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Die Predigten des „Leuchtenden Pfads“

Pater Hubert, wie sieht Ihre Arbeit mit den politischen Gefangenen konkret aus?

Ich mache in den Gefängnissen keine spirituelle Arbeit. Ich versuche die Gefangenen zu begleiten, für bessere Bedingungen zu kämpfen. Nach 1993 waren die Zustände in den Gefängnissen fürchterlich: Die Gefangenen lebten in einer Art Tresor, einer drei Quadratmeter großen Betonzelle, die sie jeden Tag nur eine halbe Stunde verlassen konnten. Sie durften nichts tun, nicht arbeiten und nicht miteinander reden.
Wir boten ihnen Arbeitsmöglichkeiten an, die Herstellung von Kunsthandwerk. Damit konnten sie sich bescheidene Einkünfte sichern und sich ihren Stolz bewahren. Wir organisieren jedes Jahr eine Ausstellung, auf der sie ihre Werke präsentieren. Wir sind anspruchsvoll mit der Kunst.

Seit dem Ende des Fujimori-Regimes haben sich die Haftbedingungen deutlich verbessert. Wie hat sich das auf die Stimmung der Gefangenen ausgewirkt?

Jetzt können sie den ganzen Tag im Hof verbringen. Sie dürfen lesen, haben Zugang zu Informationen und leben praktisch unter den gleichen Bedingungen wie gewöhnliche Gefangene. Sie haben sich ihre Ideologie bewahrt und auch ein wenig ihren Humor zurückgewonnen. Die Gefangenen des Leuchtenden Pfads waren früher furchtbar. Ich musste mir von ihnen endlose Predigten anhören und Litaneien wie: „Es lebe der Präsident Gonzalo!“ (Gonzalo war der Kriegsname von Abímael Guzmán, dem Chef des Sendero Luminoso, R. S.) In Gesprächen bekam man von ihnen immer die gleichen Antworten.
Einmal besuchten wir mit der Begnadigungskommission den Hochsicherheitstrakt. Wir wurden sehr freundlich begrüßt. Dann erhob sich der erste Vertreter des Leuchtenden Pfads und begann, eine kleine Rede zu halten. Als er fertig war, erhob sich der Zweite und hielt genau die gleiche Rede. Danach erhob sich der Dritte und wiederholte nochmals alles. Der Leuchtende Pfad ist inzwischen nicht mehr das, was er war. Es gibt immer noch superharte Dogmatiker, harte und halbharte. Viele haben ihre Meinung aber auch geändert. Und es gibt Gefangene, die überhaupt nichts mit dem Leuchtenden Pfad zu tun hatten, deren Anklagen völlig aus der Luft gegriffen sind.

Wie kann man sich diesen Dogmatismus, diese Härte erklären?

Nicht einmal die Sendero-Forscher können das. Die Senderistas waren eine andere Rasse, ein anderer Typ Peruaner. Viele hatten Ideale, aber sie haben sich total geirrt. Wie die Armee. Die musste wie der Leuchtende Pfad die Bevölkerung gewinnen. Aber die Armee hat sich extrem dumm angestellt. Und der Leuchtende Pfad hat darauf extrem dumm reagiert. Es ist eine verfluchte Tendenz, dass die primitive Form der Macht darin besteht, Waffen zu besitzen. Wie heißt es so schön in einem Lied: Außerhalb der Macht ist alles Illusion.
Mit der Macht aus den Gewehrläufen konnte der Leuchtende Pfad leicht behaupten: Das, was der Revolution dient, ist moralisch, der Rest ist unmoralisch. Auf der anderen Seite: Wenn es den Leuchtenden Pfad nicht gegeben hätte, dann hätte man etwas anderes erfinden müssen. Aber der Leuchtende Pfad muss auch die Menschenrechte respektieren. Ich selbst fühlte mich oft zerrissen. Wenn ich die Strafanstalt El Frontón verließ, dann fühlte ich mich mit dem Leuchtenden Pfad verbunden, und wenn ich hineinging, dann war es umgekehrt.

Die peruanische Wahrheits- und Versöhnungskommission soll die Verbrechen im peruanischen Bürgerkrieg aufklären. Sie ist bislang zu dem Schluss gelangt, dass jeweils über 40 Prozent der etwa 40.000 Opfer im Bürgerkrieg auf das Konto des Leuchtenden Pfads und der Armee gehen.
Wie sehen das die Gefangenen des Leuchtenden Pfads? Gibt es unter ihnen so etwas wie Reue?

In einem Gefängnis hängt ein Plakat: „Die Verantwortung Sendero Luminosos beträgt 0,7 Prozent.“ Ich glaube, wir sollten keinen Wettbewerb beginnen, wer mehr getötet hat. Der Staat trägt für mich die größere Verantwortung. Der Leuchtende Pfad gesteht Fehler durchaus ein.

Können sich die Senderistas, die das Gefängnis verlassen, wieder leicht in die Gesellschaft integrieren?

