«

»

Artikel drucken

Endlich Gerechtigkeit in Peru

Aquilino Chauca hatte Glück im peruanischen Bür gerkrieg. Er überlebte. Ebenso wie seine Familie. Das ist in seiner Heimatregion in der Provinz Ayacucho durchaus keine Selbstverständlichkeit. Denn hier begann alles. An der Universität der gleichnamigen Hauptstadt wirkte Abímael Guzmán, der Gründer der „Kommunistischen Partei Perus auf dem leuchtenden Pfad José Carlos Mariáteguis“, bis 1975 als Philosophieprofessor. Dann ging er in den Untergrund. Seine Organisation, die bald nur noch Leuchtender Pfad oder Sendero Luminoso genannt wurde, verbrannte 1980 in dem nahe gelegenen Dorf Chusqui ein paar Wahlurnen und rief nach maoistischem Vorbild den Volkskrieg aus. Dessen Bilanz las sich zwölf Jahre später verheerend: Weit über 30.000 Tote und etwa 420.000 Vertriebene, davon mehr als ein Drittel in der Provinz Ayacucho. Aquilino Chauca hatte während dieser Zeit einen besonders gefährlichen Job: er war Chauffeur auf der Route zwischen der Stadt Ayacucho und San Francisco, einem heißen Tropennest am Rio Apurimac.

Auf den Spuren des Krieges

Im Oktober 2002 fährt Aquilino diese Route erneut ab. Er arbeitet jetzt als Fahrer für die peruanische Wahrheits- und Versöhnungskommission, die nach südafrikanischem und guatemaltekischem Vorbild seit etwa einem Jahr versucht, den Verbrechen im Bürgerkrieg auf die Spur zu kommen. Drei MitarbeiterInnen der Kommission befinden sich bereits in der Nähe von San Francisco und befragen seit kurzem Angehörige von Opfern, die sich freiwillig bei der Kommission gemeldet haben. Aquilino soll sie abholen. Die Fahrt ist beschwerlich, sie führt über holprige Schotterpisten und zwei um die 4.000 Meter hoch gelegene Pässe. Nach zwei Stunden wird in Tambo Rast gemacht, wo der Leuchtende Pfad 1982 zum ersten Mal eine Polizeistation überfiel, um Waffen zu erbeuten.
Kurz hinter Tambo sperrte Sendero Luminoso häufig die Straße. Aquilino erinnert sich: „Ich bin schon um fünf Uhr morgens in Ayacucho losgefahren und war um zwölf in San Francisco. So war es sicherer, denn Sendero erschien in der Regel nachmittags. Die alarmierte Armee traf dann erst bei Einbruch der Dunkelheit ein und die Guerilleros hatten größere Chancen zu entkommen.“ Manchmal waren die Guerilleros aber auch morgens zur Stelle. Dann erwischten sie Aquilino, der damals auf der Ladefläche eines Jeeps Fahrgäste transportierte. „Zunächst verlangten sie die Ausweise der Passagiere. Befand sich jemand im Wagen, der von ihnen als Verräter gesucht wurde, so ließen sie ihn aussteigen und töteten ihn. Dann baten die Senderistas um Spenden. Oder sie verlangten ein Kleidungsstück eines Passagiers, das ihnen gefiel. Oder Lebensmittel. Wer sich weigerte, auf ihre Wünsche einzugehen, riskierte, erschossen zu werden.“ Aquilino schluckt häufig, während er das erzählt.
Der Geländewagen der Wahrheitskommission schraubt sich hinter Tambo zum Pass Tapuna hinauf und passiert das Dorf Panti. Im Jahre 1989 brannte der Leuchtende Pfad hier fast alle Häuser ab und ermordete 28 Menschen, darunter Kinder und Alte. Das war eine Vergeltungsaktion, weil die Dorfbevölkerung sich zuvor mit den rondas campesinas verbündet hatte, einer gegen den Leuchtenden Pfad gerichteten bäuerlichen Selbstverteidigungsorganisation. Aquilino kam damals diesen Weg herauf, als die Häuser noch qualmten. Er erzählt noch von den verkohlten Leichen, als der Wagen Tapuna erreicht. Auf beiden Seiten der Straße ragen Felsen empor. Dort oben lagen sich eines Tages Soldaten und Senderistas gegenüber und lieferten sich ein Feuergefecht. „Ich hörte die Schüsse schon von weitem, paf, paf.“ Aquilino zieht abwechselnd den ausgestreckten rechten und linken Zeigefinger durch die Luft. Damals fuhr er kaltschnäuzig zwischen den beiden Felsen unter dem Kugelhagel hindurch: „Man wusste nie, ob man von einer Tour zurückkehren würde oder nicht. Aber was sollte ich machen? Ich musste meine Familie ernähren.“ Trotzdem kam der Tag, an dem es für Aquilino zu viel wurde. Er setzte sich mit seiner Familie nach Lima ab. Dort hielt er es allerdings nur ein Jahr aus, weil er keine Arbeit fand.

