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Drei Jahre bis zur Freiheit

Silvesternacht in Havanna: der 36-jährige Erik aus Deutschland kniet vor der jungen Kubanerin Gladis und hält wortreich, unter reger Anteilnahme ihrer Familie, um ihre Hand an. Zur großen Freude ihrer Verwandten gibt sie ihm das Jawort. Mit dieser Szene beginnt der Dokumentarfilm „Heirate mich“.
Die Freude ihrer Lieben ist verständlich, wenn man weiß, dass es wie ein Sechser im Lotto ist, einen Touristen aufzugabeln, der nicht nur auf der Jagd nach kurzweiligen Liebesabenteuern, sondern auch noch heiratswillig ist. Denn damit eröffnet sich die Möglichkeit, Kuba zu verlassen.
Die Begrüßung durch das große, fröhliche Empfangskomitee in Hamburg ist vielversprechend; doch schon bald steckt der Zuschauer zusammen mit der neuen, kleinen Familie mitten in den Alltagsproblemen und kulturellen Konflikten, die solch ein Abenteuer mit sich bringt.

Schwieriger Alltag

Ob Pflaumenkuchenessen bei den Schwiegereltern oder die Einschulung Omaritos, vieles erweist sich als tückisch, erst recht, da Gladis und ihr Sohn die Sprache noch nicht beherrschen. Da ist zum Beispiel die Szene auf der Ausländerbehörde: Erik erklärt Gladis, natürlich im Scherz, dass sie wohl oder übel drei Jahre mit ihm verheiratet bleiben muss, da sie sonst wieder nach Kuba abgeschoben werden würde. Aber warum kann sie nicht mit ihm über den netten, kleinen Witz lachen? Vielleicht weil ihr bewusst wird, dass sie ihm ausgeliefert ist und es Anzeichen gibt, dass er auch nicht davor zurückschrecken würde dies als Druckmittel gegen sie zu verwenden? Die Art wie er sie durch seine Aussage zu reizen versucht, lässt durchscheinen, dass sich beide bewusst sind, dass die Heirat kaum aus einer romantischen Motivation heraus stattgefunden hat. Aber nun muss sie sich mit der erdrückenden Liebe des Mannes auseinandersetzen, von dem sie abhängig ist.

Heirat zum Film?

Die Tatsache, dass Gladis das Filmteam bereits durch den Dreh des Streifens „Havanna mi amor“ kannte, sorgt für ein wenig Skepsis. Man fragt sich, wie fingiert die Umstände zum Film sind. Schließlich hat Gladis Erik auf die Idee gebracht, in Deutschland Kontakt zum Regisseur Uli Gaulke aufzunehmen und von ihren Heiratsplänen zu berichten. Film zur Heirat oder Heirat zum Film? Nach Deutschland gehen und gleichzeitig Hauptakteurin in einer Doku werden? Letztlich verliert diese Frage aber an Wichtigkeit, wenn man an der Echtheit der vor der Kamera ausgetragenen Konflikte teilhaben darf.
Auf jeden Fall beweist der Streifen Geschick, im richtigen Moment seine ProtagonistInnen mit der Kamera zu verfolgen und dokumentiert eindringlich das Zerplatzen der Traumblasen aller Beteiligter. Wer sich gern einen Film über emotionale Stellungskriege anschaut, ist hier auf jeden Fall goldrichtig.

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