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Eingemauert in äthiopischen Marmor

Nine Mile ist ein verschlafenes Nest. Drei Dutzend eher ärmliche Häuser, eine schmale, schlecht asphaltierte Strasse, die sich durch das kleine Dorf windet, ein vegetarisches Restaurant, vor dem ein etwa Mittdreißiger gelangweilt, aber vor allem vergeblich auf Gäste wartet. Von Ocho Ríos aus, einer nördlichen Touristenhochburg Jamaicas, in der zur Hauptsaison täglich die Kreuzfahrtschiffe anlegen, dauert die Fahrt dorthin knapp eine Stunde. Vorbei an tief ausgegrabenen Gruben, in denen tiefrote Erde zur Bauxitgewinnung abgebaut wird und über Straßen, die mit Schlaglöchern regelrecht gepflastert ist.
Das vielleicht auffälligste an Nine Mile ist die kleine, in den Farben der Rastafaris rot, gelb und grün gestrichene Grundschule am Ortseingang. Cedella Marley Grundschule verkündet dem Besucher ein Schild. Die Mutter von Bob Marley, des einzigen berühmten Sohnes dieser Einöde, hat der Bildungsanstalt ihren Namen gegeben. Ansonsten sieht alles ärmlich aus. Der Reichtum hat sich bis in die Hütten der etwa 500 Einwohner nicht verirrt.
Am Ende der Dorfstraße, die sich auf eine Anhöhe hinauf windet, baut sich plötzlich ein halbes Dutzend Jugendlicher um das Fahrzeug auf. Der eine schiebt sich durch die halb heruntergelassene Scheibe rein: „Hey man, no problem. Ich zeigt dir wo Bob beerdigt ist.“ Auf der Beifahrerseite versucht ein vielleicht 15 Jahre alter Dreadlock-Träger die verriegelte Tür aufzureißen: „Mann, ich bewach’ den Wagen. Hier kannst du parken.“ Ein anderer liegt schon fast auf der Motorhaube, um den Fahrer mit körperlichem Einsatz zu stoppen und in die von ihm bewachte Parklücke zu lotsen.
Kaum angekommen, möchte man schon wieder umkehren. Zumal links fast hämisch ein Schild auf einer hohen Mauer verkündet: „Sie sind bereits am Eingang vorbeigefahren.“ Fragen nach der Bedeutung des Reggae-Idols Marley für den Ort werden von den maulfauleren Jungs mit der offen ausgestreckten Hand beantwortet. Anderen ist nur „Hey whity, give me some bucks” zu entlocken. Ohne Moos nix los, scheint die Lebensdevise zu sein.
Auch Susanne Eid aus Leipzig wurde vor dem Tor zum Geburtshaus von Bob Marley von den Jugendlichen abgefangen. „Bob Marley ist für mich die Reggae-Legende Number One.“ Zuerst wurde sie durch einen Garten gezerrt, in der sie ein paar banale Marihuana-Pflanzen bewundern musste, deren Anbau im Prinzip illegal ist. Dann wurde ihr das Geburtshaus aus der Ferne gezeigt – die Mauer im Vordergrund inklusive. Und als sie dann endlich mit ihrem Mann durch das Eisentor das Marley-Memorial-Gelände betreten wollte, formierten sich die Jungs mit den filzigen Dreadlocks davor zum unüberwindlichen Hindernis. Wieder wechselten Dollars den Besitzer: „Nun haben wir draußen schon mal bezahlt und wahrscheinlich bezahlen wir noch mal richtig, um das alles zu sehen von Bob Marley.“ Richtig vermutet: 15 Bucks – 15 US-Dollars kostet der Eintritt pro Person.

Von Sugar Hill zu Mount Zion

Jonathan empfängt die kleine Besuchergruppe im Fanshop. Die Zunge leicht schwer. Auf dem Gelände wächst das Rauschkraut wie bei Muttern zu Hause die Alpenveilchen auf dem Balkon. „Fossy“, so verrät der „Original Bob Marley Tour-Guide“, nennen ihn die Besucher. Schlecht ausgesteuerte Reggaemusik beschallt das Bistro, vor dem Fossy zum ersten Mal halt macht. „Hier hat Cedella Marley Booker am 6. Februar 1945 Baby Bob zur Welt gebracht“, erklärt der Endfünfziger, der mit dem legendären Musiker in die Schule gegangen sein will, und zeigt auf ein gegenüberliegendes Holzhaus mit roten Holzschindeln.
Gerade mal sechs Monate später zog die heute 80 Jahre Mutter Cedella Marley dann aus dem Haus ihrer Eltern aus, um sich nur wenige Meter weiter auf einer Anhöhe anzusiedeln. Damals hieß der Fleck Sugar Hill, weil dort Rohrzuckerpflanzen dicht an dicht standen. Heute wird der Hügel „Mount Zion“ genannt, weil hier einmal Bob Marley lebte. „Ein heiliger Ort“, weiß Fossy und singt atonal „Zion on the top“, eine Zeile aus Marleys umfangreichen Liedgut. Steil zieht sich ein Rasenweg auf den heiligen Zionshügel hoch. Hier treffen sich jedes Jahr Tausende von Rastafari-Jünger und Reggae-Fans, um den Geburtstag des 1981 in Miami an Krebs verstorbenen Musikers zu feiern.
„Bob lives.“ „Bob lebt“ – aus eingefärbten Steinen ist der Slogan in einem kleinen Garten auf dem Gelände geformt. Vor zehn Jahren haben die Tour-Guides diese beiden Worte anlässlich des zehnten Todestages geformt. „Bob lebt“, so erklärt der Ex-Schulkumpel aus Nine Mile, durch seine Musik, durch seine Botschaft von „Love and Peace“, durch die Liebe unter den Menschen, durch seine rebellischen Songs gegen Diskriminierung, Rassismus und Unterdrückung. „Rot steht für das Blut der Menschen. Das ist jedermann. Das bist Du selbst. Gelb symbolisiert die Sonnenstrahlen, die Seele, die alle besitzen“, berichtet Fossy den wissend nickenden Zuhörern, „und grün, ihr wisst schon, das ist Mutter Natur, Mutter Erde, Mutter Afrika.“ Und, wir wissen es schon: „Auch Ganja in Jamaika.“
Ein Großteil der über mehrere Hütten verteilten ehemaligen Wohnräume der Marleys ist erhalten geblieben. In einem kleinen Häuslein „on the top of the hill“ mit zwei Zimmern hat Bob Marley, der bereits mit 13 Jahren nach Trenchtown, einem Armenviertel in der Hauptstadt Kingston umgezogen war, immer wieder Refugium gefunden, um zu meditieren, zu komponieren, zu texten und – damit die Besucher nicht ihrer Klischees verloren gehen – „um zu kiffen“.