So schön ist diese Gesellschaft nicht, dass es sich lohnte, sich in sie zu integrieren. Sie sollten weiter dafür kämpfen, dass die Gesellschaft sich verbessert. Die jetzt entlassenen Gefangenen kommen natürlich in eine Welt, die sie zuvor nicht kannten. Sie steigen in einen Bus und müssen sich erstmal klarmachen, dass das Geld kostet. Sie haben überhaupt keinen Sinn für Preise. Aber die meisten kommen so schnell nicht raus. Es gibt eine Reihe von Skandalurteilen. Einige Gefangene wurden beschuldigt, an drei Orten gleichzeitig gewesen zu sein. Und die Mindeststrafe war 20 Jahre.

Unterstützen Sie die Forderung, alle Verfahren neu aufzurollen?

Wenigstens alle Fälle, die vor Militärgerichten verhandelt wurden. Mich haben nachts Militärrichter besucht. Sie haben mich gefragt: „Pater, können Sie etwas für den Angeklagten X tun? Ich bin davon überzeugt, dass er unschuldig ist, aber ich kann nichts machen.“ Diese Richter mussten Befehlen von oben gehorchen. Es sind Angeklagte in erster und zweiter Instanz freigesprochen worden, aber das oberste Militärgericht befand sie für schuldig, die halbe Bevölkerung Perus und Kolumbiens getötet zu haben. Unter den Militärrichtern befand sich ein General Guevara (heute wegen Korruption polizeilich gesucht und flüchtig, R. S.), der sagte: „ Für uns ist der Irrtum gleich Null!“ Wie habe ich mich gestritten mit diesem Typen! Die Marinerichter waren etwas zivilisierter.
Wir haben etwa 1600 Gefangene hier rausgeholt. Aber es gibt noch viele, die solch harte Urteile nicht verdient haben oder deren Urteile keinen Sinn machen. Mir tut das weh. Nehmen Sie den Fall der US-Bürgerin Lori Berenson, die mit der MRTA in Verbindung gebracht wird: Sie war von einem verfassungswidrigen Militärgericht verurteilt worden. Im letzten Jahr wurde der Prozess vor einem Zivilgericht wiederholt. Aber sie wurde auf Grund von Gesetzen verurteilt, die selbst verfassungswidrig sind. (Lori Berensons Haftstrafe wurde von lebenslänglich auf 20 Jahre reduziert, R. S.)

Um welche Fälle hat sich die Begnadigungskommission gekümmert?

Das waren nur Fälle, die auf Grund von mangelhaften Beweisen verurteilt wurden, die keine Beziehungen zu subversiven Gruppen hatten. Das war ja damals eine Zeit, in der man Angst haben musste, seine Zeitung am nächsten Kiosk zu kaufen. Womöglich gehörte der Zeitungsverkäufer dem Leuchtenden Pfad an, und dann wurde man selbst verdächtigt.

Wie sehen Sie die Arbeit der Wahrheits- und Versöhnungskommission? Ist eine Versöhnung der Kriegsbeteiligten überhaupt möglich?

Ich wurde bereits vom Kongress eingeladen, um meine Meinung zum Thema Versöhnung vorzutragen. Aber eine Meinung habe ich nur einmal im Jahr; die muss fundiert sein. Fest steht: Die Leute interessieren sich nicht für dieses Thema, sie wollen Arbeit. Aber es reicht nicht, nur eine Wahrheits- und Versöhnungskommission zu haben; der Horizont sollte weiter sein und viele Menschen einbeziehen.
Wir leben in einer Kultur des Antiterrorismus, des Antisenderismus. Ich sagte den Leuten vom Leuchtenden Pfad: „Ihr müsst Selbstkritik üben. Wenn der Staat nicht die Würde besitzt, dies zu tun, dann müsst ihr es wenigstens machen!“ Wir werden nicht die Wahrheit kennen lernen. Vielleicht eine Annäherung davon. Werden die Folterer verurteilt werden? Natürlich nicht. Wie viele Fälle sind vor Gerichten nicht verhandelbar? Das Thema ist kompliziert.

Glauben Sie, dass irgendeine Form von Druck auf die Kommission ausgeübt wird?

Ich weiß nicht. Die Arbeit ist extrem komplex und schwierig. Was mir nicht gefällt: Bisher hat man noch nicht den Fall des Ex-Präsidenten Alan García behandelt, der verantwortlich für die Massaker in den Gefängnissen El Frontón und Lurigancho ist, bei dem im Jahre 1986 etwa 250 Gefangene des Leuchtenden Pfads ermordet wurden.

Wie erklären Sie sich den großen Zulauf der evangelikalen Sekten während des Krieges?

Das ist eine generelle Tendenz. Diese Sekten haben eine rigide Disziplin. Mir gefällt so etwas nicht. Ich bin immer gegen den Totalitarismus gewesen. Mir gefällt es nicht, wenn sich die Leute in Reih und Glied aufstellen und marschieren. Die evangelikalen Sekten sind wie der Leuchtende Pfad: Es gibt nur eine Straße, und sie sind die Besitzer der Straße.

In der Region Puno hatten weder der Leuchtende Pfad noch die evangelikale Sekten großen Erfolg während des Krieges. Dieser Umstand wird der Basisarbeit der katholischen Kirche zugeschrieben. Was hat sie dort anders gemacht?

Ganz einfach. Die Pfarrer haben den Leuten dort keine Geschichten von Engeln erzählt und sich stattdessen um deren konkrete Sorgen gekümmert.

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