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Falsche Versprechen

Señora Flores sitzt in einem Bretterverschlag. Es ist ihre Küche. Die Wände bestehen aus gesammeltem und provisorisch vernageltem Sperrholz. Eine schwarze Plastikfolie schützt als Dach vor den heftigen Niederschlägen der andinen Regenzeit zwischen Oktober und März. Der Erdofen schwängert die Luft mit dichtem Rauch, der beim Atmen im Hals kratzt. Seine Wärme lässt jedoch für den Moment die feuchte Kälte außerhalb der Küche vergessen.
„Früher gab es hier mal Bäche und Flüsse. Heute aber haben wir keinen Tropfen Wasser mehr. Im August zieht der Staub von der Straße zu uns herüber und legt sich auf alles, auch auf das Essen. Der Straßenschmutz hängt dann wie Nebel in der Luft. Wir haben kein Wasser und die Leute von der Mine füllen es einfach in ihre Tanklaster und streuen es auf die Straße. Das ärgert uns schon sehr“, erzählt Señora Flores, auf dem Lehmboden ihrer Küche sitzend.
Ihr Mann ergänzt verbittert: „Wir leben hier im Zentrum der Mine und haben nichts davon. Sie haben uns keine Entwicklung gebracht, dafür haben wir kein Wasser mehr und auch keine Arbeit. Das einzige was wir von der Bergbaugesellschaft haben, ist Verschmutzung, welche unsere Kinder und Tiere krank macht. Das Fehlen des Wassers ist die Schuld von Yanacocha. Entweder vergiften sie uns das Wasser mit ihren Chemikalien, oder sie leiten es ab, um es für den Bergbau zu verwenden.“
Señora Flores lebt mit ihrem Mann und ihren acht Kindern in der kleinen Bauerngemeinschaft La Pajuela in der nordperuanischen Bergregion von Cajamarca. Von den ehemals mehr als 300 DorfbewohnerInnen wohnen nur noch 70 in La Pajuela. Der Rest hielt es ohne Wasser und Strom nicht mehr aus. Sie sind entweder in die Stadt gezogen oder haben sich mit der geringen Abfindung für ihr Land woanders ein viel kleineres Grundstück gekauft. Nachdem auch ihre Schule zerstört und keine neue errichtet wurde, wollten viele Bäuerinnen und Bauern ihren Kindern den vierstündigen Weg zur nächsten Schule nicht zumuten. Sie waren froh, dass ihre Kinder dem Analphabetismus entkommen waren.
Familie Flores hatte auf Arbeit und damit auf die Möglichkeit gehofft, der Armut entfliehen zu können. Versprochen wurde den Bäuerinnen und Bauern von La Pajuela viel: Arbeit, Geld und ein besseres Leben, wenn sie nur ihr Land verkaufen würden. Mit brüchiger Stimme schildert Señora Flores die Ereignisse: „Sie versprachen meinem Mann Arbeit und sagten, er brauche sich keine Sorgen mehr machen. Wir verkauften ihnen einen Großteil unseres Landes, aber nach nur zwei Monaten haben sie ihn wieder entlassen. Von dem Geld konnten wir nicht lange leben.“
Die Armut von Familie Flores kann nur als paradox bezeichnet werden. Denn Yanacocha, hinter dem als Mehrheitseigner die US-amerikanische Newmont Mining Corporation und mit fünf Prozent Anteil auch die Weltbank stecken, ist die größte Goldmine Lateinamerikas. Das Dorf La Pajuela sitzt auf unermesslichen Reichtümern, die fein verteilt im Boden lagern.
La Pajuela ist nur eines von vielen Beispielen verfehlter lokaler Entwicklung durch den Bergbau in Peru. Dennoch werden die BefürworterInnen der Rohstoffausbeutung, die sich hauptsächlich unter den politischen und ökonomischen Eliten des Landes finden, nicht müde ihr Mantra vom Entwicklungspotenzial dieses Wirtschaftssektors zu wiederholen. Der politische Zentralismus Perus führt dazu, dass die Entscheidungen über die Bergbaukonzessionen in Lima getroffen werden, ohne das die betroffenen regionalen und lokalen Institutionen ein Mitspracherecht hätten. Das führt oft dazu, dass die lokale Bevölkerung erst von den geplanten Bergbauaktivitäten erfährt, wenn die Raupen und Bagger der Minenunternehmen anfangen die Erde umzugraben.
In Lima wird ausschließlich der makroökonomische Wert des Bergbaus gesehen. Die sozialen und ökologischen Auswirkungen in den Regionen werden ignoriert. Und das obwohl es in 16 der 24 peruanischen Regionen soziale Konflikte im Zusammenhang mit dem Bergbau gibt. Allein in Cajamarca ist der Bergbau für mehr als die Hälfte der sozialen Konflikte verantwortlich. Die Häufigkeit der mit dem Bergbau in Verbindung stehenden Auseinandersetzungen wundert nicht, wenn man bedenkt, dass 41 Prozent der Fläche Cajamarcas (einer Region so groß wie Nordrhein-Westfalen) für den Bergbau konzessioniert sind. In ganz Peru sind es 15 Prozent der Fläche, welche an Bergbauunternehmen verkauft bzw. verpachtet wurden. Das entspricht etwas mehr als der Hälfte der Fläche der Bundesrepublik. Die peruanische Regierung betreibt einen beispiellosen Ausverkauf des Landes. Um diese ökonomischen Prozesse kritisch zu hinterfragen, bedarf es einer organisierten politischen Gegenbewegung aus der Zivilgesellschaft.
