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Die Formen der Entfremdung

Sich an Verletzungen zu erinnern hilft heilen. Das gilt für Individuen ebenso wie für Gesellschaften. Die schwierige Arbeit am Gedächtnis zu dokumentieren, um so die Erinnerung lebendig zu halten, ist der Leitgedanke des von Horacio Riquelme herausgegebenen Sammelbandes „Die Belagerung des Gedächtnisses“. Der Untertitel weist auf die Methode hin: „Leben und Arbeit von Psychologen unter den Militärdiktaturen Südamerikas“. Persönliche Erinnerungen sollen ebenso thematisiert werden wie professionelle Behandlung und Deutung. Die vierzehn Aufsätze, die in drei Themenblöcke untergliedert sind, gehen darüber jedoch weit hinaus. Die Rolle der Psychologie in der Arbeit mit dem Gedächtnis wird auf allen Ebenen untersucht, auch als Instrument der Täter oder als Methode, kollektive Traumata zu untersuchen.
Die Teilung des Buches in drei Blöcke beruht auf drei Ebenen der Betrachtung, die Riquelme in der Einleitung vorstellt: Zunächst schreiben Psychologen über psychologische und soziale Phänomene während der Diktaturen und danach. Im zweiten Teil sprechen in vier Interviews Betroffene über ihre Erfahrungen. Im letzten Teil schließlich geht es um Kultur und Staatsterrorismus. Ein Begriff taucht immer wieder auf, so verschieden die Texte und so groß die Bandbreite der Sichtweisen auch sein mögen: Entfremdung. Entfremdung vom eigenen Körper, Entfremdung von sich selbst, Entfremdung von anderen, gesellschaftliche Entfremdung durch ein ständig gegenwärtiges Angstgefühl.

Ziele der Folter

Sie ist eines der erklärten Ziele der Folter, so Riquelme im ersten Aufsatz, der einen Überblick zum Thema Repression und psychosoziale Gesundheit geben soll. Neben dem Verschwindenlassen und der Indienstnahme von Massenmedien ist der Einsatz der Folter das wichtigste Instrument staatlicher Unterdrückung. Sie soll Informationen verschaffen, aber auch das Bild eines allmächtigen Staates verstärken, der jede Bewegung kontrolliert. Sie soll Misstrauen zwischen den Menschen, vor allem den Widerständischen, sähen. Und sie soll die Individualität zerstören, den Willen der Opfer brechen. Dadurch, dass Vorstellungen von Gewalt und Verfolgung, die bisher in den Bereich des Psychotischen verbannt schienen, plötzlich für jeden Menschen zur Bedrohung werden, wird die gesamte Gesellschaft von Angst durchdrungen, die von den Erzählungen freigelassener Folteropfer genährt wird. Ihr Leiden ist kein privates Phänomen mehr, sondern lähmt die gesamte Bevölkerung.

Systematische Zerstörung

Was hier noch sehr theoretisch klingt, wird in den Aufsätzen des ersten Blocks konkreter. Mercedes Espínola beschreibt die Methoden, mit denen in uruguayischen Gefängnissen Menschen systematisch in den Wahnsinn getrieben werden: Sie werden zu einer namenlosen Nummer, ihr Besitz wird ihnen genommen, ihre Zeit von anderen willkürlich bestimmt. Der Gefangene muss ständig mit dem Gefühl leben, dass im nächsten Moment etwas Unvorhergesehenes, Schreckliches passieren kann, da Tagesablauf, Gesetze und Befehle sich immer wieder ändern. Sich widersprechende Regeln und Sanktionen schaffen Verunsicherung und zerstören das System, über das das Individuum sich bisher selbst definiert hat. So wird es sich im Wortsinn selbst fremd.
Den Prozess der Traumatisierung vollzieht Isabel Castillo anhand eines Beispieles aus ihrer Praxis nach: Eine Frau, die ihren Mann verloren hat und der Folter zum Opfer fiel, sucht nach vielen Jahren psychologische Hilfe. Castillo analysiert den Fall mit Hilfe des Modells der „kumulativen Traumatisierung“: Nicht nur die Erfahrung von Gefangenschaft und Folter an sich, sondern auch der Zusammenbruch des politischen Systems durch den Putsch vorher und die Jahre des Schweigens und Verdrängens nachher sind Teil eines traumatischen Prozesses. Als Castillos Patientin zum ersten Mal von den traumatischen Erfahrungen spricht, die sie bisher in sich abgekapselt und ignoriert hatte, wird sie wegen der Stärke ihrer Erinnerung ohnmächtig. Doch nach und nach gelingt es ihr, sich dem Erlebten zu nähern. Die Aufgabe des Therapeuten, so Castillo, ist es dabei, ein „affektives Netz“ zu spinnen, dass der Patientin die Sicherheit bietet, bisher Verdrängtes an die Oberfläche zu holen.

