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Ein Anschlag auf die Justiz

Am späten Abend des 18. November zerriss eine Bombe in Caracas das Auto des venezolanischen Staatsanwaltes Danilo Anderson. An einem politischen Hintergrund des Anschlags besteht kein Zweifel. Der 38jährige Anderson war Staatsanwalt für Umweltkriminalität und mit der Befugnis ausgestattet, auch in anderen Fragen auf nationaler Ebene Anklage zu erheben.
In der weitgehend von der rechten Opposition dominierten Justiz war der junge Staatsanwalt eine der wenigen mutigen Personen, die gegen die in den Putsch im April 2002 verwickelten Mächtigen aus Wirtschaft und Politik ermittelten. Er eröffnete ein Verfahren gegen die oppositionell geleitete Polizei der Hauptstadt, die beim Putsch das Feuer auf die Bevölkerung eröffnete und mehrere Personen tötete. Anderson klagte in diesem Zusammenhang den ehemaligen Bürgermeister und den Ex-Polizeichef an. Auf seine Initiative hin wurde auch das Verfahren gegen Capriles Radonksy, Bürgermeister des wohlhabenden Hauptstadtdistrikts Baruta, eröffnet. Er hatte im April 2002 den Sturm auf die kubanische Botschaft angeführt. Vor wenigen Wochen erst hatte Anderson begonnen, die 400 Unterzeichner des Selbstermächtigungsdekrets des Putschpräsidenten und damaligen Vorsitzenden des Unternehmerverbandes, Pedro Carmona Estanga, zu verhören.

Terrordrohungen
Anderson war in der Vergangenheit immer wieder Zielscheibe medialer Hetze gewesen. Einmal wurde er in einem Einkaufszentrum von mehreren Personen angegriffen. In einem Interview Ende September erklärte er, es sei versucht worden, ihn zu bestechen, und er habe Morddrohungen erhalten, da er es wage, gegen „die in Venezuela existierende Gesellschaft der Unberührbaren“ vorzugehen.
In den vergangenen Jahren wurden zwar etwa 130 AktivistInnen regierungsnaher Bewegungen, meist BauernführerInnen, ermordet, aber mit dem Bombenanschlag erlangt der Terror gegen den Transformationsprozess in Venezuela eine neue Qualität. Kommunikations- und Informationsminister Andrés Izarra erklärte, es handele sich um einen politischen Mord zur Einschüchterung der venezolanischen Justiz. Und er verlangte von der US-Regierung Aufklärung bezüglich diverser Gruppen mit Sitz in den USA, die offen verkünden, Terroranschläge in Venezuela vorzubereiten. Darunter auch das „Comando F4“, eine Terrororganisation von ExilkubanerInnen, die in Florida militärische Ausbildungslager unterhält und sich auf ihrer Webseite seit 2002 mit der Ausbildung venezolanischer Oppositioneller schmückt.
Am Tag nach dem Anschlag versammelten sich spontan Tausende vor dem Sitz der Staatsanwaltschaft, wo der Sarg von Danilo Anderson aufgebahrt wurde. In Sprechchören forderten sie immer wieder eine Neuordnungder Staatsanwaltschaft und Justiz. Am frühen Abend trug die Menge den Sarg zur Nationalversammlung. Tausende Menschen säumten die Straßen, klatschten Beifall, riefen Losungen, weinten und hielten Blumen in den Händen. Der Staatsanwalt war in der Bevölkerung sehr beliebt. Anderson erhielt post mortem den höchsten Orden der Republik und es wurde eine dreitägige Staatstrauer verordnet.
Der Anschlag wurde von allen politischen Parteien Venezuelas, der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) und der US-Botschaft in Caracas verurteilt. Doch bei den Demonstrationen der Tage danach wurden auf zahlreichen Transparenten rechte Elemente der Opposition und der CIA als Urheber des Anschlags beschuldigt. Tatsächlich unterhalten die USA gute Beziehungen zu den „Comandos F4“. Im September 2002 brachten die ExilkubanerInnen eine Gruppe oppositioneller VenezolanerInnen, eingegliedert in Einheiten der US-Marines, zu Militärmanövern nach Argentinien in die Urwaldregion Mazaruca.

