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Erst verdrängt und dann vergessen

Am zweiten November 2001, dem Tag der Toten, besuchte Gloria Guzmán nicht wie viele andere SalvadorianerInnen den Friedhof. Sie ging stattdessen in den Cuscatlán-Park im Zentrum von San Salvador. Der Park war fast leer. An einer kleinen Säule legte sie einige Blumen nieder. Der Tradition nach schmückt man in Mexiko und Zentralamerika an diesem Tag die Gräber der verstorbenen Familienangehörigen mit Blumen. Doch Glorias Familie liegt nicht in dem Park begraben.
Vor dem Krieg waren die Guzmáns in vieler Hinsicht eine Durchschnittsfamilie der salvadorianischen Mittelschicht. Als gläubige KatholikInnen identifizierten sie sich mit dem fortschrittlciehen Teil Kirche, der sich gegen die Militärdiktatur und gegen die furchtbare Armut in den ländlichen Gebieten stellte.
Als sich der soziale Konflikt zuspitzte, sympathisierten die Guzmáns mit der revolutionären Bewegung und unterstützten die Guerilla. Im Jahr 1982 stürmten Vertreter der Nationalpolizei zusammen mit dem Militär den Wohnsitz der Guzmáns verhafteten Glorias Eltern Juan Antonio und Otilia. Einige Tage zuvor war bereits ihr älterer Bruder Fernando festgenommen worden. Und an dem selben Tag, an dem die Eltern verschwanden, wurden zwei weitere Geschwister von Gloria in einem anderen Teil der Hauptstadt ermordet.
Gloria, damals gerade 17 Jahre alt, war in der Schule, als das Militär in das Haus ihrer Eltern eindrang. Sie und ihre ältere Schwester waren die Einzigen der Familie, die übrig blieben. Mit Hilfe von FreundInnen und dem Rechtshilfebüro des Erzbistums San Salvador erstatteten sie Anzeige beim Gerichtshof. Von Seiten des Staates gab es keinerlei Reaktion. Das Verfahren verlief im Sand, genau wie die Mehrzahl der Fälle, die in dieser Zeit von Menschenrechtsorganisationen angezeigt wurden.
Heute ist Gloria 36 Jahre alt, ausgebildete Pädagogin und arbeitet für die Frauenorganisation Las Dignas. Genau an jener Stelle im Park, wo sie ihren Blumenstrauß niederlegte, planen Gloria und eine Gruppe von MenschenrechtsaktivistInnen, für die zivilen Opfer des bewaffneten Konfliktes in El Salvador ein Denkmal zu errichten. An einer fast hundert Meter langen Mauer sollen einmal Gedenktafeln aus schwarzem Granit die Namen von 30.000 Menschen festhalten, die während der Jahre des Konflikts ermordet wurden oder verschwanden, unter ihnen auch Glorias Familie.

Ein Denkmal für die Opfer des Krieges
Das Projekt existiert bereits seit mehr als vier Jahren, doch bisher wurde lediglich ein kleiner Obelisk aufgestellt, der den Ort für das zukünftige Denkmal anzeigt. Die Steine, die Gloria und ihren Kolleginnen in den Weg gelegt werden, machen nur allzu deutlich, dass in El Salvador die Vergangenheit noch immer verdrängt wird.
Zehn Jahre nach dem Friedensabkommen scheint der salvadorianische Krieg in einen Mantel des Schweigens gehüllt zu sein. Die Verbrechen, die einst die internationale öffentliche Meinung bewegten, wie 1980 die Ermordung des Erzbischofs von San Salvador, Oscar Arnulfo Romero, und 1989 die Ermordung der Jesuiten-Priester der Zentralamerikanischen Universität UCA, finden heute nur noch wenig Beachtung. Es gibt weder große öffentliche Debatten zu diesen Themen, noch Demonstrationen auf den Straßen, um Gerechtigkeit zu fordern.
Als ein Ergebnis der Verhandlungen zwischen der FMLN-Guerilla und der Regierung, wurde von den Vereinten Nationen eine Wahrheitskommission eingerichtet. Sie sollte die schweren Gewalttaten seit 1980 untersuchen und an die Öffentlichkeit bringen. Auch Gloria Guzmán erstattete Anzeige über das, was mit ihrer Familie geschehen war.