Der versteckte Palast

Jenseits von Tapuna geht es in das Tal des Río Apurimac hinab. Die Vegetation wird dichter, die Temperaturen steigen und die tropische Zone beginnt. Der Leuchtende Pfad nutzte dieses Tal während des Bürgerkrieges als strategisches Rückzugsgebiet. Doch gerade hier trafen die Senderistas auch auf den stärksten Widerstand: Das Tal wurde in der zweiten Hälfte der 80er Jahre zur Hochburg der rondas campesinas. Der Wagen der Wahrheitskommission rollt an Kaffeeplantagen vorbei und erreicht San Francisco, den ersten Ort am Fluss. Danach geht es flussaufwärts weiter, an Erdnuss- und Kakaopflanzungen, aber auch an Kokafeldern vorbei, nach Santa Rosa. Aquilino biegt dort in eine verschlammte Straße ein und parkt vor einem heruntergekommenen Haus, an dessen Obergeschoss ein großes Plakat mit der Aufschrift „Wahrheits- und Versöhnungskommission“ angebracht ist.
Eine schmale Treppe führt zum ersten Stock, in dem seit vier Tagen Zeugenberichte aufgenommen werden. In der Ecke eines großen Raumes sitzt Oscar Castillo, einer der MitarbeiterInnen der Kommission und hört einer alten Frau in zerrissenen Kleidern zu. Hinter den beiden lacht eine nackte Blondine unter einer Kokosnusspalme von der Wand. Bis vor kurzem war hier eine Diskothek untergebracht. Ihr Name: Palacio oculto – versteckter Palast. Doch das Haus hatte zuvor noch eine andere Funktion, es war während des Bürgerkrieges das Quartier der Armee. Victoria, die Frau, deren vertrauliche Aussage Oscar soeben aufgenommen hat, erzählt von unzähligen Menschen, die hier gefoltert wurden. Die Soldaten brachten mutmaßliche Senderistas von hier immer wieder zu einer Brücke über den nahe gelegenen Río Santa Rosa. Dort hängten sie die Gefangenen mit den Händen am Geländer auf und erschossen sie. Selbst Kinder, die an den Ufern des Flusses spielten, hatten sich daran gewöhnt, die Toten vorbeischwimmen zu sehen: „Jeden Tag trieben Leichen an. Hier gibt es keine Gräber!“ klagt Victoria.
Den MitarbeiterInnen der Kommission ist es peinlich, in diesem Haus zu arbeiten, das ihnen von der Gemeinde zugewiesen wurde. Oscar Castillo und seine Kollegen haben hier in den vergangenen Tagen etwa 170 Zeugen angehört, die in der Regel nur Quechua, die Sprache der Hochlandindianer, sprechen. Die meisten Zeugen denunzierten Morde und Überfälle Sendero Luminosos. Andere berichteten von Verbrechen der Armee. Aber auch die Selbstverteidigungskomitees der Bauern wurden beschuldigt, willkürlich vergewaltigt und getötet zu haben. Zum Beispiel wenn sie sich bei örtlichen Streiks einfach „mutmaßliche Terroristen“ herausgriffen. Oder wenn Männer in den Dörfern sich weigerten, in ihren Reihen mitzumarschieren. Dennoch steht für die Wahrheitskommission schon jetzt außer Zweifel: die ronderos mordeten weit weniger als der Leuchtende Pfad oder die Armee.

