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Die Schweiz und die Sklaverei

In meinem Buch „Reise in Schwarz-Weiß. Schweizer Ortstermine in Sachen Sklaverei“ habe ich versucht, die schweizerische Beteiligung am Menschheitsverbrechen Sklaverei, wie es seit der UNO-Konferenz von Durban definiert ist, für ein breites Publikum darzustellen. Dabei habe ich mich auf zahlreiche ältere historische Arbeiten und Aufsätze stützen können, welche den Fokus jeweils auf andere Aspekte gerichtet hatten: Familiengeschichte, Wirtschaftsgeschichte, Auswanderungsgeschichte, Fremde Dienste. Als ich im Rahmen meiner Arbeit an einem Kabarettprogramm über den haitianischen Revolutionär und Sklavenbefreier Toussaint Louverture mehr oder weniger zufällig in einer Fußnote im Standardwerk La banque protestante en France (1959) des großen Schweizer Historikers Herbert Lüthy auf den Hinweis stieß, dass Familien aus meiner Heimatstadt St. Gallen in der holländischen Sklavenkolonie Berbice (heute Guyana) Mitte des 18. Jahrhunderts die Plantage „L’Helvétie“ besessen hatten, passte das ganz und gar nicht in mein Weltbild.
Wie viele SchweizerInnen (und wie sogar zahlreiche kritische HistorikerInnen) war ich davon ausgegangen, dass die Schweiz zwar von Geschäftsbeziehungen mit Nazideutschland und mit dem südafrikanischen Apartheidregime profitiert hatte, nicht aber von der Sklaverei. Doch da stand schwarz auf vergilbtem Papier diese Besitzänderungsurkunde und lieferte in der sachlich-kalten Aufzählung der involvierten „Güter“ gerade noch eine eindrückliche Definition dessen, was Sklaverei bedeutet:„17. November 1740, Abtretung durch Salomé Rietmann, Witwe des Daniel Hogguer […], ihres Anteils der Plantage ‘L’Helvétie’, in Berbice, ‘welche aufgeteilt war zwischen dem genannten Jean-Barthélémy Rietmann sel. […] und den Gebrüdern Sellonf von St. Gallen, mit allem Grund und Boden, Kulturpflanzen, Sklaven, beweglichen Gütern, Gerätschaften, Tieren, etc.’“
Der Berner Historiker, Seminarlehrer und Afrikakenner Daniel V. Moser wusste längst mehr: 1997 publizierte er in der Schweizerischen Lehrerinnen- und Lehrerzeitung einen Artikel, der kaum Beachtung fand, obwohl – oder vielleicht gerade weil – er zu einer Zeit erschien, als die innenpolitische Debatte um die nachrichtenlosen jüdischen Konten auf Schweizer Banken und damit um die Weltkriegsvergangenheit unseres Landes ihren Höhepunkt erreicht hatte. Moser führte in seinem unscheinbaren Text nicht nur die wesentlichen Arten der Schweizer Beteiligung an der Sklaverei auf, sondern stellte sie auch in den aktuellen Kontext der internationalen Debatte um Wiedergutmachung. Fünf Jahre vor der Rassismus-Konferenz von Durban und sieben Jahre vor der Veröffentlichung des aufrüttelnden Buches der schwarzen, indigenen Kolumbianerin Rosa Amelia Plumelle-Uribe Weiße Barbarei. Vom Kolonialrassismus zur Rassenpolitik der Nazis (2004) formulierte der weiße, schweizerische Berner Seminarlehrer: „Die Gefangenenverliese in den Festungen an der westafrikanischen Küste erinnern in ähnlicher Weise wie die Überreste von Auschwitz an Verbrechen gegen die Menschheit; die Sklavenarbeit auf den Zuckerplantagen der ‘Neuen Welt’ ist vergleichbar mit der Zwangsarbeit der KZ-Häftlinge.“
Ich denke, dass der Wegfall der Denkblockaden des Kalten Krieges, der Druck der afrikanischen, amerikanischen und karibischen Nichtregierungsorganisationen im Umfeld der Konferenz von Durban sowie die Weiterentwicklung des internationalen Rechts bezüglich Verbrechen gegen die Menschlichkeit (von Nürnberg über Jugoslawien bis Ruanda) und bezüglich Wiedergutmachung und Entschädigung (Schweizer Bankenvergleich, Apartheidklagen) schließlich um das Jahr 2000 dazu geführt haben, dass bei verschiedenen Schweizer HistorikerInnen die verstreuten Akten, Arbeiten und Hinweise auf eine „Swiss Slavery Connection“ gewissermaßen die kritische Masse erreichten.
Die Schweiz, soviel ist heute klar, profitierte im 18. und 19. Jahrhundert von allen möglichen Arten von Sklavereigeschäften: Schweizer Kaufleute lieferten die begehrten „Indiennes-Stoffe“, welche in Westafrika gegen Sklavinnen und Sklaven eingetauscht wurden, sie beteiligten sich finanziell an Dreieckshandelsexpeditionen, welche SklavInnen in die Neue Welt verschifften, sie besaßen in Westindien und Südamerika Plantagen samt den versklavten Arbeitskräften, und sie handelten mit den klassischen Sklavereiprodukten Baumwolle, Zucker, Kaffee, Tabak, Kakao und dem Textilfärbemittel Indigo. Dazu kam ein beträchtlicher Schweizer Beitrag zur militärischen Absicherung der Sklaverei: Schweizer Soldaten standen vom Indischen Ozean über die Kapkolonie bis in die Karibik im Dienste der großen Kolonialmächte und halfen mit, Sklavenaufstände zu bekämpfen. Noch heute lässt sich der Wohlstand, der im 18. Jahrhundert aus dem „schwarzen Atlantik“ in die Schweiz zurückfloss, an Palästen und Herrschaftshäusern im Appenzellerland, in Basel oder in Neuenburg ablesen.