Die Wahrheitskommission veröffentlichte einen Bericht, in dem erstmals Tatbestände über einige der Verbrechen bekannt gemacht wurden. Obwohl Gloria den Verdienst der Kommission hoch achtet, war sie doch enttäuscht. „Ich hatte etwas mehr erhofft, als bloß die Namen meiner Familienangehörigen auf einer Liste zu sehen.“
Die zentrale Empfehlung der Wahrheitskommission, nämlich die Verantwortlichen von Menschenrechtsverletzungen vor Gericht zu stellen, wurde nur fünf Tage nach Veröffentlichung des Berichts durch das Parlament unterbunden. Das so genannte Gesetz der “Generalamnestie für die Konsolidierung des Friedens” ebnete den Weg für die weitreichendste Amnestie, die je in Lateinamerika erlassen wurde. Die Sätze „borrón y cuenta nueva“ (Schwamm drüber!) und „ perdón y olvido“ (Verzeihen und Vergessen) fassen die Regierungspolitik seit Erscheinen des Berichtes der Wahrheitskommission zusammen.
Das Amnestiegesetz begünstigte nicht nur das Militär, sondern auch die FMLN. Im Bericht der Wahrheitskommission wurden einige ihrer prominenten Mitglieder im Zusammenhang mit Menschenrechtsverletzungen genannt. Das erklärt, warum der Widerstand der ehemaligen Guerilla gegenüber der Regierungspolitik im ersten Moment eher zurückhaltend war. Sie unterstützten das Amnestiegesetz zwar nicht, aber widersetzten sich ihm aber auch nicht aktiv.
Der Sieg der FMLN 1997 bei den Bürgermeisterwahlen in San Salvador war eine wichtige Voraussetzung für den Bau eines Denkmals. Bis dahin war es undenkbar gewesen, dass sich der Staat eines derartigen Projektes angenommen hätte; trotz der dringenden Empfehlung durch die Wahrheitskommission. Gloria begann also, sich mit den Familienangehörigen anderer Opfer zu treffen und Gespräche zu führen. Aus diesen ersten Annäherungen entstand 1997 das Kommitee Pro-Monumento. „Von Anfang an gab es Lager mit sehr unterschiedlichen Standpunkten dazu, wie dieses Denkmal beschaffen sein müsste“ berichtet Gloria. Diskutiert wurde vor allem, welche Namen darauf erscheinen sollten. „Einige vertraten die Meinung, dass das Monument den zivilen Opfern, die während des Krieges ermordet wurden oder verschwanden und den toten Guerilleros der FMLN gewidmet sein sollte. Andere stimmten dafür, dass alle darauf vertreten sein müssten, die im Krieg starben oder verschwanden: ZivilistInnen, und kämpfende Soldaten. Es folgte eine komplexe Diskussion. Für mich war von Anfang an inakzeptabel, dass Opfer und Täter ohne Unterscheidung nebeneinander aufgeführt würden. Wenn man alle Toten zusammenfasste, wäre etwa Domingo Monterrosa, der oberste Befehlshaber derjenigen Militäroperation, die in dem Massaker von El Mozote endete, an dem selben historischen Ort verewigt, wie hunderte seiner Opfer. Das wäre in meinen Augen nichts anderes, als ein grausamer Hohn gegenüber den Opfern und ihren Familien.
Letztendlich setzte sich jenes Auswahlkriterium durch, das auch von den Menschenrechtsorganisationen angestrebt wurde. Das Denkmal soll all jenen Opfern gewidmet werden, die aufgrund von Verbrechen starben oder verschwanden, und nicht denen, die in militärischen Auseinandersetzungen bewaffneter Einheiten ums Leben kamen.“
Die Diskussion über das Konzept des Denkmals dauerte mehrere Monate. Verzögert wurde das Projekt allerdings vor allem durch die bis heute fehlende nationale Zusammenarbeit. 1998 erhielt das Kommitee endlich die Zusage, das Denkmal im größten öffentlichen Park im Zentrum von San Salvador zu errichten. Trotzdem hat die Bezirksverwaltung den Bau seitdem immer wieder hinausgeschoben. Auch das Fehlen von Geldern erschwert die Arbeit des Komitees. Ein Großteil, der bisher zugesagten finanziellen Mittel kommt aus dem Ausland.
Obwohl die Einweihung des Denkmals ursprünglich für den 16. Januar 2002, also den zehnten Jahrestag des Friedensabkommens geplant war, wird der Bau voraussichtlich noch ein weiteres Jahr in Anspruch nehmen. Als Vorbereitung des Denkmals erstellte das Kommitee eine Liste mit den Namen aller Opfer. Die Statistiken über die Menschenrechtsverletzungen während des salvadorianischen Konflikts sind eindrucksvoll. In diesem kleinen Land mit seinen annähernd sechs Millionen EinwohnerInnen gibt es mehr Verschwundene, als in jedem anderen Land Lateinamerikas. Das Kommitee Pro-Monumento hat die Daten von 10.474 Menschen gesammelt, die Opfer des gewaltsamen Verschwindenlassens wurden, mehr als 500 davon sind Kinder unter zwölf Jahren.
