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Die Linke im Fadenkreuz

Die Gewaltserie gegen Politiker der Arbeiterpartei PT (Partido dos Trabalhadores) hat ein neues Opfer gefordert: Am Morgen des 20. Januars 2002 wurde die Leiche von Celso Daniel mit mehreren Schusswunden auf einem Feldweg südwestlich von São Paulo gefunden. In der Nacht zum Samstag war er nach einer Verfolgungsjagd von acht Unbekannten aus dem gepanzerten Auto eines Freundes gezerrt und verschleppt worden.
Der 50-jährige Daniel bestritt seine dritte Amtszeit als Bürgermeister der Industriestadt Santo André, die an São Paulo angrenzt. Er war PT-Gründungsmitglied und enger Berater des wahrscheinlichen PT-Kandidaten für die diesjährige Präsidentschaftswahl, Luiz Inácio „Lula“ da Silva. Vor einem Monat war er von Lula beauftragt worden, die Formulierung seines Regierungsprogramms zu koordinieren.
An der ökumenischen Trauerfeier nahmen in Santo André 8.000 Menschen, darunter die komplette PT-Führungsriege, teil. Verschiedene Redner kritisierten die Untätigkeit der Bundesregierung und der Landesregierung von São Paulo. „Wir wollen keine PT-Bürgermeister, Landlosen, Bauernführer und Geistlichen mehr beerdigen“, sagte José Dirceu, der Vorsitzende der Arbeiterpartei. „Noch nie war die Partei so traurig“, meinte PT-Senator Suplicy.
Im Bundesstaat São Paulo rief Gouverneur Geraldo Alckmin eine dreitägige Staatstrauer aus. In den letzten Monaten hatten 37 PT-Politiker Drohbriefe von einer obskuren Brasilianischen Revolutionären Aktionsfront (FARB) erhalten. Sieben von ihnen wurden durch Schüsse, Einbrüche oder Bombenanschläge eingeschüchtert. Im September 2001 wurde Antônio da Costa Santos, der Bürgermeister von Campinas, ermordet. Bisher sind die Hintergründe der Verbrechen unbekannt.
Die PT-Führungsriege vermutet hinter den Mordfällen politische Motive. „Je näher der Wahlkampf 2002 heranrückt, desto mehr kann die politische Gewalt zunehmen, wenn sie nicht energisch unterbunden wird“, heißt es in einem Schreiben an Justizminister Aloysio Nunes Ferreira vom vergangenen 6. Dezember. Doch offenbar hat erst der Mord an Daniel die politische Klasse bis hin zu Präsident Cardoso alarmiert, der nun einen „Krieg“ gegen die organisierte Kriminalität forderte.

Immer mehr Entführungen

In jüngster Zeit ist die Anzahl von Entführungen im Staat São Paulo sprunghaft angestiegen. 2001 wurden 307 Entführungen gemeldet, 2000 waren es 63. Für die PT sei das Thema „Innere Sicherheit“ neben der Wirtschaftslage wahlentscheidend, sagte der Gouverneurskandidat José Genoino.
Nach dem Mord an Celso Daniel dauert in Brasilien das Rätselraten über die Hintergründe der Tat an. Im Dezember hatte ein Abgeordneter der Partei per E-Mail eine Morddrohung erhalten, die über einen Internet-Server in Santos verschickt wurde. Absender war die oben erwähnte Brasilianische Revolutionäre Aktionsfront, die nun mit dem Mordfall Celso Daniel in Verbindung gebracht wird. Die PT-Führung vermutet dagegen rechtsextreme Kräfte hinter den sich häufenden Drohungen.
Der wahrscheinliche PT-Präsidentschaftskandidat Lula sagte, er sei überzeugt davon, dass sein Berater „nicht zufällig“ entführt und ermordet worden sei. Möglicherweise seien einflussreiche Kreise in den Fall verwickelt.

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