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Ein Virtuose der Macht

In der Mitte der Straße läuft es sich doppelt gefährlich: Man wird aus beiden Richtungen vom Verkehr bedroht. Diese Lebensweisheit der Eisernen Lady Margaret Thatcher hat Jorge Mas Canosa nicht nur oft und gern zitiert, er hat sie auch zeit seines Lebens beherzigt. Er war jähzornig und unberechenbar, grenzenlos eitel und unsäglich egozentrisch, doch in einem blieb er bei allem Opportunismus zuverlässig bis zum Schluß: Welche Wege er auch immer beschritt, die rechte Außenspur hat er niemals verlassen.

Vom Scheitern vor der Schweinebucht…

Jorge Mas Canosa kam am 21. September 1939 in Santiago de Cuba zur Welt. Sein Vater war im Range eines Majors als Tierarzt für die Armee tätig, der Sohn wuchs zwar nicht gerade in aristokratischen, aber doch in gesicherten Verhältnissen auf. Eifrige Biographen bemühten sich später, eine oppositionelle Haltung des Heranwachsenden zum damaligen Diktator Batista nachzuweisen. Zweifel sind allerdings erlaubt: Ehe der Offizierssohn 1957 für knapp zwei Jahre zum Jura-Studium in die USA ging, durfte der noch nicht einmal Volljährige bereits gemeinsam mit einem Freund an den Wochenenden ein eigenes Rundfunkprogramm bestreiten, – bemerkenswert viele Freiheiten für einen angeblichen Regimegegner.
Der sich zunehmend radikalisierenden Revolution, die zudem den Vater die Anstellung gekostet hatte, begegnete Jorge Mas Canosa von Beginn an mit Ablehnung. Er schloß sich illegalen Widerstandsgruppen in seiner Heimatstadt an, verteilte konterrevolutionäre Flugblätter, wurde verhaftet und wieder laufengelassen. Im Juli 1960 ging er schließlich nach Miami und ließ sich dort als Mitglied der von der CIA finanzierten Brigade 2506 einschreiben. Während aber das Gros der Truppe im April 1961 in der Schweinebucht landete und dort von den kubanischen Milizen binnen 72 Stunden restlos aufgerieben wurde, hielt das Schicksal schützend seine Hand über Mas Canosa: Das Schiff, das ihn und seine Gefährten zu einem Entlastungsangriff in der Provinz Oriente absetzen sollte, erreichte nie sein Ziel.
Glücklich zurück in den USA, absolvierte Jorge Mas Canosa einen Offizierslehrgang in Fort Benning. Dort kann er nicht durch besondere Fähigkeiten aufgefallen sein, denn wenig später verließ er die Armee wieder, ohne es weiter als bis zum Unterleutnant gebracht zu haben. Er schloß sich der Kubanischen Exil-Repräsentanz (RECE) des enteigneten Bacardí-Miteigentümers José Pepín M. Bosch an und organisierte die Umrüstung einer B-26 für Bombenangriffe auf kubanische Wirtschaftsanlagen. Dann zog er sich jedoch zurück. Zwar rechtfertigte er bis zu seinem Tod den Terror als legitimes Mittel, den Sturz Fidel Castros voranzutreiben. Die Drecksarbeit aber überließ er von nun an anderen.

