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Dornröschen in der Neuen Welt

Manchen Büchern wird in Kritiken bescheinigt, hundert Seiten weniger hätten ihm gut getan. Hier ist es anders: Ich wünschte dem Buch hundert Seiten mehr. Carmen Boullosa erzählt in „Der fremde Tod“ eine hochkomplizierte Geschichte, die man leicht versucht ist, als Geschichte über wichtige Fragen (nicht nur) unserer Zeit zu lesen. Weil das Buch aber ungeheuer kompakt geschrieben ist und man ihm das Erdachtsein, Konstruiertsein deutlich anmerkt, ist das Lesevergnügen auf weiten Strecken nur ein intellektuelles. Es reißt nicht mit und ist schon gar kein „spannender Abenteuerroman“, wie der Verlag verspricht. Ihm fehlt die selbstbewußt-selbstverständliche Leichtigkeit. Allzuoft muß man Sätze zwei- oder dreimal lesen, um zu erfassen, was sich worauf bezieht und wer wer sein soll – da ist aus dem Lesen schon längst ein Studieren geworden.
Und dennoch, erdacht ist die Geschichte gut. Carmen Boullosa kennt ihre Materie viel zu genau, als daß es ein Buch der verpassten Chancen hätte werden können. Den Gedankenspielen zu folgen, sich im Interpretieren zu versuchen, hat seinen Reiz.
Claire Fleurcy ist zu Beginn des Romans, er handelt 1571/72, bereits in Mexiko angekommen. Ihre Vorgeschichte erfahren wir beiläufig: Um bei ihrer Mutter bleiben zu können, die sich in Söldnerheeren als Prostituierte verdingte, mußte Claire von Kind auf als Junge gelten. Sie scheint in diese Rolle hineingewachsen, ja hat sie so sehr verinnerlicht, daß sie sich in Frauenkleidern unwohl und unsicher fühlt. Diese persönliche Erfahrung überkreuzt sich mit dem permanenten gesellschaftlichen Druck auf ihre verborgene Doppelexistenz: Es ist einfach vorteilhafter, inmitten von Conquistadoren Mann zu sein. Also ist sie Mann, weiß mit Waffen umzugehen, sich zu verteidigen und zu fluchen und sucht ihr Glück als Pirat und Schmuggler in Neuspanien. Das Rollenspiel geht weiter. Sie wird betäubt und entführt, um in die Kleider eines spanischen Grafen gesteckt zu werden. Der ist des Hochverrats gegen den Vizekönig beschuldigt, und sie soll an seiner statt an den Galgen. Von der Französin (beziehungsweise dem Franzosen) zum Spanier, das scheint nur ein kleiner Unterschied zu sein, ist jedoch ein gewaltiger Frontwechsel. Das erzkatholische Spanien trennt vom französischen Königreich mit starker protestantischer Hausmacht eben das, was im europäischen 16. Jahrhundert das entscheidende war: die Konfession. Auch diesem Identitätswechsel kann Claire etwas abgewinnen, denn plötzlich ist sie reich. Das hatte sie immer sein wollen, deswegen war sie nach Amerika gekommen, und nun ist sie es wirklich, wenigstens Augenblicke vor ihrem Tod. Wir begegnen demselben Phänomen: Wie unfreiwillig auch immer sie in eine andere Haut gerät, sie begreift ihr neues Dasein nicht nur als Rolle, sondern lebt sie bis zu einem gewissen Grade als ihr eigenes Leben.
Der nächste Wechsel ist wohl der tiefreichendste. Eine Dienerin des Grafen, eine India, verfügt über Reste aztekischen Heilwassers, das unsterblich macht. (Glücklicherweise verzichtet Boullosa darauf, uns solche magischen Wunderdinge als realistisch zu verkaufen, wie das in der Nachfolge des Magischen Realismus in Mode gekommen ist. Claires Unsterblichkeit ist so offensichtlich ein Zeichen, ein nüchtern und distanziert beschriebenes zumal, daß keine Verwechslung mit zauberlichem Schnickschnack möglich ist.) So überlebt Claire den Galgen, entschlüpft dem Sarg und taucht in India-Kleidern unter.

Zeichen und Wunder

Aber die Unsterblichkeit ist an eine Bedingung geknüpft: Sobald sie das Tal von Mexiko verläßt, fällt sie in tiefen Schlaf. Sie stirbt nie, aber sie lebt mit wachen Sinnen nur in jenem Tal, in dem die Alte und Neue Welt besonders heftig aufeinandergeprallt sind (unvergeßlich die Szene, da sie neben dem alten aztekischen Templo Mayor steht und zusieht, wie die, die hier früher Zeremonien feierten, ihre eigenen Pyramiden abtragen und daneben aus denselben Steinen die Kathedrale errichten müssen).
Stück für Stück schält sich heraus, daß ihr die letzte Wandlung-Verwandlung engere Grenzen setzt als die vorherigen. Sie ist nun Mestizin, ein lebendes Sinnbild jener Vereinigung von Kulturen, Geschichten, Weltsichten. Claire – und mit ihr das, wofür sie steht – läßt sich nicht mehr auflösen in das, woraus sie hervorging. Wohl kann sie sich noch in dieses oder jenes Hemd kleiden, mal lebt sie als spanische Dame im Palast des Vizekönigs, mal unter den Indio-Frauen – das hat aber nur noch untergeordnete Bedeutung. Sie verfügt über Kräfte, in der die Indios ihre eigenen wiedererkennen, und sie könnte, wenn sie das wollte, einen Aufstand anzetteln und die Spanier vertreiben. Sie wird es nicht tun, denn sie ist ein Teil von beiden. Die Präsenz der Spanier in Amerika ist in ihr selbst manifest, und sich selbst anzuerkennen heißt für sie unweigerlich, auch die Spanier anzuerkennen. Es geht längst nicht mehr darum, ob man ihre Anwesenheit in Amerika als gut oder schlecht beurteilt.