Der Schmerz des Heilenden

Doch was geschieht dabei mit dem Therapeuten selbst, der all den Schmerz aushalten muss? Darüber reflektiert Mathilde Rudermann in ihrem Text. Während der Diktaturjahre wurden die Probleme der Behandelnden meist verschwiegen. Erst langsam kam die Erkenntnis, dass auch der Schmerz der Therapeuten reflektiert und aufgearbeitet werden musste. Victor A. Giorgi weist darauf hin, dass die Gefahr besteht, dass sich in der Beziehung zwischen Patient und Therapeut entweder die Täter-Opfer-Beziehung wiederholt oder der Therapeut als Retter idealisiert wird. Er macht Vorschläge, um diese Probleme zu vermeiden: Alltagsleben und soziales Umfeld des Patienten sollen einbezogen werden, um ihm zu helfen, sich ein neues Leben aufzubauen. Statt eines Therapeuten soll sich möglichst ein Team um die Patienten kümmern, um die verschiedenen Aspekte seiner Probleme analysieren und sich gegenseitig unterstützen zu können. Und statt der Praxis werden andere Räume als Therapieort in Erwägung gezogen, wie die Wohnung des Patienten oder auch eine Bar.

Vier Gespräche

Eva Giberti, die Autorin eines weiteren Aufsatzes im ersten Teil, ist ein gutes Beispiel für das Konzept des Buches, Psychologen nicht nur als Wissenschaftler, sondern auch als Individuen darzustellen. Ihr Text analysiert das diskriminierende Verhalten argentinischer GefängnisaufseherInnen. Über Jahre hinweg hat sie deren Methoden der Unterdrückung studiert, da sie regelmäßig ihren Sohn im Gefängnis besuchte. Mit wissenschaftlichen Methoden untersucht sie, was ihr und anderen Müttern widerfahren ist. Im zweiten Teil hingegen wird sie als Privatperson zu ihrer Geschichte befragt. Sie erzählt von dem täglichen Kampf um Besuchszeiten und mitgebrachte Essensrationen und von der Ablehnung, die sie als Mutter eines politischen Häftlings erfahren hat.
Die vier Gespräche mit Eva, ihrem Sohn Hernán, Gabriela, die von ihren Erfahrungen mit der Folter berichtet, und Jorge, der während der chilenischen Diktatur an der Universität arbeitete, enthalten jeweils eine Einleitung und ein Schlusswort. In ihm reflektiert der Interviewer noch einmal die wichtigsten Aussagen seiner Gesprächspartner und analysiert ihre Strategien, das Erlebte zu verarbeiten. Dies gibt auch dem Leser die Möglichkeit, nach der Heftigkeit der Erfahrungen, mit denen er zum Teil konfrontiert wurde, wieder etwas Abstand zu gewinnen.
Besonders interessant ist das Interview mit Hernán, der von seinen insgesamt 13 Jahren Haft ein knappes Jahr in der „Sonderabteilung“ eines argentinischen Zivilgefängnisses verbrachte. In dieser Abteilung, die von den anderen völlig abgeschottet war, wurden die Häftlinge nicht geschlagen, aber man versuchte, sie durch Psychoterror zu brechen. Psychologen sprachen jeweils mit denjenigen, denen es gerade am schlechtesten ging. Nach diesen Gesprächen ging es den Häftlingen natürlich nicht besser, sondern sie waren noch verunsicherter. Von den 25 Häftlingen, mit denen Hernán zusammen war, brachten sich zwei um. Hernan selbst, der vor seiner Verhaftung Psychologie studiert hatte, konnte sich von den PsychologInnen relativ gut distanzieren, indem er sich mit ihnen stritt. Dennoch waren die Monate in der Sonderabteilung für ihn die schlimmsten seiner Zeit als Häftling. Die Gefangenen waren vollständig isoliert in ihren Zellen und durften nicht einmal, wie in anderen Gefängnissen üblich, das Essen austeilen oder gemeinsam duschen. Außer einer Stunde täglich im Hof waren sie immer allein in ihrer Zelle. „Ich vermisste das Militärgefängnis, wo sie mich einmal die Woche zusammenschlugen“, sagt Hernan an einer Stelle. Die Psychologen sind hier nicht Personen, die heilen, sondern subtile Folterknechte.