Argumentationshilfe für die Sklaverei

Ein bisher wenig beachteter Schweizer Beitrag zur Sklaverei ist schließlich der ideologische. Im 19. Jahrhundert, das heißt also bereits nach der Abschaffung des Sklavenhandels durch England (1807) und nach der internationalen Ächtung des Sklavenhandels durch den Wiener Kongress (1815), traten Schweizer Wissenschaftler, Philosophen und Reiseschriftsteller als Befürworter der Sklaverei oder als Propagandisten von rassistischen Gesellschaftstheorien auf und trugen damit zur Verlängerung eines Menschheitsverbrechens bei, welches ja erst durch das Sklavereiverbot durch die USA (1865), Kuba (1886) und Brasilien (1888) aus der atlantischen Welt verschwand.
Zu nennen sind hier der Berner Gelehrte mit gesamteuropäischer Bedeutung Carl Ludwig von Haller, welcher 1818 in seiner Epoche machenden Restauration der Staatswissenschaften die Sklaverei als vernünftig und im Interesse der versklavten Menschen selbst liegend definierte. Noch mehr internationales Renommé hatte der Naturforscher Louis Agassiz, welcher in den USA nach 1846 zu einem überzeugten Verfechter der These wurde, die Schwarzen gehörten nicht der Menschheit an und seien von geringerer Intelligenz als die Weißen. In die gleiche Richtung gingen 1863 die Vorlesungen des in Genf eingebürgerten Deutschen Carl Vogt. Seine rassistischen Theorien standen seiner Karriere jedoch nicht im Wege: Er wurde erster Rektor der Universität Genf sowie Schweizer National- und Ständerat.
Der Westschweizer Historiker Bouda Etemad hat in La Suisse et l’esclavage des noirs (2005) versucht, die Schweizer Beteiligung am Menschheitsverbrechen der Sklaverei zu quantifizieren. Er kommt in seiner Schätzung auf eine Zahl von über 172 000 Sklavinnen und Sklaven, das heißt 1,5 Prozent der transatlantischen Gesamtzahl, die durch Schweizer Investitionen in die wichtigsten Kolonialgesellschaften deportiert wurden. Meine eigene Schätzung bezüglich Schweizer Plantagenbesitz geht von einer durchschnittlichen Lebensdauer der auf Plantagen Arbeitenden von 10 Jahren, einer Plantagengröße von 100 versklavten Arbeitskräften und von einer Haltedauer von 30 Jahren aus. Für grob geschätzte 50 Schweizer Plantagen in Südamerika, der Karibik, in Nordamerika und Südafrika ergäbe das rund eine halbe Million versklavte Frau- und Mannjahre. Dazu wären noch die Sklavinnen und Sklaven zu addieren, welche in Schweizer Haushalten und Fabriken arbeiteten. Ich vermute, dass dies – gemessen am Gesamtvolumen der in der Sklavereiwirtschaft der Neuen Welt geleisteten menschlichen Arbeitsjahre – wiederum einen Prozentsatz im unteren einstelligen Bereich ergäbe, was vermutlich auch für die Beteiligung an militärischen Operationen gilt.
Sind 1,5 oder 2 Prozent Schweizer Anteil viel oder wenig? Es kommt auf den Bezugsrahmen an. Gemessen an der bisherigen Annahme von Null Prozent ist es unendlich viel, gemessen an den großen Kolonialmächten und Sklavereinationen England, Frankreich oder Portugal sehr bescheiden. Rechnet man es wiederum auf einen Pro-Kopf-Anteil um, so liegt die Schweiz wahrscheinlich im europäischen Durchschnitt, und argumentiert man zum Schluss noch mit großen Humanisten wie Alexander von Humboldt oder Victor Schoelcher, so ist jeder einzelne Sklave eine Beleidigung für die ganze Menschheit und ein Skandal.
Hans Fässler

