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Die letzte Reise des Che

Die Mexikaner, mit denen ich unterwegs bin, sind mit einem der heißbegehrten Journalisten-Visa hier und müssen einen Berg von Formalitäten an verschiedenen Stellen erledigen, so daß wir Stunden durch das heiße Havanna marschieren. Auf Busse zu warten ist zwecklos, denn falls sie vorbeikommen, sind sie so voll, daß man sowieso nicht mehr reinkommt. Das Taxi-System ist auch nicht so leicht zu durchschauen, es gibt anscheinend fünf verschiedene „Kategorien“, die auch unterschiedliche Preise haben. Aber mit Dollars müssen alle bezahlt werden. Havanna präsentiert sich, wie erwartet, vor allem mit stark verfallenen Prachtbauten und einem bunten Gewimmel von Menschen jeglichen Alters und aller Hautfarben. Bis jetzt habe ich von der „Che-Manie“ nur wenig gesehen: Die vielen Plakate mit Abbildungen vom Comandante fügen sich scheinbar natürlich ins Straßenbild. Erstaunt bemerke ich allerdings die vielen Che-T-Shirts, die nicht an Touristen durch die Stadt laufen. Ja, und dann ist da noch die Musik. Von überall her ertönt die „Che-Hymne“ in den verschiedensten Interpretationen: „Hasta siempre“, ursprünglich vom alten Revolutionssänger Carlos Puebla gesungen.
Die Mitarbeiter des Pressezentrums, die sich mit den ausländischen Journalisten herumschlagen müssen, erzählen alle davon, daß sie „ihn“ schon gesehen hätten. Das will ich jetzt auch: Am späten Nachmittag machen wir uns in Richtung Platz der Revolution auf. Hier steht ein gigantisches Monument zu Ehren José Martís, mit einem großen turmartigen Gebäude dahinter. In selbigem sind die sieben Särge von Che und seinen Kampfgenossen kunstvoll aufgebahrt, mit Ehrengarde, Fotos und Blumen – allerdings weiß ich das nur aus Erzählungen oder von Fotos, denn leider ist es zwecklos, sich anzustellen. Dieser Montag ist der letzte Tag, um Che & Co. in Havanna zu sehen. Dementsprechend ist die Schlange von Menschen sechs Kilometer lang…
Alle, mit denen wir ins Gespräch kommen, erzählen uns, wann sie „ihn“ gesehen haben, und wie lange sie dafür anstehen mußten. Schweren Herzens nehme ich von meinem Plan, Che in Havanna zu sehen, Abstand, halte mich aber noch eine Weile auf der Plaza auf, um die Stimmung zu genießen. Das Raunen der Menge erfüllt die Luft, aus den Lautsprechern erklingen gedämpft romantische Revolutionslieder, im Hintergrund leuchtet ein überdimensionaler Che-Kopf neben einer riesigen cubanischen Flagge. Es ist inzwischen dunkel, immer noch sehr warm, und der Mond scheint über José Martí. Die ganze Inszenierung hat mich offensichtlich voll erwischt.