„Wir und sie“

Auch für Gabriela, die im nächsten Interview ihre Geschichte erzählt, war der psychische Aspekt der Folter am schlimmsten. Ihr wurde noch nicht einmal eine Nummer gegeben, sie galt als nicht offiziell inhaftiert, als gar nicht anwesend. Dadurch kam sie sich vor wie ein Geist und fühlte sich denen, die über ihr Leben entschieden, umso mehr ausgeliefert. Tag und Nacht musste sie die Schreie anderer mit anhören, die gefoltert wurden. An einem bestimmten Punkt spürte sie „etwas wie die Trennung von meinem Körper“, sie spaltete sich von sich selbst ab, um sich zu schützen. Andererseits versuchte sie die ganze Zeit, eine Grenze zwischen „wir“ und „ihr“ aufrecht zu erhalten, zwischen gut und böse, schön und hässlich. Über die Zugehörigkeit zu einer Gruppe, einer Kultur, zu der die Folterer nicht gehörten, versuchte sie, sich selbst zu definieren.

Literarische Verarbeitung

Dafür gab es viele, die über Diktatur und staatliche Repression schrieben. Einen guten Überblick über die Motive, die vor allem in der chilenischen Literatur verarbeitet werden, bietet Riquelmes Aufsatz im dritten Teil des Buches. Um die Erinnerung zu bewahren, müssen die Spuren der Repression in der Kultur gesucht werden, fordert Riquelme in der Einleitung zum dritten Teil.
Diese Spurensuche sieht in den weiteren drei Aufsätzen sehr unterschiedlich aus: Daniel Gil liefert eine psychologische Deutung der Erzählung „Die Höhlen von Neapel“ von Mario Arregui. In der Geschichte verbringt ein Mensch mehrere Monate völlig allein und isoliert als Gefangener in einer Höhle. Um sich nicht völlig selbst zu verlieren, entwickelt er eine besondere Beziehung zu seinen Exkrementen. Er genießt ihren Geruch als etwas, das zu ihm gehört, aber doch nicht mehr er ist. Nach Gils Deutung handelt es sich hierbei um eine Art Schöpfer-Haltung: Der einsame Gefangene „schafft“ etwas, um ein Gegenüber zu haben.
Die Geschichte, die vollständig abgedruckt ist, zeigt besonders krass die Entfremdung, der der Gefangene mühsam versucht, entgegenzuwirken. Eine gänzlich andere Methode verfolgt Dario Paez, der das kollektive Gedächtnis in Chile analysiert. Dabei stellt er im Bezug auf das Erinnern fest, das generell Menschern, die das Vergangene verarbeiten, eine kritischere Einstellung dem herrschenden System gegenüber haben als diejenigen, die es verdrängen. Der Umkehrschluss ist erneut eine Bestätigung für die Wichtigkeit dieses Buches: Diejenigen, die erinnern, haben eher das Potenzial, die Gegenwart zu verändern.

Horacio Riquelme (Hg.): Die Belagerung des Gedächtnisses. Leben und Arbeiten von Psychologen unter den Militärdiktaturen Südamerikas. Bonn: Deutscher Psychologen Verlag, 2001.

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