Trotzdem ist in El Salvador die Problematik der Verschwundenen in Politik und Öffentlichkeit bedeutend weniger präsent als besipielsweise in Guatemala oder Argentinien. Laut Gloria Guzmán resultiert dieser Zustand einerseits aus einer Regierungspolitik der permanenten Verleugnung und andererseits aus der mangelnden Bereitschaft der FMLN, das Thema in ihre politische Agenda aufzunehmen. Ein weiterer Faktor, den Gloria hervorhebt, ist die „Verschwörung des Vergessens“ der Medien. Die Menschenrechtsverletzungen während des Bürgerkriegs sind für die salvadorianische Presse noch immer ein Tabuthema.
Wesentlich ist für Gloria, dass durch das Denkmal begangenes Unrecht und das Entsetzen darüber dauerhaft zum Ausdruck gebracht werden. Ihrer Ansicht nach existiert in El Salvador selbst in einigen Teilen der Linken ein fragwürdiges Verständnis von Versöhnung. „Was in diesem Land passiert ist, wird vereinfacht und entstellt, um so zu bestätigen, dass man jetzt alles überwunden hat. Doch so ist es nicht. Viele Menschen haben tiefe Wunden, die es zu heilen gilt. Unser Mahnmal soll dazu beitragen, dass endlich die Familienangehörigen der Opfer gehört werden: die Stimmen gegen die Straflosigkeit, gegen das Vergessen; die Stimmen für Gerechtigkeit, für Wahrheit und für die Aufklärung über das Verbleiben der Verschwundenen“.

Die Suche nach den verschwundenen Kindern
Pro-Busqueda ist eine weitere Initiative, die auf dem Gebiet der Menschenrechtsproblematik in El Salvador arbeitet. Diese Organisation wird von dem Jesuiten Jon Cortina geleitet und sucht die während des bewaffneten Konfliktes verschwundenen Kinder. Pro-Busqueda schaffte es bislang, 200 verschwundene Kinder, heute Jugendliche, ausfindig zu machen und mit ihren Familien zusammenzuführen. Auch Pater Cortina beklagt sich über den Unwillen der Regierung diese Arbeit gegen die Straflosigkeit zu unterstützen. Und noch schlimmer: er wirft der Regierung vor, alles zu tun, um mögliche Erfolge zu verhindern.
In einem kürzlich veröffentlichten Buch der Organisation wird deutlich, wie die Politik des Vergessens verhindert, den Verbleib vieler verschwundener Kinder aufzuklären. Ein Fall, an dem die Organisation arbeitet, ist der der Schwestern Ana Julia und Carmelina Ramírez Mejía. Arcadia, die Mutter der Mädchen, war zum Zeitpunkt des Massakers nicht im Dorf. Nur darum überlebte sie. Sofort begann sie ihre Töchter zu suchen, forschte viele Jahre lang in Kasernen und Waisenhäusern ohne Ergebnis. 1995 hörte sie von Pro-Busqueda kennen und seit damals haben professionelle Detektive die Suche übernommen. 1997 traute sich Arcadia mit Unterstützung durch die Organisation, Anzeige beim Gerichtshof zu erstatten. Nach zwei Jahren der Verzögerung gab das Gericht dem permanenten Drängen der Organisation nach und sandte eine offizielle Bitte um Information an die Armee. Der Verteidigungsminister antwortete, dass sich nicht feststellen ließe, ob das Elitebatallion Atlacatl überhaupt jemals in besagtem Dorf gewesen sei.
Pater Cortina bestätigt, dass die Weigerung der Armee, ihre Beteiligung an militärischen Einsätzen zuzugeben, einer institutionalisierten Methode folgt. Auch die Fälle der verschwundenen Kinder aus den Departments von Chalatenango und San Vicente, die die Eltern vor Gericht gebracht hatten, wurden immer mit der gleichen Antwort abgefertigt. Letztendlich stellte das Gericht das Verfahren um Ana Julia und Carmelina mit der Begründung ein, alle juristischen Maßnahmen ausgeschöpft zu haben.