Cajamarca verfügt durchaus über eine starke bergbaukritische soziale Bewegung, allerdings ist diese auch intern stark fragmentiert und teilweise tief zerstritten. Die politische Bandbreite reicht von anarchistischen Gruppen, über kirchliche VertreterInnen bis hin zu den eher konservativen traditionellen Eliten. Auch die traditionelle Kluft zwischen Stadt und Land in Peru schwächt den Zusammenhalt. Der mögliche soziopolitische Widerstand gegen die Methoden der Minenunternehmen und gegen die aufgezwungenen Bergbaukonzessionen in der Region ist daher nur schwach ausgeprägt.
Die von lokalen Nichtregierungsorganisationen (NRO) und von großen Teilen der Bevölkerung Cajamarcas vorgebrachten Kritikpunkte am Bergbau sind vielfältig. Umweltschutzgruppen warnen vor einem erheblichen negativen Einfluss des Bergbaus auf die regionale Wasserquantität und -qualität. Ein großes Fischsterben und die Verödung der Ökosysteme in den Flüssen in unmittelbarer Nähe der Mine führen Umweltorganisationen auf das beim Abbau von Gold eingesetzte hochgiftige Zyanid und die bei der Exploration freigesetzten metallischen Nebenprodukte zurück. In der landwirtschaftlich geprägten Region Cajamarca führt der intensive Wasserverbrauch im Tagebau zu einer Konkurrenz zwischen der Mine und den Bäuerinnen und Bauern um die regionalen Wasserresourcen. Die Land- und Viehwirtschaft ist die eigentliche traditionelle ökonomische Basis der Region. Sie wird durch den Bergbau einer tiefgreifenden negativen Transformation ausgesetzt.
Der Wandlungsprozess betrifft nicht nur den ländlichen Raum. Die Veränderung der städtischen Sozialstruktur, die mit dem Bergbau eingesetzt hat, erzeugt auch erhebliche Kritik bei der Stadtbevölkerung. Die Einwohnerzahl der Stadt wuchs auf das Doppelte. Eine steigende Kriminalitätsrate und sich verbreitende Prostitution werden von der Bevölkerung als eine Gefährdung der öffentlichen Ordnung empfunden. Da nur eine kleine Bevölkerungsschicht von der Arbeit in der Mine profitiert, sieht der Großteil der städtischen Bevölkerung die steigenden Mieten und Lebensmittelpreise als Bedrohung ihres Lebensstandards an. Selbst bergbaufreundliche Akteure, wie der Bürgermeister von Cajamarca, konstatieren die fehlende Anpassung der regionalen Wirtschafts- und Infrastruktur an die Ausmaße des Bergbaus sowie eine mangelnde soziale und ökonomische Entwicklung in der Region.
Der sozialen Bewegung in Cajamarca gelang es allerdings 2004 erstmals eine breite Mobilisierung der Zivilgesellschaft zu organisieren. Bis dahin konzentrierte sich der Widerstand hauptsächlich im ländlichen Raum. Das änderte sich, als klar wurde, dass Yanacocha die Erkundungsarbeiten auf den Berg Quilish ausweiten wollte. Verschiedene lokale NRO wiesen entgegen der Darstellung des Bergbauunternehmens nach, dass die Abbaumethoden von Gold, Silber und Quecksilber in der Mine erheblichen negativen Einfluss auf die regionale Wasserversorgung haben. Der Quilish entwickelte sich daraufhin zu einem Symbol des Widerstands. Der Berg ist nicht nur eine der letzten Wasserquellen für die Versorgung der Stadt Cajamarca mit Trink- und Betriebswasser. Er hat als heiliger Berg (apu) auch eine spirituelle und kulturelle Bedeutung für die ländliche Bevölkerung.
Wochenlange Blockaden der Zufahrtsstraßen im September 2004 brachten dem Unternehmen hohe finanzielle Verluste ein. Die damaligen Massenproteste der cajamarquinischen Bevölkerung haben auch beim Unternehmen Eindruck hinterlassen. Obwohl Yanacocha weiterhin über die Explorationsrechte für den Quilish verfügt, machte das Unternehmen mehrere Jahre keinen Gebrauch davon.