Die schlafende Schöne

Das Buch endet fast messianisch. Ein alter Mann, Dichter und Claires Freund, nimmt sie mit nach Potosí, weit weg von Mexiko, wohl wissend, daß sie erst wieder erwachen wird, wenn sie zurück ist. Aber seine Rückkehr verzögert sich, und schließlich ist er so alt und schwach, daß er es nicht mehr schafft. Seither schläft Claire „im Wald bei Potosí“, wie es im Roman heißt, und überläßt uns, was wir mit ihr anfangen. Eine Göttin, die uns erlöst, wenn wir sie erlösen? Dornröschen, seit Jahrhunderten wartend auf den Kuß? Wie auch immer.
Carmen Boullosas Botschaft, wie ich sie verstehe, lautet: Anerkenntnis, und zwar in zweierlei Hinsicht. Erstens ist Identität, die auf scharfe Abgrenzung aus ist, eine Schimäre, eine Illusion, nichts weiter. Im Mann steckt Frau, in der Frau steckt Mann, im Katholiken der Lutheraner, und wenn ich im türkischen Gemüseladen einkaufe, bin ich nicht mehr nur Deutscher. Zweitens hat das gerade für die lateinamerikanische Perspektive, die eine besonders stark mestizische, verkreuzte, „hybride“ ist, enorme Bedeutung. In Boullosas Version geht es nicht mehr darum, die mestizische „Rasse“ anzuhimmeln und sich von ihr Erlösung zu versprechen, wie das oft getan wurde, ebenso wenig sie geringer zu achten als andere, sondern schlicht: sie zu akzeptieren.

Schwachstellen in der Übersetzung

Nun noch einmal zum Text selbst. Der spanische Originaltitel Duerme ist vieldeutig, er könnte heißen schlaf!, oder auch (er oder sie) schläft. Er deutet jedenfalls in die Richtung der Erlösung, des „Wie weiter?“ Der deutsche Titel hingegen zielt eher auf den Rollentausch ab, er ist eigentlich nur die Überschrift des 2. Kapitels. Ist dieser Perspektivwechsel – denn darum handelt es sich – notwendig? Das im Deutschen ebenfalls mehrdeutige Schlaf hätte es auch getan.
Diese Kritik muß leider auch für einige Stellen im Text gelten, an denen die Übersetzerin Satzstrukturen verändert hat, obwohl sie die spanischen gut hätte beibehalten können. Ein besonders krasses Beispiel: „Veo el cielo nocturno, cuajado de estrellas. Veo la luna, sonriendo“ – „Am sternenübersäten Nachthimmel schaut der Mond auf mich herab, und ich lächele“. Nicht nur der knappe, herbe Ton des Originals geht verloren, sondern auch die leichte Mehrdeutigkeit im zweiten Satz. Natürlich lächelt nicht der Mond, sondern die, die sagt: „veo“. Aber zugleich ist „… la luna, sonriendo“ mit einem Bezug ausgestattet, der mit „Ich sehe den Mond, lächelnd“ genau wiedergegeben wäre und einem den Genuß verschafft, einen kleinen Augenblick meinen zu können, es sei der Mond, der lächelt. Möglicherweise gehen manche Holprigkeiten im Buch auf die Rechnung der Übersetzerin. Jedoch auch der spanische Text selbst ist sehr kompliziert und gedrängt und macht den Zugang nicht eben leicht.
Das Buch bietet allerdings auch sehr gelungene Passagen. Die schon erwähnte, vom Abbruch des Templo Mayor und dem Aufbau der Kathedrale gehört dazu, ebenso eine irritierende Szene mit dem Dichterfreund und einer Schauspielerin, die vor den Augen der kranken Claire einen antiken Sagenstoff als Theaterstück aufführen. Irritierend vor allem deswegen, weil all diese Namen – Zeus, Aphrodite, Helios – doch anscheinend nach Europa gehören, weil sich aber durch ihre schlichte Anwesenheit in einem Conquistadorenpalast, vor dem arbeitende Indios hin- und herwuseln, jene Kulturenüberlagerung vollzieht, von der das Buch handelt.
Es hätte ein großer Roman werden können. In dieser Fassung wirkt er streckenweise wie ein Entwurf zu einem anderen Roman, der noch darauf wartet, geschrieben zu werden. Ein Abenteuer ist er aber schon jetzt.

Carmen Boullosa: Der fremde Tod, aus dem Spanischen von Susanne Lange, Suhrkamp Verlag, Frankfurt/Main 1998, 16,80 DM (ca. 9 Euro).

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