«

»

Artikel drucken

EIN PLAYBOY DES 19. JAHRHUNDERTS

Nur das Allernötigste hätte er mit in die Berge mitnehmen wollen, erzählt das lyrische Ich, Brás Cubas. Kein Luxus sollte ihn von der Trauer um seine gerade verstorbene Mutter ablenken. Bis zu ihrem Tod hatte er sich nie mit der zeitlichen Begrenztheit der menschlichen Existenz beschäftigt, nun zog es ihn umso mehr in die Einsamkeit, zur Reflexion über das Wesen des menschlichen Seins, weg von den Ablenkungen und Bällen des kaiserlichen Rio de Janeiro Ende des 19. Jahrhunderts. Und so brachte er, ganz spartanisch, nur das absolut Notwendige mit auf die von seinem Vater geerbte Jagdhütte in den Bergen von Tijuca: eine Jagdflinte, Kleidung, einige Bücher, Zigarren, einen Sklaven als Laufburschen, eine Sklavin als Köchin, ein Pferd und seine Hunde.
Ganz unironisch und selbstverständlich zählt der gerade verstorbene Brás Cubas die Sammlung von Luxusgütern auf, ganz selbstverständlich gehören für ihn Menschen zu diesen Gütern. Aus seinem Grab heraus erzählt er sein Leben. Keine Eitelkeit, keine selbstsüchtige Beschönigung würde deshalb die neutrale Darstellung der Erzählung trüben, so wie es bei den Lebenden der Fall sei: Denn die Toten haben keinen Ehrgeiz und keine Ziele für ihr Leben, hatte er zu Beginn des Buches dargelegt, das er mit der Beschreibung seiner eigenen Beerdigung beginnt. Dass der verwöhnte Sohn aus reicher Familie der Oberschicht natürlich alles andere als völlig uneitel und objektiv sein Leben erzählt, wird schnell evident. Aus dieser Spannung zwischen Selbstdarstellung und der gleichzeitig immer wieder beteuerten Neutralität des Ich-Erzählers erwächst der größte Teil der Komik des Klassikers der brasilianischen Literatur von Machado de Assis, der Posthumen Memoiren des Brás Cubas. Die Leser*innen werden herausgefordert, die Darstellung von Brás Cubas zu hinterfragen, seine Psychologie zu ergründen. Dies ist ebenso spannend, wie unterhaltsam.
Denn auch wenn es mit der Objektivität des Erzählers nicht so weit her ist, wie dieser eben behauptet, so versucht er auch nicht, sein gerade beschlossenes Leben übermäßig zu beschönigen. Schon zu Anfang des Buches macht Brás Cubas deutlich, was er ist: Er selbst erkennt an, dass er im Leben nichts erreicht und nichts von Wert geschaffen hat. Finanziell abgesichert durch das geerbte Vermögen, studierte er nur aus sozialer Konvention. Einer ernsthaften Arbeit ist er nie nachgegangen. Er hätte Politiker werden können, um dann mit Ernst und Überzeugung ein politisches Ziel zu verfolgen. Doch dies reizte ihn nicht, erschien ihm als Selbsttäuschung angesichts der Vergeblichkeit allen menschlichen Strebens. Auch Kinder zeugte er keine und blieb sein Leben lang Junggeselle. Einzig eine sich über Jahrzehnte hinziehende geheime Liebschaft mit einer verheirateten Frau reizte seine Leidenschaft.
So pflegte Brás Cubas schon zu Lebzeiten einen melancholischen und distanzierten Blick auf die Menschen und ihr merkwürdiges Treiben. Hinter den vermeintlich heiligen Motiven und hehren Idealen der Menschen erkennt er verdeckte Eitelkeit und Eigennutz, in keiner Philosophie oder Errungenschaft der Menschen sieht er bleibenden Wert. Es ist ein sehr moderner Pessimismus, der das Buch durchzieht und ihm seine ironische und manchmal morbide Stimmung verleiht.
Den ironischen Plauderton der Erzählung entlehnte Machado de Assis dem Leben und Ansichten des Tristram Shandy, Gentleman von Laurence Sterne, wie er im Buch  schreibt. Den Pessimismus, der für das Wollen und Streben des Menschen keine Erlösung, auch nicht nach dem Tod, erkennt, entnahm er der Philosophie Arthur Schopenhauers, die er in dem Buch in die brasilianische Wirklichkeit des 19. Jahrhunderts übersetzte, wie der brasilianische Literaturwissenschaftler Raimundo Faoro schrieb. In der psychologischen Dekonstruktion der Motive menschlichen Handelns könnte man auch Parallelen zu Friedrich Nietzsche ziehen, doch dessen Werk konnte den erstmals 1880 in einer Zeitungsserie erschienenen Roman freilich nicht beeinflussen.
