutiert. An ihnen nahmen KünstlerInnen, ProfessorInnen, DozentInnen und StudentInnen verschiedener Fachrichtungen der Universität von Buenos Aires teil, sowie all diejenigen, die von dem Projekt hörten und daran teilnehmen wollten. Die große Vielfalt unterschiedlichster TeilnehmerInnen machte sich später in den gesammelten Gegenständen und den Personen, die diese auswählten, bemerkbar: Jene, welche die Diktatur selbst erlebt hatten und von ihren eigenen Erfahrungen berichten wollten – oftmals von ihrer Angst – oder andere, die nun eingestanden, „hinterm Mond“ gelebt zu haben. Von jungen Leuten, die ihre Kindheit während der Diktatur erlebten bis hin zu jenen, die ihre Eltern oder andere Familienangehörige verloren haben und für die die Entwicklung des Projekts auch eine Suche nach ihrer eigenen Geschichte war.

In diesem Sinn bildeten nicht nur die Ausstellung an sich, sondern auch die Suche, Auswahl und Bereitstellung der Objekte Ansatzpunkte, welche halfen, die Erinnerung wach zu rufen. Und den Erinnerungsprozess zu entfachen, war eines der Hauptziele des Projekts, und nicht, eine möglichst große Anzahl von Gegenständen anzuhäufen. Da es sich um eine Rückkehr in diese traumatische Zeit handelte, war es kein Leichtes, die Gegenstände zusammen zu bekommen. Diejenigen, die von dem Projekt hörten, reagierten zwar mit großer Begeisterung, aber die Objekte ließen auf sich warten. Manchmal spiegelte die Verzögerung den Schmerz wider, der es nicht möglich machte, den Schleier, der über einer sorgsam verschlossenen Vergangenheit lag, zu lüften. Bei anderen lag das Zögern daran, dass so viele verschiedene Erinnerungen auf sie einströmten, dass es ihnen schwer fiel, ein einziges Erinnerungsobjekt auszuwählen, das alle Erinnerungen in sich vereinen konnte. Für die Übergabe der Objekte war keine feste Form vorgesehen. Manche zogen es vor, sie privat zu übergeben. Andere brachten sie zu den Treffen mit. Diese wurden dadurch nach und nach zu einem Raum, in dem Erfahrungen, Erinnerungen und Emotionen ausgetauscht wurden – eine dialogische Baustelle der Erinnerung.

Einige Erinnerungsobjekte spielen deutlicher auf die Diktatur an als andere. Bei ihnen ist die Verbindung zwischen Gegenwart und Vergangenheit leichter nachvollziehbar: Auszüge aus Tagebüchern oder ein Bild des berühmt berüchtigten grünen Ford Falcón mit seiner ganzen negativen Bedeutung (der Falcón war das Auto, das von den Militärs genutzt wurde, um so genannte Subversive zu entführen, Anm. d. Red.). Es kamen auch Gegenstände, welche, außer eine Epoche historisch zu dokumentieren, mit persönlichen Erlebnissen verbunden waren. Objekte, die rückblickend mit dem Wissen oder Nicht-Wissen um das Geschehene verbunden sind. Wie das offizielle Programm der Fußballweltmeisterschaft 1978, Diese Weltmeisterschaft, die „nicht zählte“, wie Graciela den Begleittext betitelte, „weil ich sie, fast noch als Kind, als ein Festereignis erlebt habe und mich erst Jahre später seltsam schuldig für all das fühlte, was in meinem Land passiert ist, während sie stattfand.“
Neben diesen Objekten finden sich auch Gegenstände aus dem Alltagsleben. Sie entspringen der Privatsphäre und ihre Verbindung mit der Diktatur liegt daher nicht gleich auf der Hand. Schallplatten, die damals angehört wurden, Bücher, die gelesen wurden, Hochzeitsbilder oder Handtaschen, welche gerade in Mode waren. Sogar ein Volleyball, zur Verfügung gestellt von jemandem, der damals in unmittelbarer Nähe der Mechanikerschule der Marine (ESMA) trainierte, ohne zu wissen, was in dem dort eingerichteten Folterzentrum vor sich ging. Oder eine Schachtel Zigaretten: „Für die Diktatur“, so Nora in ihrer Beschreibung, „waren dunkle Zigaretten und Zeitungen unter dem Arm bei Frauen eindeutige Hinweise auf linkes Denken.”
Jedes Objekt ist ein Unikat, es unterscheidet sich von den anderen, denn es trägt seine ganz eigene Geschichte in sich. Jedes von ihnen enthält die Spuren persönlicher Erinnerung, die wegen seiner Nutzung oder wegen seines Verbots geweckt werden. Einige Objekte tragen die unauslöschliche Kennzeichnung der Abwesenheit in sich, wie das Foto des Cousins, der nicht mehr da ist, mit seinem für immer festgehaltenen Lächeln aus den Siebzigern. Einige zeugen von der Zeit im Gefängnis, wie die Tasche, in der akribisch die damals erhaltenen Briefe aufbewahrt wurden. Wieder andere Gegenstände lassen sich mit dem Exil assoziieren, jener so schmerzhaften aber für das Überleben Vieler notwendigen Entwurzelung: „Als ich das Flugzeug bestieg, das mich nach Lima bringen sollte, sah ich den Schal meiner Tochter in der Luft flattern, zum Abschied”, schreibt Olga.
Unter den fast achtzig Objekten, die zusammengetragen wurden, – in Rosario kamen später noch weitere Gegenstände hinzu – befindet sich auch eine leere Schachtel, welche Hoheisel beisteuerte, als Symbol dafür, dass es sich hier nicht um seine Geschichte dreht.

