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„Die Menschen begannen wieder Romane zu lesen, Romane die ,hausgemacht‘ waren“

Ihr erster Roman „Oír su voz“ zeichnet ein kritisches Bild der chilenischen Gesellschaft während der Wirtschaftskrise 1982/83. Er gehörte nach seiner Veröffentlichung 1992 wochenlang zu den meistverkauften Büchern in Chile. Und auch viele Romane anderer chilenischer Autoren verkauften sich in den 90er Jahren sehr gut, so dass man sogar schon von einem „Mini-Boom der nueva narrativa chilena“ gesprochen hat. Wie erklären Sie sich das große öffentliche Interesse an den jüngeren Büchern?

Es handelt sich um ein Phänomen, das wir bis heute nicht völlig verstehen. Es gab zunächst etwa fünf Romane, die sich sehr gut verkauften: „Morir en Berlín“ von Carlos Cerda, „Mala honda“ von Alberto Fuguet, „La ciudad anterior“ von Gonzalo Contreras, „Siete días de la señora K.“ von Ana María del Río und „Oír su voz“. Die Besonderheit daran war, dass es sich um Romane handelte, die in Chile veröffentlicht wurden, und dass sie von Autoren geschrieben wurden, die im Ausland unbekannt waren. Isabel Allendes Bücher zum Beispiel hatten auch einen sehr guten Absatz erzielt, aber der Erfolg kam in diesem Fall aus dem Ausland. Die Neuheit war also, dass es sich um einen lokalen Erfolg handelte, der ohne „Paten“ oder internationale Empfehlungen entstanden war. Die Menschen begannen nun wieder Romane zu lesen, Romane die „hausgemacht“ waren.
Aber warum kam es überhaupt dazu? Ich glaube, dass davor die Literatur zu sehr durch eine linguistische Experimentierfreude geprägt war, bei welcher die Schwierigkeit war, dass sowohl eine Handlung als auch Personen fehlten. Das war eine literarische Mode, die insbesondere durch den französischen nouveau roman, also Robbe-Grillet etc., beeinflusst war. Bei dieser Art der Literatur fehlen Personen, es tauchen Stimmen auf, von denen man nicht weiß, woher sie kommen, es gibt keine Identität und es gibt auch kein Geschlecht, weil ein Geschlecht Identität bedeuten würde. Alles war so „zerstückelt“ und „verrenkt“, so dass sich der Leser schließlich nicht für das Erzählte interessierte. Es war eine experimentelle Literatur für Literaturprofessoren. Sie war dafür geeignet sie in der Bibliothek zu lesen und darüber Paper zu präsentieren, um den Tod des „Ich“ exemplarisch darzustellen. In dieser Zeit war natürlich auch alles von der Diktatur überschattet, und ein Gefühl des Misstrauens schlug sich auf die literarische Form nieder.
Die Poesie hingegen florierte damals enorm und verkaufte sich gut, denn es handelte sich um Poesie, die den Menschen viel direkter ansprach und berührte.

Was sind denn genau die Charakteristika dieser neuen Literatur, der nueva narrativa chilena?

Ich würde sagen, dass es sich um keine eigene oder fest definierte „Schule“ handelt. Aber ich glaube, dass es einige gemeinsame Elemente gibt, wie zum Beispiel die Aufwertung der Figuren. Es handelt sich um Romane, die Personen und eine gewisse Handlung haben. Der Roman kann zwar handlungsarm oder die Handlung immer wieder gebrochen sein, aber es gibt immerhin eine Handlung. Es handelt sich um Romane, die eine Geschichte erzählen möchten. Romane, die sich auch vom Magischen Realismus absetzen. Ich glaube außerdem, dass sie von einer Gruppe von Schriftstellern geschrieben werden, die nicht nur von Cortázar, Borges, García Marquez oder Vargas Llosa beeinflusst sind, sondern auch von englischen Schriftstellern und einigen nordamerikanischen Erzählern.

Aber es gab auch viele Kritiker, die die Existenz der nueva narrativa chilena in Frage stellten und sagten, dass es sich bloß um einen Slogan der Verlagshäuser handele. Was denken Sie über die Vorwürfe, die dieser Literatur ihre Eigenständigkeit absprechen und sie als Erfindung der Verlage abstempeln?

Ich weiß, dass es nicht so ist: Ich hatte zum Beispiel den Roman „Oír su voz“ geschrieben, der dann anderthalb Jahre im Verlagshaus Planeta auf Eis lag. Und als er schließlich doch veröffentlicht wurde, war dies allein dem Druck, den José Donoso ausgeübt hatte, zu verdanken. Insbesondere die Marketing-Experten sagten mir, dass sich dieser literarische Roman nicht gut verkaufen und zu Geldeinbußen führen würde. Tatsächlich handelt es sich aber inzwischen um den Roman, der Planeta am meisten Geld eingebracht hat. Niemand hatte gedacht, dass dieser Roman so viel gelesen werden würde. Ich bin skeptisch gegenüber der Auffassung, dass die Verlagshäuser literarische Phänomene erfinden und dann hervorbringen. Und ich misstraue diesen angeblichen Marketing-Experten, die meinen, dass sie wüssten, wie ein Bestseller produziert oder auch entfernt werden kann.

Wie sehen Sie die Zukunft der chilenischen Literatur?

Ich sehe, dass sich viel bewegt und dass es Schriftsteller gibt, die ziemlich großen Erfolg haben. Und ich erkenne auch eine Kontinuitätslinie. Natürlich variiert die Qualität, und wir werden sehen, ob wirklich bedeutende Werke in dieser Strömung erscheinen. Ich glaube, dass zumindest kürzlich noch ein sehr gutes Buch erschienen ist: ein Roman von Carlos Franz mit dem Titel „Desierto“, der den Premio de la Nación gewonnen hat.

Welche Bedeutung hat die Erfahrung des Putsches und der Diktatur für die Werke der jungen Autoren; ist sie ein wichtiges Thema in der Literatur der jüngeren Generation?

Ja, sie ist auch weiterhin ein Thema. Dieses Thema ist immer noch sehr präsent, auch wenn es vielleicht allmählich an Bedeutung verliert. Bis jetzt ist diese Zeit noch ein Thema der Reflexion, das sich wiederholt und wiederkehrt. Es handelt sich um eine Erfahrung, die sehr hart war. Und fast alle Schriftsteller haben das Bedürfnis verspürt, ein bisschen über diesen Moment zu reflektieren. Ich habe das in „Oír su voz“ getan, und fast alle haben bestimmte Aspekte dieser Erfahrung zur Sprache gebracht. Es geht nicht darum, die Geschichte oder den repräsentativen Roman über die Diktatur zu schreiben. Aber es geht darum, bestimmte Perspektiven einzunehmen und einzelne Aspekte zu beleuchten.

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