Der Autor ist Kabarettist und Mittelschullehrer im Kanton Appenzell-Ausserrhoden. Im Oktober 2005 erschien sein Buch „Reise in Schwarz-Weiß. Schweizer Ortstermine in Sachen Sklaverei“ im Rotpunktverlag Zürich.
www.louverture.ch

Kasten:

Lateinamerika und die Schweiz – eine Artikelserie

Die Lateinamerika Nachrichten bringen nicht einfach nur Nachrichten aus Lateinamerika. Die Ausstrahlung Lateinamerikas ist uns schon manche Seite wert gewesen. Solidaritätsbewegung, Strafprozesse, politische Initiativen, kultureller Austausch, Wirtschaftsbeziehungen, Entwicklungspolitik – Themen wie diese haben ihren festen Platz in den LN.
Die vielfältigen Beziehungen Lateinamerikas zu politisch interessierten und engagierten Menschen im deutschen Sprachraum sind geradezu der Urknall und Anfang dieser Zeitschrift gewesen: Deutschsprachige Chile-Interessierte schufen sich im Sommer 1973 ein Informations- und Austauschmedium. Lateinamerika war und ist auch heute kein fernes Objekt, sondern Teil unserer Realität.
Und warum ist dann so selten etwas über lateinamerikanische Realität in der Schweiz zu lesen? Diese Lücke wollen wir füllen. In der Artikelserie, die wir mit dieser Ausgabe starten, wird ein breites Spektrum lateinamerikanisch-schweizerischer Themen zur Sprache kommen. Dass wir historisch beginnen, soll nicht über die Aktualität hinwegtäuschen: Zwar liegt das Schweizer Engagement im Sklavenhandel, über das Hans Fässler berichtet, einige Zeit zurück. Aber erst jetzt gerät es ins Blickfeld einer Öffentlichkeit, die bis vor wenigen Jahren noch von der puren Friedlichkeit und Humanität der Schweizer Außenpolitik überzeugt war, nun aber binnen weniger Jahre ein drittes dunkles Kapitel zur Kenntnis zu nehmen hat. Uns interessiert die Vielfalt der Themen und Aspekte. Wie sind Chile-Flüchtlinge 1973 in der Schweiz aufgenommen worden, und wie leben sie heute? Wo steht die Schweizer Entwicklungspolitik? Wer verlegt in Zürich & Co. lateinamerikanische Literatur, und wer macht all die spannenden Dokumentarfilme?
Übrigens: Ein Blick in die Untiefen der LN-Aboverwaltung förderte in Sachen Schweiz kürzlich Zahlen zutage, die – wie heißt es so schön – nach oben noch Luft lassen. Viele, die die LN vielleicht gerne abonieren würden, kennen sie noch gar nicht. Wir hoffen, mit dieser besonderen Artikelserie euer Interesse zu wecken.

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