Für die Jüngeren, die während der Diktatur oder auch schon in der Demokratie geboren wurden, war die Auswahl eines Gegenstandes noch schwieriger. Wie soll man sich an eine Zeit erinnern, die man nicht erlebt hat? Für die Kinder von Verschwundenen, wie Marcos, bestand die Erfahrung darin, im Schatten der Abwesenheit aufzuwachsen: „Mein Gegenstand ist ein Versuch mehr das Rätsel zu lösen. Das Bild zeigt mich in Argentinien, meine Mutter in Mexiko im Exil, das nicht enden konnte, auch für mich nicht, und meinen Vater an einem farblosen, lautlosen, geruchlosen Ort, an dem er sich seit 30 Jahren befindet, verschwunden.”
Andere junge Leute der gleichen Generation beschlossen, mit ihren Objekten darzustellen, wie sie Zugang zur Vergangenheit gefunden haben, wie sie erfuhren, was passiert war. Einige wählten ein Foto oder eine Zeichnung derjenigen aus, die ihnen die traurige Geschichte Argentiniens näher gebracht hatten. Andere brachten Kassetten mit, da sie über die Musik angefangen hatten, das Geschehene zu hinterfragen. María erzählt, dass „die Kassette Piano Bar eine Art früher Vergegenwärtigung ist, eine meiner ersten Begegnungen mit der Musik, die ich später, neben anderer, in meiner Jugend gehört habe. Sie trug Spuren in sich, die ich erst später als solche ausmachen konnte, Spuren einer nationalen Geschichte, verwoben mit meiner eigenen.”

Als das Material schließlich vorlag, stellte sich der Gruppe um Steinwasser und Sánchez die Herausforderung, daraus eine Ausstellung zu entwerfen. Wie sollte man die verschiedenen Erinnerungen, die in der Vielzahl der Gegenstände ruhten, darstellen? Wie diese chaotische Anhäufung einzelner Erinnerungsobjekte organisieren, um ein komplexes gemeinsames Geflecht zu konstruieren, welches die Unterschiede nicht unterdrücken sollte?
Beim Aufbau der Ausstellung wurden die Gegenstände – jeder versehen mit einem Schild, auf dem Name der Person, die ihn aussuchte, und ihr Motiv für die Bereitstellung standen – auf weiße Regale gelegt. Marga Steinwasser erzählt: „Fast wie in einem Warenlager, vielleicht der große Aufbewahrungsort unserer gemeinsamen Erinnerungen?” Obwohl verschiedene Anordnungskriterien denkbar gewesen wären (nach Generation, nach Themen), wurde keines davon favorisiert und die Objekte wurden durcheinander angeordnet, getrennt von den Begleittexten. Die miteinander verwobenen Texte waren an einer Wand des Saals zu lesen.
Die Schwierigkeit, sich an den Schmerz und an die traumatische Vergangenheit zu erinnern, spiegelt sich auch in der Ausstellung wider: In den leeren, stummen Regalen ist Raum für die Objekte, die nie übergeben wurden oder die nicht einmal ausgewählt werden konnten. Aus diesem eröffnet sich die Möglichkeit, eines ungewissen aber wichtigen Wegs hin zur Erinnerung. Ein Weg ohne Ziel oder festgesetzte Dauer, der aber vielleicht irgendwann Ausdruck in einem Erinnerungsobjekt finden kann.
Die Entscheidung keinen Rundgang durch die Ausstellung festzulegen, gab den BesucherInnen unendlich viele Möglichkeiten, diese nach ihren eigenen Erinnerungen, Interessen oder Empfindungen zu erfahren. Einige begannen den Besuch mit den Texten, andere mit den Gegenständen. Manche versuchten die Geschichte jedes einzelnen Erinnerungsobjekts zu entdecken, indem sie immer wieder zwischen Text und Gegenstand hin und her wechselten. Andere ließen die ausgestellten Gegenstände für sich sprechen. Neben den tiefen persönlichen Spuren, die sie tragen, erhielten die Objekte mit jedem Weg, der an ihnen vorüberführte, mit jedem Blick, den die BesucherInnen darauf warfen und damit ihre eigenen Erfahrungen in sie hinein projizierten, eine zusätzliche Bedeutung. So war „La Química de la Memoria“ schließlich eine Einladung an alle BesucherInnen, mit der aktiven Nachforschungs- oder Erinnerungsarbeit zu beginnen.
Die Objekte mit ihrer erzählerischen und bildhaften Kraft formen zusammen mit den Texten ein Geflecht, das keine bloße Ansammlung von Ausstellungsstücken ist, sondern der fragmentäre Ausdruck eines Versuchs aus der Gegenwart heraus über die Komplexität der Vergangenheit zu berichten. Es handelt sich um Fragmente, die von einer Zeit und ihren Auswirkungen erzählen. Und die in Kombination mit den Wegen der AusstellungsbesucherInnen eine polyphone Erzählung der argentinischen Vergangenheit sind.
Als Stücke eines unendlichen Rätsels, das versucht, das dichte Gewebe der Erinnerung zu lösen, waren die Gegenstände als zeitliche Vermittler ein effektives Werkzeug, um die traumatische Vergangenheit ästhetisch darzustellen. Dadurch entsteht ein fruchtbarer Dialog zwischen privaten und öffentlichen, individuellen und gemeinsamen Erinnerungen.

Übersetzung: Katharina Wieland

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