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Diesseits und jenseits der Grenzen

In einer kleinen Landgemeinde im nordmexikanischen Staat Chi-huahua haben sich trotz klirrender Kälte etwa Hundert Rarámuri unter freiem Himmel versammelt, um einer peyote-Heilung beizuwohnen. Jugendliche im heiratsfähigen Alter, témari und iwé genannt, sitzen zusammen mit „den Alten“, wie Personen gleich welchen Alters, die schon erwachsene Kinder haben, bezeichnet werden. Zum Höhepunkt des Festes , nachdem bereits viel Maisbier getrunken wurde, stimmen Einige sehr persönliche Lieder in ihrer utoaztekischen Sprache an. Ein junger Mann, der mir durch sein aus einem weiten Hemd und einer ebenso sackartigen Hose bestehenden Outfit aufgefallen war, bittet mich plötzlich inständig mit ihm sein persönliches Lied anzustimmen: „Chiquitita“ von Abba. Einige der Beistehenden ziehen ihn als cholo auf und mir schießt das Bild der Jugendlichen durch den Kopf, die seit wenigen Jahren in der Fußgängerzone der Landeshauptstadt ebenso durch weite Jeans-Hosen, XXL-Hemden, tief in die Stirn gezogene Stirnbänder oder Schlapphüte auffallen, während sich die cholas mit tiefschwarz gefärbtem Haar, grell geschminkten Gesichtern und betont gezeichneten Augenbrauen präsentieren. Passend zur Kluft, die die bequeme Kleidung einfacher Arbeiter nachahmt, stehen die Jugendlichen auf Rock n’ Roll, Beat und Pop, auf Oldies, die bessere Zeiten evozieren. Kaum zu glauben, dass die Mehrheitsgesellschaft in diesen cholos/as den Inbegriff von Verbrechen und Drogenmissbrauch sieht.

Import – Export

Der cholismo der Rarámuri ist eine von vielen unterschiedlichen Formen der Aneignung dieser Jugendbewegung, die als die vitalste und langlebigste in der Grenzregion gilt. Bereits in den 1940er Jahren begannen mexikanischstämmige pachucos in Los Angeles und weiteren US-Städten sich dandyhaft in zoot suits zu kleiden und tänzerisches Geschick sowohl zu Rumba- als auch zu Swing-Klängen zur Schau zu stellen. Ihre großflächigen Tätowierungen mit Blumen und katholischen Heiligen zeugten vom Militärdienst oder Gefängnisaufenthalt. Als „exhibitionistische Antwort auf den nordamerikanischen Rassismus“ (Antonio Guerrero) werteten sie Mexikanisches zu einer Zeit positiv auf, als sich die meisten EinwanderInnen aus dem Süden noch bemühten, die ihnen abverlangte Assimilation in die angloamerikanische Gesellschaft zu erfüllen. Bereits diese Vorläuferbewegung zum cholismo war ein grenzübergreifendes Phänomen, das starke Impulse auch von der mexikanischen Seite erfuhr. Der in Ciudad Juárez aufgewachsene Germán Valdés schuf mit dem coolen Leinwand-pachuco Tin Tan einen Gegenentwurf zu dem in Hollywoodfilmen verbreiteten Stereotyp des Mexikaners als schmuddeligem Bösewicht.
Jugendliche aus den Armenvierteln, die sich als cholos/-as begriffen, setzten diesen Trend der lustvollen Kombination von Mexikanischem und Nordamerikanischem in Kleidung, Sprache, Musik und Tänzen fort. Ausgehend von East L.A. fand der cholismo bis nach Mittelamerika Verbreitung. Gerade in den mexikanischen Grenzstädten mit ihrem großen Anteil an landesinternen MigrantInnen und starker Verknappung des Wohnraums fiel die neue Subkultur auf fruchtbaren Boden. Auch die öffentliche Sicherheit wurde hier immer mehr zu einem Problem: Die Kriminalität stieg insbesondere mit der Ausweitung der Drogenökonomie an, dem Anbau von Marihuana und Schlafmohn in Chihuahua und dem Transport in die USA. Die cholos/as wurden und werden weiterhin pauschal mit den sich verschärfenden sozialen Problemen in Verbindung gebracht. So werden in den sensationslüsternen páginas amarillas von Chihuahuas Tageszeitungen Raubüberfälle und Totschlagdelikte gern „wie cholos/as aussehenden Personen“ zugeschrieben. Die pauschale Diskriminierung erstaunt, angesichts des Umstands, dass der Übergang zwischen den kulturellen Ausdrucksformen der cholos/as und den modischen Vorlieben anderer Jugendlicher fließend ist. Dies gilt auch für ihren Slang, den caló, den sie mit dem typischen regionalen Jargon, unter anderem mit englischen Wörtern, anreichern. Andererseits bilden die cholos/as tatsächlich neue Gemeinschaften, so genannte barrios. Sie erheben Gebietsansprüche, indem sie Graffiti, placas, an Stellen anbringen, die möglichst nicht von rivalisierenden barrios übermalt werden können. Ein Teil der cholos/as konsumiert Drogen und ist in Drogengeschäfte verwickelt, mit verheerenden Konsequenzen. Oft jedoch werden institutionalisierte Formen von Rivalität zwischen den Jugendbanden, die nur selten in Gewaltakte eskalieren, pauschal mit der Drogenkriminalität einer Minderheit verwechselt.

