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Ein Linker war er nicht

Raúl Silva Henríquez wurde am 27.9.1907 in Talca als achtes von neunzehn Kindern geboren. Nach der Schule in seiner ländlichen Heimatstadt ging er 1930 ins Priesterseminar der Salesianer in Santiago, zog dann nach Italien und wurde dort im Juli 1938 zum Priester geweiht. Nach der Ernennung zum Bischof wurde er im November 1959 Weihbischof in der Hafenstadt Valparaíso. Nach nur 20 Monaten berief ihn wiederum Papst Johannes XXIII. zum Erzbischof von Santiago. Vom Juni bis zum Mai 1983 leitete er 22 bewegte Jahre hindurch die katholische Kirche in der chilenischen Hauptstadt. Schon früh, im Februar 1962, wurde Silva Henríquez zum zweiten Kardinal in der Geschichte Chiles ernannt.
Von Anfang an stand für Kardinal Silva die kirchliche Soziallehre im Mittelpunkt seines geistlichen Handelns; er forderte soziale Gerechtigkeit und die Bekämpfung der Armut. Konsequent unterstützte er die vorsichtige Reformpolitik seines guten Freundes Eduardo Frei, des Vaters des derzeitigen Präsidenten gleichen Namens, der von 1964-70 regierte. In Anbetracht heftiger Kritiken der Großgrundbesitzer und Unternehmer betonte der Kardinal wiederholt, die Landreform stehe in vollem Einklang mit der kirchlichen Soziallehre. Aus seiner Skepsis gegenüber der sozialistischen Unidad-Popular-Regierung machte er nie einen Hehl, seine Loyalität gegenüber Salvador Allende stand jedoch nie in Zweifel. Bis zuletzt versuchte er, den Dialog zwischen den politischen Gegnern aufrecht zu erhalten. Mit seiner Abscheu gegenüber dem Militärputsch am 11. September 1973 und den massiven Menschenrechtsverletzungen hielt Silva Henríquez nicht hinter dem Berg. Nur einen Monat später rief er gemeinsam mit anderen Kirchen das „Komitee für den Frieden“ ins Leben, um den Opfern des Putsches Hilfe anbieten zu können.

Loyal gegenüber Allende

Die folgenden Jahre waren durch anhaltende Auseinandersetzungen mit General Pinochet gekennzeichnet, der seine politischen Gegner erbarmungslos verfolgte. Tausende wurden ermordet, verschleppt, gefoltert oder verschwanden für immer, andere flohen ins Ausland. Die katholische Kirche konnte sich in den ersten Jahren der Diktatur als einzige kritisch zum Regime äußern. Und sie gab vielen Oppositionellen Arbeit und Brot. Kardinal Silva gründete die „Akademie für Christlichen Humanismus“, in der arbeitslos gewordene linke ProfessorInnen wissenschaftlich arbeiten konnten.
Auf Druck der Militärs mußte das „Friedenskomitee“ Ende 1975 aufgelöst werden. Aber schon am 1. Januar des folgenden Jahres rief Kardinal Silva als Nachfolgeorganisation das Solidaritätsvikariat ins Leben. Verfolgte des Regimes erhielten hier Rechtsbeistand, Selbsthilfegruppen und Volksküchen finanzielle Unterstützung, die Angehörigen der Opfer des politischen Terrors Raum und Beistand. Die Zeitschrift „Solidaridad „ war lange Jahre das einzige Presseorgan in Chile, das kritische Meinungen und Einschätzungen veröffentlichen durfte. Ohne das Engagement von Raúl Silva Henríquez, bei dem der Einsatz für die Armen und Unterdrückten im Mittelpunkt seines geistlichen Handelns stand, wäre diese beispiellose Arbeit der Kirche in Chile nicht möglich gewesen. Als überzeugter Anhänger der Beschlüsse der lateinamerikanischen Bischofskonferenzen von Puebla (Mexiko) und Medellín (Kolumbien) war Kardinal Silva immer ein Verfechter der Option für die Armen. Von der regimetreuen Presse wurde er wiederholt in die Ecke des Kommunismus gedrängt. Ein linker Bischof war er jedoch nicht, viele gesellschaftliche Forderungen der Befreiungstheologen gingen ihm zu weit. Die politischen Umstände ließen den im Grunde seines Herzens konservativen Kirchenfürsten in die Rolle eines fortschrittlichen Pragmatikers hineinwachsen. Vergleichbar mit seinem Kollegen in El Salvador, Oscar Arnulfo Romero, dem er nach seinem Tode sichtlich bewegt bescheinigte, er habe seine Pflicht als Bischof getan, „sein Leben für seine Brüder, für seine Schafe hinzugeben“.
Bis zum Rücktritt von Raúl Silva als Erzbischof von Santiago am 6. Mai 1983 erlebte die chilenische Kirche einen Höhepunkt ihres irdischen Auftrags. Während der Militärdiktatur in dem Andenstaat konnte sie ihr ganzes moralisches Gewicht in die Waagschale werfen. Nicht zuletzt die Ernennungspolitik des Vatikans hat es in den letzten Jahren verhindert, daß einer seiner Nachfolger die Bedeutung von Kardinal Silva erreicht hätte. Mit seinem Tod geht eine Ära der lateinamerikanischen Kirche zu Ende.

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