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Die „verschwundenen“ Gewerkschafter von Mercedes-Benz

Im Januar 1977 zerschlagen Militärs und Polizei die unabhängige Gewerschaftsorganisation im Mercedes-Benz-Werk von González Catán nahe der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires. Nacheinander verhaften sie neun der aktivsten und bekanntesten Mitglieder. Acht davon sind nie wieder aufgetaucht. Sie gehören zu den 30.000 „Verschwundenen“, die während der Militärdiktatur zwischen 1976 und 1983 in den Folterkellern ermordet wurden.
Auf „Mord, Geiselnahme und gefährliche Körperverletzung“ lautet nun eine Anzeige gegen Juan Tasselkraut, den ehemaligen Werksleiter der Mercedes Benz Niederlassung, der für die Morde mitverantwortlich sein soll. Sie wurde Anfang Oktober von Wolfgang Kaleck im Namen des Republikanischen Anwaltsvereins in Berlin bei der Staatsanwaltschaft eingereicht. Angezeigt wurden außerdem Jorge Rafael Videla, ehemaliger Oberkommandierender des Heers, Emilio Eduardo Massera, früherer Chef der Seestreitkräfte Argentiniens, sowie namentlich unbekannte „Verantwortliche bei Mercedes Benz, heute Daimler Chrysler im Muttersitz des Konzerns in Untertürkheim/Deutschland“. Die Recherchen der in Argentinien lebenden Journalistin Gaby Weber haben diese Anzeige möglich gemacht. Denn nach von ihr gesammelten Zeugenaussagen erscheint es offensichtlich, daß Juan Tasselkraut und die Mercedes-Werksleitung mit den Militärs bei der Beseitigung der unbequemen Gewerkschafter zusammengearbeitet hat. Die deutsche Justiz ist zuständig, weil sowohl der angezeigte Tasselkraut, als auch einer der Ermordeten, Esteban Reimer, deutsche Staatsbürger sind.
„Es geht uns darum zu zeigen, daß es sich bei den Tätern während der Militärdiktatur nicht um durchgeknallte Sadisten handelte, sondern daß sie ein klares polit-ökonomisches Projekt verfolgten“, erklärt Kaleck die Anzeige. Tatsächlich war der Terror während der Diktaturjahre nicht willkürlich, sondern zielgerichtet. Der damalige Arbeitsminister General Horacio Tomas Liendo brachte dies auf den Punkt, als er sagte, die Streitkräfte hätten alle Mittel aufgeboten, um die „Vernichtung des Feindes“ in den Industriebetrieben „zu gewährleisten.“ In einem Geheimerlaß der Junta wird die dahinter stehende Absicht klar formuliert: „Das Heer wird in Abstimmung mit den für diesen Bereich zuständigen staatlichen Organen gezielt auf Industrieunternehmen und Staatsbetriebe einwirken, um die aus den Beziehungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern entstehenden Konflikte zu neutralisieren, die durch die Subversion provoziert worden sind oder durch sie ausgenutzt werden konnten. Auf diese Weise sollen aufrührerische Agitationen und Aktionen der Massen verhindert und zu einem effizient funktionierenden Produktionsapparat des Landes beigetragen werden.“

Repression gegen Gewerkschafter

Wie Mercedes seinen Produktionsapparat flott machte, zeigt das Vorgehen von Werksleitung und Militär im Werk von González Catán beispielhaft. Dort war — wie in vielen Industriebetrieben in Argentinien — in den Jahren vor dem Putsch vom 24. März 1976 eine aktive und militante unabhängige Gewerkschaftsorganisation aufgebaut worden. Die Geschäftsleitung sah sich gezwungen, auf Forderungen der Arbeiter einzugehen. Als wenige Wochen vor der Machtübernahme durch das Militär 118 Gewerkschaftsaktivisten gekündigt wurde, trat die Belegschaft in den Streik. 24 Tage später mußte Mercedes die Kündigungen zurücknehmen, nicht zuletzt auch deshalb, weil während des Streiks der aus Deutschland entsandte Manager Heinrich Mentz von der Guerillagruppe Montoneros gekidnappt worden war. Diese verlangten für Mentz´ Freilassung die Wiedereinstellung der Entlassenen, ein saftiges Lösegeld und eine „Entschuldigung“ für die arbeitnehmerfeindliche Politik des Unternehmens.
Um genau diese Zustände zu beenden, trat das Militär an. Nach dem Putsch wurden alle Streiks als „terroristisch“ bezeichnet und verboten. Es folgte eine Repressionswelle gegen die Gewerkschafter. In González Catán begann diese in der Nacht auf den 5. Januar 1977. Wie María Luján Reimer, Witwe des verschwundenen Esteban Reimer, berichtet, war ihr Mann mit seinem Kollegen Hugo Ventura am Vortag in die Zentrale von Mercedes in Buenos Aires zitiert worden. Dort verhandelten die Gewerkschafter über einen Forderungskatalog. Später kehrte Reimer nach Hause zurück. In der Nacht tauchte dann ein Kommando von neun bewaffneten Männern auf, die sich als Angehörige des 1. Heereskommandos ausgaben. Sie verhafteten Reimer. Auch Hugo Ventura wurde in derselben Nacht verhaftet. Ähnlich erging es weiteren Gewerkschaftsaktivisten, die in den folgenden Tagen von zu Hause abgeholt oder teilweise vor und im Mercedes Werk verhaftet wurden.