Pro-Busqueda bemühte sich eine nationale Suchkommission ins Leben zu rufen, die mit verschiedenen Regierungsinstitutionen, unter anderem auch dem Militär, zusammenarbeiten sollte. Und obwohl sich der Auftrag dieser Kommission ausschließlich darauf beschränkt hätte, die Jugendlichen aufzufinden und mit ihren Familien zusammenzuführen, wurde die Initiative vom Parlament abgelehnt. „Die Regierung hat Angst davor, dass jemand die Schrecken der Vergangenheit aufdecken könnte. Die wissen genau, was sie getan haben. Darum wollen sie die Vergangenheit lieber in einem Grab des Schweigens verschwinden lassen“ kommentierte Cortina.
Als kürzlich die Fälle der Jesuiten-Priester vom Gericht wieder aufgenommen wurden, bezeichnete Präsident Francisco Flores das Amnestiegesetz als den „Eckstein für den Frieden des Landes“. Er sieht in dem Gesetz die Grundlage zur Versöhnung zwischen den verschiedenen gesellschaftlichen Sektoren, die in den Bürgerkrieg verwickelt waren. Eine Aufhebung des Gesetzes zöge schwer wiegende Konsequenzen nach sich. „Wenn man jetzt ein Mittel schafft um Rache zu üben, wird in El Salvador ein neuer Krieg ausbrechen.“
Für Cortina gleicht die Definition des Präsidenten von nationaler Versöhnung einer „Büchse der Pandora: solange sie geschlossen bleibt, ist sie sehr nützlich, um oben drauf zu sitzen. Aber wehe dem, der sie öffnet und hineinsieht.“ Als logischer Schluss aus dem Gedankengang des Präsidenten Flores folgt, dass die Straflosigkeit den Frieden garantiert, und die Justiz ein Rachewerkzeug bildet. „Für die Mächtigen führt Gerechtigkeit zum Krieg, und Versöhnung bedeutet alles zu vergessen.“ erklärt der Pater, „Ich glaube, es läuft genau andersrum.“

Ausgeblendete Vergangenheit
Die unzureichende historische Aufarbeitung und das Ausblenden der Vergangenheit in den Medien, haben dazu beigetragen, dass in El Salvador zwei sich grundlegend widersprechende Geschichtsversionen nebeneinander existieren. Als Folge der systematischen Fehlinformation während des Krieges wissen viele SalvadorianerInnen kaum mehr, als sie selber erlebt haben. Die Zeitungen stellten das Militär für gewöhnlich als Friedenstruppe und als Garanten der Sicherheit dar. Die FMLN dagegen wurde entstellt als marxistischer Mob, als Ansammlung von Terroristen und Feinden des Vaterlandes.
Die Fehlinformation ging so weit, dass in den Achtzigerjahren beispielsweise über das Massaker von El Mozote nur in einem einzigen Artikel geschrieben wurde. Andererseits wurde das Massaker der Zona Rosa, ein Attentat der FMLN, bei dem vier US-Marines und neun ZivilistInnen ums Leben kamen, in mehr als 200 Nachrichten erwähnt. In ihrem Bericht analysierte die Wahrheitskommission, dass sich die salvadorianische Presse in die Strategien der Kriegsberichterstattung einfügte. Als Wahrheit übernahm sie ausschließlich die Informationen des Militärs. Andere Informationen wurden als Gerüchte abgestempelt.
Nach dem Krieg verbesserte sich die Berichterstattung nur geringfügig. Die JournalistInnen ignorierten die an sie gerichtete Kritik der Wahrheitskommission. Statt sich mit ihrer eigenen Rolle auseinanderzusetzen, diffamierten sie den Bericht.

Ort zur Aufklärung und Erinnerung
Gloria erhofft sich von dem Denkmal, dass es für zukünftige Generationen einen Raum zur Beschäftigung mit der Vergangenheit schafft. Sie meint, dass „die Jugendlichen grundsätzlich an der Vergangenheit des Landes interessiert sind. Aber es existieren kaum Möglichkeiten, etwas darüber in Erfahrung zu bringen. Die junge Generation lehnt die vereinfachte Version unserer Geschichte ab und zeigt Neugier an den Erlebnissen derer, die direkt in den Krieg verwickelt waren.“
Gloria hofft, dass diese Bewegung mit der Zeit in der Lage sein wird, der öffentlichen Politik entgegenzuwirken. Aber vor allem will sie einen Ort schaffen, der an ihre Familienangehörigen erinnert. „Ich kann und will nicht vergessen. Ich will die Erinnerung an meine Familie aufrecht erhalten. In diesem Monument werden meine Eltern, meine Geschwister verewigt sein. Ich werde einen Ort haben, an dem ich sie treffen kann, einen Ort, der ihrer würdig ist. Das ist sehr wichtig für mich!“

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