Der Stein war sein Kopfkissen

„Zieht Eure Schuhe aus“, ordnet Fossy an. Die Gruppe steht vor dem Schlafzimmer des Reggaepoeten. Ein schmales Einzelbett aus Eisen, eine dünne Überdecke, an der Wand ein Plakat mit den Kindern, die er zusammen mit seiner Frau Rita hatte. Wieder drängt es Fossy alias Jonathan mit rauer Stimme zum Reggaegesang: „I gonna love you. I’ll treat you right. I gonna love you every day and night. We’ll be together, with the roof over my head. We’ll share the shelter of my single bed. We’ll share the same room. It is love. It is love, it is love, it is love that I can feeling.”
Zeit über die Virilität des mit 36 Jahren Gestorbenen zu berichten. „Elf Kinder hat er offiziell gehabt“, bilanziert der Tour-Guide. Vier davon offiziell mit Rita Marley. „Aber Bob ist in 52 Ländern gewesen. Dort war es öfters kalt und so schätzen wir, dass er bestimmt auch dort Kinder gezeugt hat – also 52 oder mehr.“ So werden Macho-Mythen gestrickt und fortgeschrieben.
Neben dem Wohnhaus befindet sich ein Stein, der sich keck glänzend in den Rastafarben bepinselt aus dem Beton herausstreckt. Hier soll Marley manche Nacht kiffend verbracht haben. „Der Stein war mein Kopfkissen, singt Bob schon in ‚Talking Blues’“, berichtet Fossy und drängt die Gruppe langsam auf dem Raum zu dem Nebengebäude hin, eine kleine Kapelle mit Buntglasfenstern, die in östliche Richtung ausgerichtet ist. Wieder müssen die Schuhe ausgezogen werden, bevor die schlecht geölte Eisentür quietschend ins Schloss fällt. „Keine Fotos. Habt ihr verstanden, keine Fotos. Wie auch immer“, verfügt Fossy drohend. Dann zieht das Mausoleum die Gruppe in ihren Bann.
Etwa zweieinhalb mal drei Mal eineinhalb Meter groß ist der Sarkophag. Bob Marley ist in weißen, blank polierten Bruchmarmor aus Äthiopien eingemauert. Über den Grabmal hängt eine rot, gelb, grüne äthiopische Landesfahne, daneben ein Bild des Negus, des 1930 gekrönten Ras Tafari Haile Selassie I., in dem die Rastafaris den direkten Nachfahren von König Salomo sehen und den sie als ihren Gott verehren – und den die äthiopische Bevölkerung durchaus nicht nur als liebevollen Landesvater, sondern auch als verschwenderischen und despotischen Kaiser in Erinnerung hat. Es riecht impertinent nach Räucherstäbchen und nach „Gras“ in dem Raum. Links befindet sich eine überdimensionale Bronzebüste. Vor dem Grab die aufgeschlagene Bibel des Erfolgskomponisten und -musikers. Zwei seiner selbstgebauten Gitarren halten rechts und links Wache. Ein Buntglasfenster in Form eines Davidsterns befindet sich an der östlichen Stirnseite des kleinen Mausoleums. „Bobs Kopf liegt nach Westen“ sagt Fossy, „so kann er morgens die aufgehende Sonne sehen.“ Ein guter Hirte sei er gewesen, der einst auferstehen werde, verrät Fossy/Jonathan. „Und wir sind die Schafe.“
Derweil leben alle im Hier und Jetzt. Am Ausgang von Mount Zion erinnert ein Schild: „Denkt an das Trinkgeld“. Das löst sich hier vermutlich in Rauch auf. Es beginnt nieselnd zu regnen. Gleichzeitig scheint die Sonne. Und wie in einem Kitschfilm bildet sich plötzlich ein halber Regenbogen über den Anhöhen von Nine Mile. „Hey man, willst Du kein Souvenir kaufen“, ruft der Verkäufer des Besucherzentrums auch noch fragend dem Besucher nach, der tief Luft holend versucht, diesen Pilgerort der Rastafaris und Reggaefans mit seinem Mietfahrzeug schnellstens zu verlassen. Enough is enough. „No problem man.“

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