Fähnchen und Eskorte

Nächster Tag: Wir „dürfen“ heute um 5 Uhr aufstehen, um einen guten Platz zum Fotografieren der sieben Särge zu ergattern, die in einer hochoffiziellen Auto-Karawane nach St. Clara gefahren werden. Unsere cubanische Bekannte Marta hat uns netterweise angeboten, die Fenster ihrer am Malecón gelegenen Wohnung für diesen Zweck zu benutzen. Also schlagen wir uns im Morgengrauen dorthin durch, und sind überrascht über die schon zahlreichen Menschen am Straßenrand. Alt und jung – es sind jede Menge Schulkinder mit Fähnchen vor Ort – werden von den zuständigen Nachbarschaftsorganisationen hier versammelt. Es herrscht trotz der Massen kein bißchen Chaos, jede/r scheint zu wissen, wo sein oder ihr Platz ist. Gegen 8 Uhr rollt die „Karawane“ an: Die kleinen Särge sind auf sieben hintereinander fahrenden Jeeps zu sehen, bedeckt mit den jeweiligen Flaggen und geschützt von einem kugelsicheren Glasübersturz. So werden sie die 250 Kilometer bis ins Innere der Insel nach Santa Clara zurücklegen.
Den Rest des Tages würden wir gerne dazu nutzen, uns mit Marta zu unterhalten. Sie ist honorige Alt-Kommunistin, die in jungen Jahren mit Che zusammen den Untergrund in Santa Clara organisiert hat, Gründungsmitglied der KP und langjährige Mitarbeiterin in wichtigen Funktionen in Fidels Regierung. Aber irgendwie will es uns nicht gelingen, sie zu „interviewen“. Bevor sie irgendetwas von sich erzählt, werden wir erstmal von ihr „geprüft“: meine mexikanischen Freunde sollen zum Chiapas-Konflikt Stellung beziehen, und ich werde gefragt, aus welchem Teil Berlins ich denn ursprünglich sei…
Am nächsten Morgen holen wir Marta sehr früh ab. Wir fahren an sehr grünen, riesigen Zuckerrohrpflanzungen entlang in Richtung St. Clara, kein einziges Dorf liegt an dieser ausgestorben wirkenden Landstraße. Endlich erreichen wir das bei St. Clara gelegene Dorf Esperanza. Hier werden wir sehr herzlich von Daisy, einer Verwandten von Marta, und ihrer Familie in einem sehr spartanischen, heruntergekommenen Gehöft empfangen. Wir bekommen das beste Essen seit unserer Ankunft auf Cuba – auf dem Land ist die Versorgungslage besser.

„No es fácil – todo se resuelve“

Beim Thema Beerdigung gesteht uns Daisy, als Marta gerade nicht im Raum ist, daß ihr der ganze Che-Rummel inzwischen ziemlich auf die Nerven geht und daß sie das Lied „Hasta siempre“ nicht mehr hören könne. Seit Mai würde sie damit von allen Seiten beschallt! Weiterhin erfahren wir, daß diese so bäuerlich wirkende Frau eigentlich Agraringenieurin ist, als sie sich nämlich erbittert darüber äußert, daß die Amerikaner irgendeinen Schädling in die Zuckerrohr-Pflanzungen eingeschleust hätten, der die Ernte vernichten solle. Aber irgendwie würden sie es schon wieder hinkriegen, denn zwei wichtige kubanische Lebensweisheiten lauten: „No es fácil!“, aber „Todo se resuelve!“. Es gibt offensichtlich genügend Themen, die aktueller und interessanter für die Menschen in Esperanza sind als die Zeremonien zu Ches Ehren. Tagesgespräch ist der Tod einer Kuh im Dorf, deren Ableben von einer polizeilichen Kommission untersucht wird. Kühe dürfen nämlich nicht geschlachtet werden, da sie ausschließlich für die Milchproduktion vorgesehen sind.
In St. Clara, einer kleinen pittoresken, ehemals sehr bürgerlichen und wohlhabenden Stadt im Herzen der Insel sollen die sieben Revolutionäre zur letzten Ruhe gebettet werden. Die Plaza ist abgesperrt, denn in der stattlichen, kolonialen Nationalbibliothek sind die Gebeine der Revolutionäre nochmals für zwei Tage ausgestellt. Diesmal reihe ich mich in die sehr lange Schlange ein. Es gibt zwei Schlangen, eine „organisierte“ (z.B. für die Gewerkschaften), und eine „unorganisierte“, der sich alle anschließen können. Es ist ein sehr warmer Abend, und die Menschen um mich herum scheinen alle gut gelaunt zu sein. Die Atmosphäre ist viel familiärer und beschaulicher als in Havanna, denn alles ist kleiner, und die schönen Kolonialbauten wurden anläßlich des großen Ereignisses frisch getüncht. Auf den Bürgersteigen werden die BlumenverkäuferInnen umlagert, niemand will mit leeren Händen an den Sarg treten. Vor mir in der Schlange stolzieren einige Mädchen, die sich wie für einen Disco-Besuch herausgeputzt haben, sie kichern hinter ihren Blumen und summen ununterbrochen „Hasta siempre“.