..zum Boss der Exilkubaner

Mas Canosa widmete sich zunächst einem anderen Ziel: Seinem wirtschaftlichen Aufstieg. Großzügig mit Krediten versorgt, die die US-Regierung den in Florida gestrandeten Castro-Gegnern vermittelte, stieg er binnen weniger Jahre vom nahezu mittellosen Milchverkäufer zum Inhaber eines florierenden Betriebes auf, der Telefonkabel verlegte. Was nun geschah, spricht Bände über den Instinkt, mit dem sich Jorge Mas Canosa trotz seines miserablen Englisch mittlerweile in der neuen Umgebung zu bewegen wußte: Als eine seiner ersten Amtshandlungen benannte er das Unternehmen um – aus Iglesias & Torres (den Namen der puertoricanischen Firmengründer) machte er Church & Tower. Der angehende Millionär hatte begriffen, worauf es ankam. Mas Canosas Einstieg in die große Politik datiert aus dem Jahr 1980. In Abstimmung mit dem siegreichen republikanischen Präsidentschaftskandidaten Ronald Reagan, einigen Quellen zufolge sogar auf dessen unmittelbare Anregung hin, rief er die Kubanisch-Amerikanische Nationalstiftung (CANF) ins Leben. Binnen kürzester Zeit entwickelte sich die selbst nach US-Maßstäben rechtskonservative Stiftung zum unangefochtenen Zentrum der kubanischen Emigranten-Szene. In einem durch pathologische Zersplitterung geprägten Milieu ist sie heute mit ihren an die hunderttausend regelmäßigen oder sporadischen Spendern als einzige Organisation praktisch überall präsent.
Ein Blick auf die Führungsstrukturen der Stiftung erlaubt zugleich eine tiefere Einsicht in das Demokratieverständnis ihres Gründers. An der Spitze stehen zunächst der Chairman – bis zu seinem Tode Jorge Mas Canosa, wer sonst – und der Präsident José Pepe Hernández. Daneben aber zählt die CANF rund 110 (!) Direktoren und Treuhänder, die eigentlich nur eine Bedingung zu erfüllen hatten, um in den erlauchten Kreis aufgenommen zu werden: Sie mußten sich verpflichten, einen jährlichen Mindestbeitrag von 10.000 beziehungsweise 5.000 Dollar zu entrichten.
Gestützt auf die Stiftung, machte sich Mas Canosa daran, die Exilkubaner aus einer zahlenmäßig eher unbedeutenden nationalen Minderheit in eine veritable Macht im Staate zu verwandeln. Als ersten Schritt brachte er seine Landsleute in Miami und Umgebung dazu, die Staatsbürgerschaft der USA anzunehmen und an die Wahlurnen zu gehen. Damit war die bisherige ungefähre Balance zwischen dem konservativen und republikanischen Norden und dem liberal gesonnenen und eher den Demokraten zuneigenden Süden Floridas dahin. Je nachdem, welcher der beiden Parteien die wenigen hunderttausend kubano-amerikanischen Wähler sich auf den Rat der CANF hin anschlossen, konnte sich die Waage leicht zugunsten des einen oder anderen Kandidaten neigen, und da der Bundesstaat Florida nach der Zahl seiner Wahlmänner an vierter Stelle in den USA steht, wagte es fortan kein Präsidentschaftsbewerber mehr, dieses Potential zu ignorieren.

Der Machiavellist hinterläßt ein Vakuum

Der gezielte Einsatz von jeweils einigen zehntausend Dollar Spenden pro Wahltermin sorgte bald auch im Rest des Landes dafür, daß republikanische wie demokratische Kongreßabgeordnete es sich dreimal überlegten, ehe sie sich mit der CANF überwarfen. Die Investitionen der Stiftung begannen Früchte zu tragen: 1985 ging das ausschließlich nach Kuba ausstrahlende Radio Martí auf Sendung, in dessen Führungsgremien Mas Canosa den Ton angab. 1992 beziehungsweise 1996 traten das Torricelli- und das Helms-Burton-Gesetz in Kraft, mit denen die USA ihre Wirtschaftsblockade gegen Kuba verschärften. Im Gegenzug stellte die CANF ihre Kontakte zur lateinamerikanischen Unterwelt zur Verfügung, als die Reagan-Administration entgegen einem Kongreß-Veto die antisandinistischen Contras in Nicaragua unterstützen wollte. Die Stiftung half auch mit, im Parlament Militärhilfe für die UNITA-Rebellen in Angola durchzuboxen, schließlich unterstützte die kubanische Armee die MPLA-Regierung in Luanda.
Der Wachwechsel im Weißen Haus 1993 verlangte noch einmal einiges an Umstellungsvermögen von Jorge Mas Canosa, der aus seinen Sympathien für die Republikaner nie einen Hehl gemacht hatte. Tatsächlich tauchten plötzlich ungewohnt gemäßigte Töne in seinen Reden auf. Glaubte er sich jedoch unter Gleichgesinnten, kam sofort wieder der alte Revanchist zum Vorschein, dem jedes Mittel recht war, um die Uhren auf Kuba um 40 Jahre rückwärts zu drehen. Der frühe Tod des erst 58jährigen hat nun das bisher straff geführte Exillager mit einem Schlag enthauptet. Wie kein zweiter seiner Landsleute hatte Mas Canosa die Mechanismen der politischen Machtausübung in der neuen Heimat verinnerlicht; virtuos wie kein anderer hatte er es verstanden, die vorgefundenen Strukturen für seine Zwecke nutzbar zu machen.
Ein ebenbürtiger Nachfolger für den Verblichenen ist weit und breit nicht in Sicht. Ob die CANF ohne ihren autokratischen Führer in Miami und Washington künftig an Einfluß verlieren wird; ob die drei kubanischstämmigen Kongreß-Abgeordneten Lincoln Diaz-Balart, Ileana Ros-Lehtinen und Bob Menendez die Meinungsführerschaft unter den Kubano-Amerikanern übernehmen werden; ob gar die liberalen Exilgruppen in das entstandene Vakuum stoßen können, darüber läßt sich trefflich spekulieren. Sicher scheint derzeit lediglich eines: Eine Abkehr des US-Kongresses von seiner sturen Blockade-Politik gegenüber Kuba wird es auch in der neuen Konstellation wenn überhaupt, dann frühestens mittelfristig geben. In diesem Sinne hat Jorge Mas Canosa ganze Arbeit geleistet.

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