Belastende Zeugenaussagen

Nicht nur das offensichtliche Interesse der Werksleitung an den Verhaftungen legt die Vermutung nahe, daß sie mit den Sicherheitsorganen zusammenarbeiteten. Die von Gabriele Weber gesammelten Zeugenaussagen belasten Juan Tasselkraut auch konkret. So zum Beispiel die Aussage von Juan Ratto, einem ebenfalls entführten Gewerkschafter, der als einziger später wieder freigelassen wurde: Tasselkraut soll erlaubt haben, daß sich Polizisten in Zivil auf dem Werksgelände bewegen konnten. Zudem nannte dieser in Rattos Beisein den Polizisten die Adresse des Gewerkschafters Diego Nuñez. Dieser wurde in der folgenden Nacht verhaftet und in das Folterzentrum Campo de Mayo verschleppt, wo er ermordet wurde.
Hector Ratto führt seine spätere Freilassung lediglich auf die Umstände der Festnahme zurück, und auch die belasten Tasselkraut erheblich. Ratto erzählt, daß Polizisten ihn vor dem Werkstor verhaften wollten, um einen Aufruhr in der Fabrik zu vermeiden. Doch es kam zu einer Verwechslung. Statt ihn nahmen die Polizisten Juan José Ratto fest, einen Kollegen mit demselben Nachnamen. Bevor sie ihren Irrtum bemerkten, konnte Hector Ratto die Fabrik aber schon betreten. Dort sei ihm am Nachmittag dann vom werkseigenen Sicherheitsdienst mitgeteilt worden, daß seine Frau angerufen habe, um ihm mitzuteilen, zu Hause sei ein Unfall passiert. Die Personalabteilung erteilte ihm daraufhin die Erlaubnis, das Werksgelände zu verlassen, ohne daß er darum gebeten hatte. „Das war eine Falle. Die Nacht vorher war der Kollege Del Connte verschleppt worden, zu dem ich ein sehr gutes Verhältnis hatte. Jetzt war ich an der Reihe“, sagte Ratto im Interview mit Frau Weber. Ratto weigerte sich das Werk zu verlassen. Daraufhin bat ihn Juan Tasselkraut in sein Büro, wo zwei Polizisten in Zivil auf ihn warteten. Am Abend kamen dann Lastwagen des Heeres und nahmen ihn mit.

Daimler-Chrysler noch ohne Reaktion

Bei einem Prozeß 1985 wurden die Aussagen von Ratto für die Verurteilung von Militärs herangezogen. Die Urteilsbegründung dokumentierte damals seinen Fall und den des ermordeten Diego Nuñez. Rattos Aussagen wurde von den Richtern Glaubwürdigkeit bescheinigt. Es wird Tasselkraut schwerfallen, sie zu entkräften, auch wenn er im Frühjahr in einem Interview zu Rattos Anschuldigungen meinte: „Der junge Mann liegt absolut schief.“
María Ester Ventura, die Schwester des verschwundenen Hugo Ventura, berichtet, daß Mercedes den Familien der acht verschwundenen Gewerkschafter etwa zehn Jahre lang das Gehalt weiterzahlte, ohne jemals einen Grund dafür zu nennen. Sie sieht auch darin ein Schuldeingeständnis des Unternehmens. Tasselkraut widerspricht auch dieser Interpretation und meint: „Wir als Unternehmen wollten uns wirklich als ein menschliches Beispiel darstellen.“
Juan Tasselkraut ist heute Chef der Transporterproduktion von Mercedes in Buenos Aires. Er streitet die Vorwürfe kategorisch ab. Die Kritischen Aktionäre von Daimler-Chrysler (KADC) fordern dagegen mittlerweile seine „sofortige Beurlaubung“. In einer Presseerklärung wenden sie sich außerdem an den Vorstand des Daimler-Chrysler-Konzerns und fordern ihn auf, der Staatsanwaltschaft bei der „lückenlosen Aufklärung der zum Himmel schreienden Vorgänge“ zu unterstützen. Davon ist allerdings noch nichts zu bemerken. Die Pressestelle von Daimler-Chrysler in Stuttgart gibt sich zugeknöpft. Dort will man von den Anschuldigungen noch nichts erfahren haben und könne sich daher auch nicht äußern. Das könnte sich ändern, wenn es zum Prozeß kommt. Doch ob dieser überhaupt eröffnet wird, hat die Staatsanwaltschaft bisher noch nicht entschieden.

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