Die Familie Guevara
Die venezolanische Polizei handelte schnell und verhaftete in den darauf folgenden zwei Wochen mehrere Personen, die im Verdacht stehen, an dem Anschlag beteiligt gewesen zu sein. Als erster wurde Juan Bautista Guevara identifiziert. Er parkte am Abend des Anschlags sein Auto in der Nähe des Fahrzeugs des Staatsanwaltes. Als er den Ort verließ, kam es zu einem Unfall mit einem anderen Fahrzeug, Juan Bautista Guevara versuchte zu fliehen, wurde jedoch aufgehalten und gab dem Unfallopfer seine persönlichen Daten. Gemäß Zeugenaussagen befand sich ein weiterer Mann in unmittelbarer Nähe und bestieg das Auto von Juan Bautista nur wenige Meter vom Unfallort entfernt, nachdem dieser wieder losgefahren war. Nach der Personenbeschreibung verschiedener Zeugen identifizierte die Polizei diesen als Johan Peña.
Juan Bautista Guevara wurde am 28. November in einem Motel im Bundesstaat Portuguesa verhaftet und wird der Beteiligung an einem Mordkomplott verdächtigt. Im Zimmer des Ex-Kommissars der Gerichtspolizei PTJ wurden eine Handgranate, eine Pistole sowie 3000 US Dollar in bar gefunden. Johan Peña hingegen, der die Bombe unter Danilo Andersons Wagen angebracht haben soll, beantragte in der ersten Dezemberwoche Asyl in den USA. Er sei ein politisch Verfolgter, so der Freund kubanischer Exilantengruppen, in dessen Wohnung in Caracas bei einer Durchsuchung C-4-Sprengstoff, Armeeuniformen, 300 Tränengasgranaten und Schusswaffen gefunden wurden. Seine Ehefrau wurde wegen illegalen Waffenbesitzes in Caracas verhaftet.
Von Juan Bautista Guevara führte die Spur zu seinen Cousins Otoniel Guevara, ehemaliger Polizeikommissar der Mordkommission der Gerichtspolizei PTJ und der Kriminalpolizei CIPC sowie Rolando Guevara, Ex-Kommissar der Geheimpolizei Disip. Sie wurden bereits am 25. November südlich der Stadt Valencia im Bundesstaat Carabobo von einer Spezialeinheit der Nationalgarde verhaftet, nachdem AnwohnerInnen die Behörden auf den Aufenthaltsort der beiden hingewiesen hatten.
Gegen die Guevarabrüder beantragte die Staatsanwaltschaft Untersuchungshaft wegen des Verdachtes auf Mord und Bildung einer kriminellen Vereinigung. Darüber hinaus wird gegen beide auch wegen zweier Bomben ermittelt, die Ende Februar 2003 vor der spanischen und kolumbianischen Botschaft in Caracas detonierten. Untersuchungen laufen mittlerweile auch gegen die Ehefrau von Rolando Guevara, Jackeline Sandoval, die brisanter Weise einen Posten als Bezirksstaatsanwältin in Caracas inne hat.