Neue Grenzziehungen

Etymologische Interpretationen des Namens cholo/a sind Teil der neuen kollektiven Identitäten. Im Einklang mit ihrer Verehrung der Azteken als indígenas, die ursprünglich aus Nordmexiko stammten, führen cholos/as ihre Selbstbezeichnung am liebsten auf Begriffe aus deren Sprache, dem Nahuatl, zurück. Wahrscheinlicher aber ist, dass der Begriff, der im Andengebiet die mestizos/as bezeichnet, Mitte des 19. Jahrhunderts und versehen mit der Konnotation von arm und ungebildet, seinen Weg in die mexikanisch-US-amerikanische Grenzregion fand. In East L.A. nahmen die so despektierlich bezeichneten Mexikanischstämmigen cholo/a erstmals als Eigenname an und deuteten ihn positiv um.
Die politische Grenze ist im Alltag von Chihuahua allgegenwärtig und doppelgesichtig. Sie wird nicht nur als Schauplatz fortwährender Demütigungen erfahren, als Ort, an dem MigrantInnen aus Mexiko Opfer von Menschenrechtsverletzungen und wirtschaftlicher Ausbeutung werden. Sie wird auch als Arena von sozialer Interaktion und kulturellem Austausch erlebt. Gleichzeitig gibt es auch innerhalb von Chihuahua extreme soziale und wirtschaftliche Ungleichheit. Eine rassistische Ideologie, mit der sich die blancos/as von den Rarámuri als „indios“ und „Menschen zweiter Klasse“ distanzieren, ist Grundlage einer wirtschaftlichen Hierarchie, die die Letztgenannten in allen Bereichen benachteiligt. Die weiße Mehrheit grenzt sich zudem im Zuge eines neuen Regionalismus nach mehreren Richtungen hin scharf ab. Als angeblich unvermischte Nachkommen der spanischen Eroberer ziehen sie auch zwischen sich und den chicanos/as eine strenge Grenze. Diesem Mainstream ist die hybride kulturelle Orientierung von chicanos/as und cholos/as, die Mexikanisches mit Nordamerikanischem verbinden, suspekt: Sie bewerten sie als ein Zeichen von „Kulturlosigkeit“.
Was bedeutet es vor diesem Hintergrund, dass sich indigene Jugendliche in Chihuahua zunehmend für den cholismo als kulturelle Ausdrucksform und als Basis einer Solidargemeinschaft mit Gleichaltrigen begeistern? Wie haben sie sich den cholismo angeeignet? Inwiefern kann es für sie ein Vorteil sein, zwei in der Grenzregion diskriminierte soziale Identitäten, die als indígena und die als cholo/a, zu kombinieren?

Stadt und Land

Ein Hintergrund des indigenen cholismo ist die zunehmende Präsenz von Rarámuri in den Großstädten von Chihuahua. Über drei Viertel der 70.000 Rarámuri leben überwiegend von einer Mischökonomie aus Landwirtschaft und Wanderarbeit in den Städten. Seitdem sich die Bedingungen für die agrarische Subsistenzproduktion im Vorfeld zur 1994 in Kraft getretenen nordamerikanischen Freihandelszone verschlechterten, haben Rarámuri ein neues Migrationsmuster entwickelt: Während es früher vor allem die Männer waren, die saisonal in die nordmexikanischen Großstädte gingen, sind es seit Mitte der 1980er Jahren auch Frauen und Kinder, die zusätzlich die Grenzstädte aufsuchen. Sie erzielen relativ gute Verdienste, indem sie an Straßenkreuzungen die Rotlichtphase abwarten, um AutofahrerInnen mit einem forschen „¡kórima peso!“ (schenke mir Pesos) um eine Geldspende zu bitten. Aufgrund der neuen Geldquelle ist erstmals eine institutionalisierte Migration von Kindern und Jugendlichen entstanden. Neben indígenas, die saisonal zwischen ihrer Landgemeinde und bestimmten Großstädten pendeln, gibt es eine nicht unerhebliche Zahl, die sich auf Dauer in Metropolen niedergelassen hat. In der Landeshauptstadt Chihuahua leben inzwischen ungefähr 4.000 Rarámuri in circa 40 „wilden“ Siedlungen über die vielen Armenviertel verstreut. Die Zahl derer, die in der Stadt geboren werden, nur noch Spanisch sprechen und dort ihren Lebensmittelpunkt sehen, wächst beständig an. Und in fast allen dieser Niederlassungen wächst die Zahl der hauptsächlich männlichen Rarámuri, die sich als cholos begreifen.

