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Ein Ex-Rocker sucht den Samba

Moro no Brasil – „Ich lebe in Brasilien” heißt das jüngste Projekt des finnischen Regisseurs Mika Kaurismäki. In dieser Dokumentation geht es darum, dem Zuschauer brasilianische Musik fern von seichten Samba- und Bossa Nova-Klängen näher zu bringen. Dazu begibt sich der Filmemacher auf große Fahrt quer durch das 170-Millionen-Einwohner-Land.
Unvermeidlich ist es, den Beginn des Filmes zu erzählen: Regisseur und Protagonist Mika Kaurismäki steht am schneeumwehten Hafen von Helsinki und schildert wie er vor 30 Jahren eine Deep Purple-Platte gegen seine erste Platte mit brasilianischer Musik eintauschte. Schon damals, so erklärt er weiter, trug er den Gedanken in sich, auszuwandern und das kalte Finnland gegen Brasilien als neue Heimat auszutauschen.
Verwirklichen konnte er diesen Traum zwar erst wesentlich später, aber der Auslöser seines Auswanderplans, nämlich die brasilianische Musik seiner Schallplatte, blieb ihm immer im Kopf. Deswegen begibt er sich nun – mittlerweile als Einwohner Brasiliens – auf große Reise durch das Land, um den „Samba“ – eigentlich aber die „echten“ Wurzeln brasilianischer Musik – zu suchen.
Seine filmische Reise beginnt im Bundesstaat Pernambuco in einem Dorf der Fulniô-Indianer, also den „wirklichen“ Ureinwohnern Brasiliens, die vor der Kamera eine Tanzgruppe und dazu ihre typische Musik mit Flöten und Trommeln präsentieren. Zwischen den Musikeinlagen gibt es von den Musikern einige Worte der Erklärung des soeben Gehörten und über indianische Musik generell. Nach einigen weiteren Kameraschwenks wird die Reise fortgesetzt.
Wir fahren durch wunderschöne lichte Landschaften des nordost-brasilianischen Hinterlands und machen unseren nächsten Zwischenstop auf dem Marktplatz des Ortes Caruaru. Dort führt uns ein alter Instrumentenbauer an seinem Stand die Spielweise der verschiedensten Percussion-Instrumente vor: Pandeiro, Maultrommel und Rasseln von denen man bis dato nicht wusste, dass sie existieren, geschweige denn wie sie klingen.
Weiter geht es in Richtung Recife. Auf dem Weg dorthin erklärt uns der Mancá-Beat-Musiker Silvério Pessoa (Bate o mancá = Mischung aus Forrô und Rockmusik) die Geheimnisse des Forrô, der für diese Region typischen Tanzmusik mit dem Akkordeon als Hauptklangfarbe. Und wieder wird umgeschnitten auf ein Live-Konzert mit ihm und dem kurz nach den Dreharbeiten verstorbenen repentista Jacinto Silva (repentista = Sänger, der seine Texte spontan erfindet), einer anderen Lokalgröße der Forrô-Musik.
So tingelt Regisseur Kaurismäki zunächst im Nordosten Brasiliens von Ort zu Ort, von Musiker zu Musiker: Er trifft einen knallbunten Maracatú-Zug (Maracatú = afrobrasilianischer Volkstanz begleitet von extrem schnellem Trommelrhythmus) im ländlichen Agreste (gelegen zwischen Küste und Sertão). Kurze Zeit später unterhält er sich mit den zwei Embolada-Rappern Caju und Castanha, die ihm kurzerhand ein Lied widmen (Embolada = Liedform mit Texten komischen und satirischen Inhalts begleitet von Pandeiro oder Gitarre). Und er besucht das Bahia des Candomblê (afoamerikanische Religion), der Afoxê-Gruppen (Afoxê = afrobrasilianische Karnevalsgruppe in Bahia bestehend aus Trommlern und Tänzern) und des Samba-Reggaes der schwarzen Sängerin Magareth Menezes. Hier entsteht auch eine der schönsten Szenen des Films: Zu dem von Magareth Menezes vorgetragenem Lied „Alegría da Cidade“ sehen wir Bilder von Capoeira-Spielern im Sonnenuntergang am Strand und den menschenüberfüllten, scheinbar elektrisierten Stadtkern Salvador da Bahias.
Den Schlusspunkt findet Kaurismäkis Tour in Rio de Janeiro, wo wir im Stadtteil Mangueira auf einige alte Bekannte treffen, zum Beispiel die bei den Heimatklängen 2000 in Berlin aufgetretenen Gruppen Funk‘n Lata und Velha Guarda da Mangueira (siehe LN 313/314).
Insgesamt kann man sagen, dass Kaurismäkis Film trotz der 31 (!) verschiedenen auftretenden Musiker und Gruppen kurzweilige Unterhaltung bietet, da sich immer wieder unerwartete Anekdoten und Überraschungen auftun. Dem Film kommt weiterhin zu Gute, dass der Finne meist gängige Klischees meidet und uns unbekanntere Musiker – sozusagen direkt von der Straße – präsentiert, deren Musik man zusammen mit farbenfrohen Bildern auch ausgiebig genießen kann. Wirklich empfehlenswert machen den Film der tolle Sound und die farbenfrohen Bilder auf der großen Kinoleinwand.

Moro no Brasil, Deutschland, Brasilien, Finnland 2002; 105 Min.; Regie: Mika Kaurismäki; Kinostart: 21. Februar 2002; der Film läuft im Rahmen der Berlinale in der Reihe Panorama.

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