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Die Kunst, trotz Übergewicht gegen den Strom zu schwimmen

Besonders Anas Übergewicht ist für Mama ein gefundenes Fressen. Gerne empfiehlt sie anderen in Gegenwart der Tochter: „Werd’ bloß nicht so fett wie Ana.“ Als Ana in der Schneiderwerkstatt ihrer Schwester Estela vor einem der eleganten Modellkleider steht, die dort von Arbeiterinnen im Schweiße ihres Angesichts gefertigt werden, giftet Mama: „Mach dir keine Illusionen. Das Kleid hat Größe 38, und bei dir wiegt allein schon jede Brust zehn Kilo.“
Für Ana selbst gibt es allerdings Dinge, die mehr ins Gewicht fallen als die Idealfigur. Sie träumt davon, zu studieren. Ihr Lehrer Mister Guzmán ermutigt sie, sich für ein Stipendium zu bewerben. Eine Idee, die Anas Eltern ganz und gar nicht behagt. Als Ana ihren McJob in einem Fastfood Restaurant schmeißt, zwingen sie sie, gemeinsam mit Mama und Schwester im Familienbetrieb als Aushilfe zu arbeiten. Bereits das erste Kleid, das Ana bügeln muss, endet mit Senglöchern in der Mülltonne.
Echte Frauen haben Kurven, das Erstlingswerk der Regisseurin Patricia Cardoso, handelt vom Erwachsenwerden und der Befreiung von der elterlichen Umklammerung. Im Gegensatz zu vielen anderen Filmen zum Thema stellt sich in diesem Fall aber kein autoritärer Patriarch den Kindern in den Weg. Anas Vater spielt eine etwas blasse und ambivalente Nebenrolle. Der Großvater ist sogar uneingeschränkt positiv gezeichnet: Er, der „abuelo“, ist der einzige, der Ana akzeptiert, so wie sie ist. Ohne mit der Wimper zu zucken, verschafft er seiner Enkelin die Alibis für ihre heimlichen Rendezvous mit einem Klassenkameraden.
Die Hauptkonflikte des Films spielen sich unter Frauen ab: zwischen Mutter und Tochter sowie zwischen den beiden Schwestern. Anas ältere Schwester Estela wirkt auf den ersten Blick wie eine graue Maus, die nichts anderes kennt als den Familienclan und die alltägliche Plackerei. Gleichzeitig ist die Schneiderwerkstatt, so schäbig sie auch sein mag, Estelas Lebensprojekt, das sie mit aller ihr zur Verfügung stehenden Kraft vorantreibt. Die Figur der Mutter ist karikaturesk überzeichnet. Mal geistert sie in Lockenwicklern durchs Haus und fantasiert, sie sei schwanger. Dann wieder erzählt sie in Anas Gegenwart demonstrativ den Inhalt der neuesten Folge ihrer Lieblingstelenovela. Die handelt von einem Mädchen, das schwanger wird und gegen Mamas Willen in die Stadt geht. Dort kommt sie im wahrsten Sinne des Wortes unter die Räder: Sie wird von einem Bus überfahren.
Josefina López, von der das Theaterstück stammt, das als Vorlage für den Film diente, kennt das Milieu, von dem sie erzählt: Die gebürtige Mexikanerin emigrierte als Fünfjährige mit ihren Eltern in die USA und machte ihre ersten beruflichen Erfahrungen als illegale Arbeiterin in einer Schneiderwerkstatt in East Los Angeles. Auch die Regisseurin Patricio Cardoso hat beruflich und privat einen gewundenen Weg hinter sich, auch wenn sie aus einer begüterten Familie stammt: In Kolumbien geboren, studierte sie zunächst Archäologie und arbeitete für kolumbianische Universitäten und Kulturinstitutionen. Ihr Traum war es allerdings, Filme zu drehen. 1987 ergatterte sie ein Stipendium für die Filmschule der University of California in Los Angeles, wo sie seitdem lebt und arbeitet.
In den USA, wo Filme von Latinos und Hispanics zurzeit einen Boom erleben, war Echte Frauen haben Kurven ein großer Erfolg. Unter anderen gewann er 2002 den Publikumspreis des Sundance Film Festivals, das wichtigste Festival des US-amerikanischen Independent-Kinos.
Die Geschichte, die der Film erzählt, ist in den Grundzügen alles andere als neu. Seine Originalität liegt in dem Humor, der Vitalität und Leichtigkeit der Inszenierung. Eines der Highlights ist die Szene, wo Ana ihre Kolleginnen dazu animiert, die Hüllen fallen zu lassen, weil die Luft im Sweatshop unerträglich stickig ist. Und dann stehen sie da, ein Dutzend Frauen unterschiedlichen Alters mit ihren nicht gerade stromlinienförmigen Körpern. Ihre Unterwäsche ist schäbig, wahrscheinlich wurde sie in einer anderen maquiladora von Arbeiterinnen zu Dumpinglöhnen zusammengeschneidert. Eigentlich kein umwerfender Anblick. Wäre da nicht das lebendige, triumphierende Blitzen in den Augen der Arbeiterinnen, welches sie auf einmal richtig anziehend macht. Fast scheint es, als hätten diese Frauen gerade nicht nur einengende Kleidungsstücke, sondern auch noch ganz anderen Ballast von sich geworfen.

Echte Frauen haben Kurven (Real Women have curves), Regie: Patricia Cardoso, USA 2002, Farbe 90 Minuten. Der Film startet am 6. Mai 2004 bundesweit in den Kinos.

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