Indes ist die Erzählung nicht nur eine ironisch-philosophische Untersuchung der conditio humana, die völlig orts- und zeitungebunden ist. Im Hintergrund der ganzen Erzählung, die vor allem im Milieu der Oberschicht des ausgehenden brasilisanischen Kaiserreichs spielt, scheint immer die brutale Realität der Sklav*innengesellschaft durch. In seinen Posthumen Memoiren entlarvt sich Brás Cubas eben auch als parasitärer Nutznießer der absoluten Ausbeutung von Menschen als Ware.
Es ist wohl kein Zufall, dass gerade Machado de Assis dieses genaue und kritische Bild der brasilianischen Oberschicht seiner Zeit zeichnen konnte. Er selbst hatte sich schließlich vom Zeitungsjungen über die Stationen Setzer, Journalist, bis zum hoch anerkannten Romancier und Staatsbeamten gearbeitet. Machado de Assis kam nicht aus der Schicht der Sklavenhalter*innen, sein eigener Großvater war ein freigelassener Sklave, doch er schloss zu dieser Gesellschaft aus eigener Kraft auf. Ihm fiel nichts einfach in die Hände, wie seinem Helden Brás Cubas, der sich wenn überhaupt nur zum Zeitvertreib mit den Problemen der Gesellschaft befasste.
Intellektuell unterhält sich Brás Cubas mit der Gesellschaft des Quincas Borbas, einem selbsterklärten Philosophen, dessen Theorie des Humanitismus eine Parodie auf den damals in Brasilien so populären Positivismus darstellt. Brás Cubas will bei der Publikation des Werkes von Quincas Borbas helfen, doch der ist letztlich davon abhängig, dass er von dem Adelsspross finanziell ausgehalten wird und verzögert deshalb die Veröffentlichung immer wieder. In der brasilianischen Gesellschaft, die in den Posthumen Memoiren gezeichnet wird, sind alle Menschen von der Gunst der Oberschicht abhängig. Diskussionen über philosophische Theorien oder Ideen für gesellschaftlichen Wandel werden nur als Dekoration gepflegt. Denn hinter der modern anmutenden Fassade steht noch die alte gesellschaftliche Struktur, und die basiert auf der Brutalität der Sklaverei.
Diesen Widerspruch zwischen modernem Anspruch und der archaischen Gesellschaftsstruktur im Werk von Machado de Assis untersuchte der brasilianische Marxist und Literaturwissenschaftler Roberto Schwarz. Den Humanitismus des Quincas Borbas (der noch in einem anderen Werk von Machado de Assis die Hauptrolle spielt) sah er als gelungene Darstellung einer Idea fora do lugar, einer „Idee, außerhalb ihres Ortes“: Die brasilianischen Eliten des 19. Jahrhunderts verehrten den Positivismus und Liberalismus von Auguste Comte, doch diese Ideologie passte zwar zum sich industrialisierenden Frankreich, doch im sklav*innenenhaltenden Brasilien blieb sie nur eine billige Fassade. Der Begriff der Ideas fora do lugar, von Roberto Schwarz aus dem Werk Machado de Assis‘ entwickelt, hatte auch Einfluss außerhalb der Literaturwissenschaften und wurde in anderen Sozial- und Geisteswissenschaften rezipiert. Hier zeigt sich die wahre Universalität des Werkes von Machado de Assis.
So bleibt die scharfe machadianische Analyse der brasilianischen Oberschicht aktuell. Die Attitüde, mit der Brás Cubas durch das Leben geht, ist längst nicht mit der Sklaverei in Brasilien ausgestorben. Die Haltung vieler heutiger brasilianischer „Playboys“ oder „Vatersöhnchen“ aus reicher Familie ähnelt frappierend der des Ich-Erzählers aus dem Roman des 19. Jahrhunderts. Wenn also heute die brasilianischen Ober- und Mittelschichten die Modernität in Brasilien für sich reklamieren und grün-gelb gekleidet auf den Straßen gegen die PT-Regierung demonstrieren und „ihr Land“ zurückfordern, dann wollen sie nichts anderes als die Bestätigung ihrer jahrhundertealten Privilegien und Vormachtstellung. Um die Vorstellungen und inneren Widersprüche dieser neuen brasilianischen Rechte besser zu verstehen, lohnt es sich deshalb durchaus, ein 136 Jahre altes Buch zu lesen.

Permanentlink zu diesem Beitrag: https://lateinamerika-nachrichten.de/artikel/ein-playboy-des-19-jahrhunderts/