Nummer 245 - November 1994 | Rezensionen

Easy-living auf Jamaica

Peter-Paul Zahl – ein neuer B. Traven?

Bekannt wurde Peter-Paul Zahl nach sei­ner Verhaftung 1972. Bei einer Polizei­kontrolle hatte er zu fliehen versucht und dabei einen Polizisten verletzt. Nach einer ersten Verurteilung zu vier Jahren Knast, wurde das Strafmaß in der Revisionsver­handlung auf fünfzehn Jahre hochgesetzt: Ein klarer Fall von politischer Ju­stiz, der unter anderem von amnesty international kritisiert wurde. Erst nach zehn Jahren wurde Zahl auf Bewährung entlassen. Wie bereits vor seiner Verhaftung hatte Peter-Paul Zahl auch im Gefängnis geschrieben. Vor allem in der langjährigen Isolations­haft wurde das Schreiben für ihn zur Überlebenshilfe. Sein “Schelmenroman “Die Glücklichen”, an dem er sechs Jahre schrieb, machte ihn noch bekannter, wurde gar zu einem Kultbuch der Linken. Noch im Knast hatte er den Entschluß ge_faßt, Deutschland zu ver_lassen. Seit 1985 lebt er nun vorwiegend auf Jamaica, es wurde ru_hig um ihn. Anfang dieses Jahres meldete er sich mit der Ankündi­gung zu­rück, daß er einen Zyklus von 14 Krimis plane, die in den 14 Verwaltungsbezirken Jamaicas spielen und jeweils ein anderes Grundthema haben sollen. Die ersten zwei Bände liegen jetzt vor.

Michael Krämer

Der schöne Mann
Im ersten Krimi schildert Zahl den Zu­sammenhang von Gewalt und Politik auf der Karibikinsel. Der “schöne Mann”, der tot an einem Strand gefunden wird, ist James DoubletroubleFehler: Referenz nicht gefundenGunmenFehler: Referenz nicht gefundenRuffneckFehler: Referenz nicht gefundeni­nes Freundes Prento, seiner Gelieb­ten Valerie und seiner Sekretä­rin Donna nur wenig Mühe, den Fall zu lösen.
Nichts wie weg
Der Aufhänger für den zweiten Krimi ist der Sextourismus. Fraser erhält den lukra­tiven Auftrag, die reiche Erbin Mrs. Dex­ter aufzuspüren. Die hatte sich nach ihrer Ankunft auf Ja­maica einen Rent-a-dreadFehler: Referenz nicht gefunden ein paar Tagen zur illegalen Arbeit in die USA ge­fahren ist, hat Fraser “dicke Eier”. Für Fraser ganz unerwar­tet – sie ist doch schon lange scharf auf ihn – hält Donna ihn noch ei­nige Tage hin, seine Qual kennt kaum noch Grenzen. Donna wartet allerdings nur auf ihre fruchtbaren Tage, sie kann sich nichts schöneres vorstel­len, als von Fraser geschwän­gert zu werden. Natürlich erle­digt Fraser auch diese Aufgabe mit Bravour!
Sex and Crime
Hatte man beim ersten Buch noch das Ge­fühl, daß es sich tatsächlich um einen Krimi han­delte, ist der plot im zweiten Buch völlig untergeordnet. Zweifelsohne, Peter-Paul Zahl kann gut und witzig schreiben, doch er vergißt – vor allem beim zweiten Buch -, die eigent­lichen Ge­schichten zu entwic­keln. Wer einen guten Krimi er­wartet, wird enttäuscht. Fra­sers Fälle sind nur Beiwerk, im Mittelpunkt steht sein “easy-living” Dennoch wird Zahl sei_nem Anspruch, “eine Sitten_schilderung von unten zu brin_gen, die Ge_sellschaft in ihren Strukturen zu zeigen” durchaus gerecht – auch wenn die sozial_kritischen Abschnitte manchmal etwas aufgesetzt wirken. Nervig ist allerdings – Vor allem im zweiten Buch, die Dauer­geilheit (fast) aller Personen. Wo die ero­tischen Szenen vielleicht Sinnlichkeit und Spaß am Sex beschreiben sollen, wirken sie eher wie der Versuch, die Vor­lieben einhändiger Leser zu be­friedigen.
Peter-Paul Traven?
Unverständlich ist auch der bei jeder Ge­legenheit von Peter-Paul Zahl geäuerte Anspruch, mit seinem Krimizyklus ein “jamaicanischer B. Traven” wer­den zu wollen. Ist es Eitelkeit oder PR-Strategie, daß er selbst die­sen Anspruch im Voraus und öf­fentlich erhebt?
B. Traven war das – gut gehü­tete – Pseudonym des Anarchi­sten Ret Marut, der nach der Nie­derschlagung der Münchner Räterepublik 1919 aus Deutsch­land floh und nach vielen Jah­ren in Mexiko landete, wo der Großteil seiner Romane und Er­zählungen spielt. (Insbesondere der sechsbändige Chiapas-Zyklus hat durch den Aufstand der Za­patistInnen neue Aktualität ge­wonnen.)
Dabei gibt es durchaus Parallelen zwischen Ret Ma­rut/B. Traven und Peter-Paul Zahl. Ret Marut konnte sich einem Hin­richtungskommando der Freikorps nur durch Flucht entziehen. Zahl verließ Deutschland nach einem langen Knastauf­enthalt. Beide sind Anarchisten und in ih­ren Büchern ist beiden die Sympathie für Paul Lafargues Forderung nach einem “Recht auf Faulheit” anzumerken.
Es bleibt zu hoffen, daß Peter-Paul Zahl seinem Privatdetektiv Fraser einmal die Chance gibt, einen spannenden Kriminalfall zu lö­sen. Der nächste Krimi er­scheint im Frühjahr 1995, Thema ist Anbau und Ex­port von Ganja (Marihuana).

Peter-Paul Zahl: Der schöne Mann u. Nichts wie weg, jeweils 24,80 DM, Berlin 1994, Verlag Das Neue Berlin, ISBN 3-359-00746-8

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