Hasta siempre

Nach einer kurzen Stunde Wartezeit stehe ich endlich vor dem Eingang des imposanten Gebäudes, an dessen Schwelle ein Meer von Blumen niedergelegt wurde. Es ist wie ein riesiger Altar. Auch ich lege meine Blümchen ab, wir dürfen in Zweierreihen reingehen. In einer großen Halle stehen die sieben Särge im Halbkreis aufgebaut. Alles ist geschmückt, an den Wänden die Fotos der Toten und noch weiterer MitkämpferInnen. Die blutjunge Ehrengarde steht versteinert Wache. Ches Sarg ist mit einer cubanischen Flagge bedeckt, allerdings hatte Fidel in letzter Minute noch Anweisung gegeben, eine kleine argentinische Fahne vor den Sarg zu legen. Ohne anzuhalten, defilieren wir langsam an den Aufgebahrten vorbei. Draußen beginnen alle zu schnattern, und ein paar Strassenecken weiter wollen viele Getränke, Eis und Süßigkeiten bei den fliegenden Händlern erstehen. Volksfestcharakter macht sich breit.
Die hochgradig verschärften Sicherheitsvorkehrungen deuten zwei Tage später alle darauf hin, daß Fidel kommen wird! Schon seit letzter Nacht ziehen Menschen mit Bündeln zum Che-Monument, um einen Platz in der ersten Reihe zu ergattern. Auch ich mache mich ganz früh zu Fuß in Richtung Che-Monument auf. Die verschiedenen Armee-Bataillone stehen schon in Warteposition für ihre Militärparade. Der Platz ist gerammelt voll, und ich mühe mich durch die Massen, um zum internationalen Block zu kommen. Auf der gegenüberliegenden Seite kann ich die vollbesetzten Ehrentribünen und das Rednerpult sehen. Nachdem ich mich ein wenig umgesehen habe – das Kontingent mit der deutschen Flagge steht zusammen mit den Franzosen und den Briten, ansonsten fällt mir neben der brasilianischen und der kanadischen Fahne auch noch die palästinensische auf – klettere ich über die Absperrung wieder zurück zum „cubanischen Volk“, das in der Platzmitte steht. Um Punkt 9 Uhr geht ein Raunen durch die lebhafte Menge: „Shshsh, el comandante, el comandante!“ Und wirklich: da kommt er die Treppe herunter und nimmt seinen Platz neben dem Pult ein. Beifall kommt auf, der aber sofort wieder verstummt, damit die Zeremonie beginnen kann. Von der Militärparade kann ich nicht viel sehen, und auch das Kind, das ein Gedicht für Che rezitiert, bleibt mir verborgen. Von Silvio Rodríguez, der „La era está pariendo un corazón“ zur Gitarre singt, kann ich wenigstens einen Blick erhaschen. Es werden Briefe verlesen, weitere kurze Ansprachen gehalten, und man singt gemeinsam das unvermeidliche „Hasta siempre“. Um 10 Uhr ertönen 21 Salutschüsse. Die Stimmung ist recht ausgelassen, als aber Fidel endlich ans Rednerpult tritt, herrscht mit einem Schlag absolute Ruhe auf dem Platz. Seine Ansprache dauert eine halbe Stunde, und es scheint, als ob er sie abliest. Über seine brüchige Stimme bin ich fast ein bißchen erschrocken, aber, mein Gott, der Mann ist 70 Jahre alt. Es ist eine ergreifende Rede, die die zahlreichen nationalen und internationalen Probleme der Menschen thematisiert und mit einigen sehr persönlichen Formulierungen und Danksagungen an Che endet. Schließlich begleitet eine Delegation die Särge ins Mausoleum, und ein Kommentator erklärt den Menschen draußen, was drinnen gerade passiert. Ein salbungsvolles: “Hasta siempre, Comandante!“, beendet diese letzte Reise des Che.

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