Die Gewaltspirale

Im Norden der Provinz Ayacucho, insbesondere im Tal des Rio Apurimac, hat es der Leuchtende Pfad nie geschafft, die Bevölkerung auf seine Seite zu bringen. Iván Caro, bei der Wahrheitskommission zuständig für regionale Geschichte, weiß warum. „Viele Bauern haben dort eigene Parzellen. Für sie ist der Handel lebensnotwendig. Doch Sendero blockierte die örtlichen Märkte und zog so den Zorn der Bevölkerung auf sich.“ Die rondas campesinas bildeten sich hier als Reaktion auf die Politik des Leuchtenden Pfads bereits Anfang der 80er Jahre. Damals waren sie nur mit Äxten und Macheten bewaffnet. Weiter im Süden der Provinz, in einer Viehzuchtregion um das Dorf Lucanamarca, untersagte Sendero der Bevölkerung ebenfalls den Zugang zu den Märkten. Deshalb ermordeten die Bauern einige Funktionäre des Leuchtenden Pfads. Die Reaktion blieb nicht aus. Im April 1983 kam es zum größten Massaker in Ayacucho: Sendero überfiel Lucanamarca und tötete 80 Menschen. Abímael Guzmán sprach später von einer „exemplarischen Strafe“.
Ganz anders waren die Verhältnisse in der Zone am Rio Pampas, ebenfalls südlich der Hauptstadt Ayacucho. Dort wurde der Leuchtende Pfad Anfang der 80er Jahre von der Dorfbevölkerung akzeptiert und lebte weitgehend friedlich mit ihm zusammen. „Dies ist eine Region, in der es trotz der Agrarreform von 1968 noch größere Ländereien gibt. Tagelöhner arbeiten auf den Feldern von Haziendabesitzern und sind immer noch sehr stark von ihnen abhängig. Für sie waren die Versprechungen von einer gerechteren Zukunft anziehend“, erläutert Iván Caro. Hinzu kam, dass in den 70er Jahren viele junge Leute aus dieser Region an der Universität Ayacucho studierten und dort unter den Einfluss von Abímael Guzmán gerieten. Sämtliche Führungskader Senderos waren Lehrer und Professoren. Sie rekrutierten zwar keine Bauern, aber immerhin deren Söhne und Töchter, und diese kehrten mangels beruflicher Perspektive als Revolutionäre aufs Land zurück. Die restliche Linke war weder an der Universität präsent, noch fand sie auf Grund fehlender Quechuakenntnisse Zugang zur ländlichen Bevölkerung. Sie redete nur von der Revolution, Sendero machte sie.
Am Rio Pampas begann sich die Gewaltspirale zu drehen, als die Armee in die Zone eindrang. Ihr Feind war unsichtbar, denn die Senderistas trugen keine Uniform. Für die weitgehend aus Lima stammenden Offiziere war potenziell jeder Bauer ein „Terrorist“. Natalí Coc, Expertin der Wahrheitskommission für die Region, fasst Zeugenberichte über eine Besetzung der Provinzhauptstadt Accomarca zusammen: „Die Soldaten kamen und vergewaltigten zunächst die Frauen. Dann setzten sie das Dorf in Brand und warfen die Kinder ins Feuer. Insgesamt ermordeten sie 69 Menschen.“ Der verantwortliche Offizier, ein Leutnant namens Telmo Hurtado, wurde später von einem Militärgericht zu sechs Monaten Haft verurteilt, aber nicht wegen mehrfachen Mordes, sondern wegen Machtmissbrauchs. Seine Strafe saß er in einem Luxusgefängnis mit Schwimmbad und Tennisplatz ab. Und inzwischen hat ihn die Armee sogar zum Hauptmann befördert. Juristisch gilt der Fall als abgeschlossen. „Aber die Wahrheitskommission wird alles tun, damit der Fall vor einem Zivilgericht wieder aufgenommen wird“, beteuert Natalí Coc. Allerdings darf die Kommission selbst keine Anzeigen erstatten. Sie kann lediglich Beweismaterial an die Staatsanwaltschaft weiterleiten. Die Identifizierung der Täter fällt im Allgemeinen schwer: Die Soldaten traten wie die Senderistas nie unter ihrem richtigen Namen auf und bei Übergriffen verdeckten sie ihr Gesicht mit Tarnmützen. Doch wenigstens einzelne, vielleicht auch Hauptmann Hurtado, könnten jetzt zur Rechenschaft gezogen werden.
In den ersten beiden Jahren fand der Krieg ausschließlich in Ayacucho statt. Als das Militär eingriff und sich vom Tal des Rio Apurimac ausgehend die rondas campesinas bildeten, wich der Leuchtende Pfad auf andere Zonen aus, insbesondere in den Provinzen Junín und Huánuco. Deshalb unterhält die Wahrheitskommission auch an diesen Orten Büros. Die Dynamik des Krieges wiederholte sich: Wie in Ayacucho wurde die Bevölkerung zwischen der Armee und dem Leuchtenden Pfad zermalmt. Die Toten hießen hier wie dort Roberto Quispe oder Pedro Mamani, typische Namen der indigenen Bevölkerung. Es ging bald nicht mehr um eine bessere Zukunft, sondern nur noch um Vergeltung. Nachbarn kämpften gegen Nachbarn, um den Mord an einem Familienmitglied zu rächen. Aber die Armee erkannte erst gegen Ende der 80er Jahre, dass sie mit ihren Massakern noch mehr Menschen zu Sendero trieb. Folglich änderte sie ihre Strategie und förderte die Organisation der Bauern in den Selbstverteidigungskomitees. Als die Regierung Fujimori ab 1991 die rondas campesinas sogar bewaffnen ließ, wurde der Leuchtende Pfad schnell aus der Konfliktregion vertrieben. Es ist kein Zufall, dass sich im September 1992 das gesamte Zentralkomitee Senderos in Lima aufhielt und dort verhaftet wurde. Und schon bevor Abímael Guzmán im Gefängnis die Niederlage seiner Organisation eingestand und das Ende des bewaffneten Kampfes ausrief, war klar: Nicht die Armee hatte den Krieg gewonnen, sondern die rondas campesinas.