Nachgeholte Jugend

Die indigenen Jugendlichen müssen sich in einer komplexen Welt voller Herausforderungen behaupten. So zum Beispiel der neunzehnjährige Bastiano aus der Landgemeinde Narárachi. In den Wintermonaten zieht er zusammen mit seiner siebzehnjährigen Frau und einem Kind in eine improvisierte Unterkunft aus Wellpappe in Colonia Mirador, einem traditionellen Lagerplatz. Bastiano jobbt ähnlich wie andere Pendler tageweise auf Baustellen, während seine Frau an einer nahe gelegenen Straßenkreuzung bettelt. Im Gegensatz zu den älteren Rarámuri-Männern, die in der Stadt gemäß einer früheren Jugendmode Kleidung im Cowboy-Stil tragen, bevorzugt Bastiano eine Armee-Hose in Übergröße, Reebok-Schuhe, ein über die Hose hängendes Flanellhemd und trägt bisweilen eine Fischermütze. In diese cholo-Kluft investiert er einen nicht unerheblichen Teil seines Verdienstes. Abends gesellt sich Bastiano zu den nicht-indigenen cholos/as dieses Stadtviertels. Sie verbringen viel Zeit an einer Straßenecke nahe dem häufig frequentierten Geschäft für Alkoholika und können so den vielen PassantInnen effektiv eine ständige Präsenz suggerieren. Auch prägen sie sich durch forsche Zurufe bis hin zu Drohungen, die sie den FußgängerInnen nachwerfen, in deren Gedächtnis ein. Die Gespräche der BewohnerInnen des Viertels kreisen oft um die als Gefahr empfundenen cholos/as. Diese hingegen eignen sich durch das Besetzen von Raum und Gesprächen eine Definitionsmacht an.
Bastiano erschafft sich in der Stadt eine Jugend, die in seiner ländlichen Gemeinde als eine derart ausgeprägte Phase fehlt. Dort werden Kinder ab dem Alter von sieben Jahren gedrängt, die für den Haushalt relevanten Tätigkeiten zu übernehmen. Mit dem Eintritt ins Arbeitsleben überlassen die Erwachsenen ihnen zunehmend Verantwortung und Entscheidungen. Die Jugendphase, die mit dem Eintritt in die Pubertät beginnt, ist meist kurz. Die Rarámuri dürfen als Jugendliche erstmals Maisbier trinken und Feste besuchen, nicht selten aber werden sie gerade bei diesen Festen durch Geschwister oder Eltern verkuppelt. Mit der bald darauf folgenden Heirat ist die Jugend schon wieder weitgehend beendet.
Dies ist ein Beispiel dafür, wie Rarámuri-Jugendliche die räumlich weit verzweigte subkulturelle Bewegung des cholismo ihren spezifischen Lebenssituationen anpassen. Zum einen machen sie den cholismo zum Bestandteil ihrer täglichen Lebens- und Überlebensstrategien, zu denen Lohnarbeit, Betteln, das Pflegen von Solidarnetzwerken, soziale Rivalitäten und Rauscherlebnisse gehören. Zum anderen setzen die cholos/as der wechselseitigen Verstärkung von wirtschaftlichem Erfolg und ethnischem Stolz im Rahmen des Bettelns der Erwachsenen eine Alternative entgegen. Über den cholismo nehmen sie Bezug auf Bilder, Klänge und Ideen, die auch für andere marginalisierte soziale Gruppen im Kontext der Grenzregion wie die chicanos/as bedeutungsvoll sind. Dieses gemeinsame Referenzsystem erlaubt es den Rarámuri-Jugendlichen auf die mit der Grenze verwobenen Lebenskontexte und Ungleichheiten zu verweisen und auf sie einzuwirken auch ohne dass sie je physisch mit der Grenze in Kontakt gekommen wären. Ihr über kulturelle Elemente manifestiertes Anderssein hat insofern auch eine politische Dimension.

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