Anschlagsplanung in Miami
Bei einer Durchsuchung verschiedener Immobilien der Brüder wurden Kriminalpolizei und Disip fündig. In Galerías Magnum, ein Schießplatz in Caracas, der Otoniel Guevara gehört, wurden Computer und Unterlagen beschlagnahmt. Guevara hatte den Schießplatz mit Geld erworben, das ihm der aus Peru geflüchtete Vladimir Montesinos bezahlt hatte, weil die Guevara-Brüder ihm im Jahr 2000 bei der Flucht nach Venezuela und dem Aufenthalt dort geholfen hatten. Montesinos, rechte Hand des ehemaligen peruanischen Präsidenten Fujimoris und Mastermind der Geheimoperationen und kriminellen Aktivitäten des Fujimori-Regimes, wurde schließlich im Jahr 2001 in Venezuela verhaftet und nach Peru abgeschoben. In den Fall Montesinos war auch José Agustín Guevara, ebenfalls Cousin der Guevarabrüder, verwickelt. Er befindet sich seit 2001 in Miami, wo er vom FBI verhaftet wurde, als er versuchte Geld von einem der Konten Montesinos abzuheben. Kurz danach wurde er wieder freigelassen und untersteht seitdem nach eigenen Angaben dem Zeugenschutzprogramm des FBI. In Miami und in Anwesenheit von José Agustín Guevara sei im September auch der Anschlag auf Anderson geplant worden. Dies sei laut Staatsanwaltschaft anhand von Telefongesprächen rekonstruiert worden.
In dem Sicherheitsunternehmen Python 357 (benannt nach einem Polizeicolt), das Rolando Guevara und dem Ex-Mitarbeiter der Gerichtspolizei Juan Carlos Sánchez gehört, fanden die Ermittler einen Stadtplan, auf dem die Fahrtroute von Danilo Anderson eingezeichnet war, Schutzkleidung, Sportwaffen, verschiedene Ausweise, ein Gewehr, eine Weste der Disip und eine einer US-amerikanischen Ausbildungsstätte für Sprengstoffspezialisten. Sie ähnelt einer anderen, die bei einer Durchsuchung des Hauses des am 23. November bei einem Feuergefecht getöteten Anwaltes Antonio López gefunden wurde. Ihm hatten die Guevarabrüder nach Aussagen der Ehefrau Rolando Guevaras wiederholt Waffen verkauft.
Rolando Guevaras Geschäftspartner, der 32jährige Juan Carlos Sánchez, kam wiederum am 25. November um, als er sich in einem Motel im Bundesstaat Lara seiner Verhaftung durch die Kriminalpolizei zu entziehen versuchte. Er schoss auf die Beamten und verletzte einen von ihnen schwer. In seinem Zimmer wurden Waffen, eine Splitterhandgranate, C-4-Sprengstoff, ein Pass sowie eine Million Bolivar und 5000 US-Dollar in bar gefunden, woraus die Polizei schloss, er habe sich ins Ausland begeben wollen. Laut Innenminister Jesse Chacón befand sich Juan Carlos Sánchez weit oben auf einer Liste mit acht Personen, gegen die wegen des Mordes an Staatsanwalt Anderson ermittelt wird.
Rechtsanwalt Antonio López kam bereits am 23. November bei einem Fluchtversuch um. Im Fahrzeug des Anwalts wurden Unterlagen und Namenslisten hoher Regierungsfunktionäre gefunden, auf denen handschriftlich das Wort “eliminieren” vermerkt war. Darüber hinaus befanden sich in dem Fahrzeug zwei Schusswaffen. Die ErmittlerInnen gehen davon aus, dass es sich bei Antonio López um den Kopf der Gruppe handelte, die das Attentat auf den Staatsanwalt durchführte.
Antonio López stand der oppositionellen Partei Primero Justicia nahe und ist ein Cousin von Leopoldo López, dem Bürgermeister des wohlhabenden Hauptstadtdistrikts Chacao. Nach Informationen des Innenministeriums hatte Antonio López in den vergangenen Jahren mehrere Kurse im Umgang mit Spezialwaffen in CIA-Einrichtungen in den USA absolviert, darunter im Jahr 2000 eine Ausbildung in der Handhabe von Sprengstoff.
Innenminister Chacón kündigte an, bald weitere Hintermänner des Anschlags präsentieren zu können. Nach seinen Angaben sei die Personengruppe, die für den Anschlag auf Danilo Anderson verantwortlich zeichne, auch in Waffen- und Drogenhandel sowie Erpressungsfälle verwickelt. Derweil wurde der Kriminalpolizei CIPC Anfang Dezember der Fall entzogen. Diese hatte scheinbar mehrfach ohne Absprache mit anderen ermittelnden Einheiten und vor allem ohne Einwilligung der Staatsanwaltschaft gehandelt. Zudem schien es auch unklare Verbindungen einiger Polizisten zu ihrem ehemaligen Vorgesetzten Otoniel Guevara gegeben zu haben.

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