Wahrheit und Versöhnung

Das mit der Armee verfilzte Fujimori-Regime war an einer Aufarbeitung der Kriegsverbrechen nicht interessiert. Bis zu dessen Ende gab es nach offizieller Lesart nur eine Sorte von Terroristen: die Guerilleros Sendero Luminosos und des MRTA (Movimiento Revolucionario Tupac Amaru). Ausnahmslos diese verschwanden auf bloßen Verdacht hin zu Tausenden in den Gefängnissen. Nach der Flucht Fujimoris waren es vor allem Menschenrechtsgruppen und Familienangehörige der Kriegsopfer, die sich für die Gründung einer Wahrheitskommission stark machten. Fujimoris Nachfolger, die Präsidenten Valentín Paniagua und Alejandro Toledo, unterstützten dieses Vorhaben. Für Zündstoff sorgte allerdings die Auswahl von zwölf überregionalen KommissarInnen, welche die Arbeit der Kommission koordinieren, deren Ergebnisse zusammenfassen und Vorschläge für eine Versöhnung der gespaltenen Gesellschaft vorlegen sollten. Die Regierung entschied sich für angesehene WissenschaftlerInnen, VertreterInnen der Kirchen und der peruanischen Menschenrechtsorganisationen. Aber auch für eine Ex-Abgeordnete, die dem diktatorischen Fujimori-Regime bis zu dessen Fall die Treue hielt, und für einen Armeegeneral im Ruhestand. Vertreter Sendero Luminosos oder des MRTA wurden dagegen nicht zugelassen. Trotz allem: Die Regierung Toledo unterstützt ausdrücklich die Arbeit der Kommission und kommt, wenn auch nicht immer pünktlich, für deren Finanzierung auf.
Wenn die Wahrheitskommission ihre Arbeit im kommenden Juli beendet, wird sie im ganzen Land etwa 13.000 Zeugenaussagen ausgewertet haben. Sofía Macher, eine der KommissarInnen, ist sich zum jetzigen Zeitpunkt noch unsicher, ob mehr Kriegsverbrechen auf das Konto des Leuchtenden Pfades oder auf das der Armee gehen. Klar ist dagegen: Die zweite peruanische Guerilla, der MRTA, versuchte im Gegensatz zum Leuchtenden Pfad in der von ihr kontrollierten Region, der Provinz San Martín, die Eskalation der Gewalt zu begrenzen und nicht gegen die Bevölkerung vorzugehen. Auch die Regierungsverantwortung für den Bürgerkrieg ist zu klären. Die schlimmsten Massaker der Armee fallen in die Zeit des bis 1985 amtierenden, inzwischen verstorbenen Präsidenten Fernando Belaúnde. Dessen Nachfolger Alan García, der im Jahre 2006 abermals Präsident werden möchte, wird sich unter anderem Fragen über die Ermordung von 280 gefangenen Senderistas in der Strafanstalt San Juan de Lurigancho im Jahre 1987 gefallen lassen müssen. Und im Falle des nach Japan geflohenen Ex-Diktators Alberto Fujimori wird ohnehin schon geprüft, ob dieser an der Vorbereitung und Planung zahlreicher Verbrechen von Geheimdienst und Armee direkt beteiligt war.
Schwierig wird es einen Versöhnungsprozess in Gang zu setzen. Sofía Macher deutet an, dass sich die Armee bei der Bevölkerung entschuldigen wird. Die im Gefängnis sitzenden ehemaligen Führungskader Sendero Luminosos sind dazu offenbar ebenfalls bereit. Aber wird eine solche Entschuldigung auch von der betroffenen Bevölkerung akzeptiert? José Coronel, Chef des Büros Ayacucho, hat seine Zweifel: „Die Dorfbewohner haben den Ex-Senderistas bereits weitgehend verziehen. Sie haben ihre Strafen erhalten. Eine Versöhnung mit der Armee, der Polizei oder noch aktiven Senderistas ist dagegen ein äußerst langsamer Prozess.“ Die meisten Opfer denken allerdings an eine ganz andere Art der Wiedergutmachung. Sie fordern Geld, Stipendien für ihre Kinder oder den Bau von Straßen für ihre Region. Das aber kann der peruanische Staat kaum leisten. Die Vermittlung in diesem Konflikt wird möglicherweise die letzte Aufgabe der Wahrheitskommission.

Text und Fotos: Rolf Schröder

Permanentlink zu diesem Beitrag: https://lateinamerika-nachrichten.de/artikel/endlich-gerechtigkeit-in-peru/