Nach dem verlorenen Kampf um den Quilish änderte Yanacocha jedoch seine Öffentlichkeitsstrategie. Dem Unternehmen schien klar geworden zu sein, dass es seine hegemoniale Position in der Region nicht allein auf Machtpolitik stützen kann, sondern auch auf Konsens angewiesen ist. In der Folge der Auseinandersetzung um den Quilish stellte Yanacocha SozialwissenschaftlerInnen ein, welche das scheinbare soziale und ökologische Verantwortungsbewusstsein des Unternehmens mit regelmäßig veröffentlichten wissenschaftlichen Studien belegen sollen. Zudem initiierte es einen sogenannten „Solidaritätsfond“ aus dem Kulturveranstaltungen, Sozial- und Bildungsprogramme finanziert werden. Yanacocha bemüht sich darum als verantwortungsbewusstes Unternehmen wahrgenommen zu werden.
Auf der anderen Seite begann Yanacocha, basierend auf einer Studie der Lobby transnationaler Bergbauunternehmen in Peru, einen zivilen Sicherheitsgürtel um die Mine zu installieren. „Um schneller und rentabler arbeiten zu können, begann Yanacocha direkten Einfluss auf die ländlichen Gemeinden auszuüben. Einige BauernführerInnen wurden finanziell oder materiell begünstigt, andere erhielten nichts oder wurden noch größerem repressiven Druck ausgesetzt. Das führte zu einer Spaltung der sozialen Bewegung auf dem Land“, erläutert Pablo Sanchez von der regionalen NRO GRUFIDES die neue Strategie. Die Folgen sind immer häufiger ausgetragene StellvertreterInnenkonflikte innerhalb oder zwischen Bauerngemeinden, die pro und contra Mine eingestellt sind.
Mittlerweile ist auch der Quilish wieder in den Fokus des Interesses von Yanacocha gerückt. Denn der Goldpreis hat auf dem Weltmarkt neue Rekordhöhen erreicht. Zwischen 2004 und 2010 stieg der Wert der Feinunze Gold (rund 31,1g) von 380 auf aktuell 1.160 US-Dollar an. Bei geschätzten 4,2 Millionen Unzen Gold, die im Quilish lagern, wäre die Ausbeutung des Berges ein äußerst lukratives Geschäft. NRO befürchten unterdessen, dass eine ähnlich starke Mobilisierung zur Rettung des Quilish wie 2004 kaum noch möglich ist. Die Stimmung in der Bevölkerung hat sich geändert, da sich die neue Öffentlichkeitsstrategie des Unternehmens scheinbar positiv auf die öffentliche Meinung über die Mine ausgewirkt hat.
Von der propagierten neuen Verantwortung Yanacochas ist in La Pajuela unterdessen nichts zu spüren. Die Wasserversorgung der Gemeinde ist weiterhin katastrophal. Von den beiden Flüssen, welche vor den Minenaktivitäten durch La Pajuela flossen, sind nur noch ein sechs Meter tiefer und trockener Graben sowie die zäh fließende gelbliche Brühe des Quebrada Cushuro übrig. Dem ersteren hat Yanacocha mit zwei künstlichen Kanälen das Wasser buchstäblich abgegraben. Das Wasser des zweiten kommt, wie auch die Kanäle, direkt aus einem der Minen-PADs. PADs sind aufgeschüttete Geröllpyramiden durch welche das mit Zyanid versetzte Wasser gespült wird, um die Edelmetalle aus dem Gestein zu lösen. Ende 2009 von GRUFIDES durchgeführte Wasseranalysen bestätigten, dass das Wasser des Cushuro hochgradig mit giftigen Schwermetallen kontaminiert ist. Den Menschen in La Pajuela bleibt nichts anderes übrig als ihr Wasser in der Stadt Cajamarca teuer zu kaufen oder Stunden bis zur nächsten Wasserquelle zu laufen. Allerdings häufen sich Todesfälle bei den Tieren der Bäuerinnen und Bauern, die außer den künstlichen Kanälen des Unternehmens oder dem vergifteten Fluss keine anderen Wasserquellen haben. Da das Unternehmen bei eigens durchgeführten Proben keine Kontamination feststellen konnte, rät es den Bäuerinnen und Bauern weder davon ab das Wasser zu konsumieren, geschweige denn fühlt es sich dafür verantwortlich alternative Wasserquellen zur Verfügung zu stellen.
Neben der erwähnten „logistischen“ Repression setzt Yanacocha die Bäuerinnen und Bauern in La Pajuela auch psychologisch unter Druck. Mit Foto- oder Filmkameras werden die Menschen der Bauerngemeinde und ihre BesucherInnen ständig von den privaten Sicherheitsfirmen des Unternehmens oder von der staatlichen Polizei überwacht. Der peruanische Rechtswissenschaftler Gino Costa bestätigt in einer Studie von 2009, dass neben den drei privaten Sicherheitsdiensten auch eine Spezialeinheit der peruanischen Polizei (DINOES) ständig im Minengelände stationiert ist. Die Beamten haben ein Abkommen mit dem Unternehmen und erhalten von Yanacocha einen finanziellen Sonderbonus für ihre Arbeit in der Mine, während der Staat das Grundgehalt zahlt.
Diese Arbeitsteilung der staatlichen Sicherheitskräfte mit Yanacocha wird selbst von politischer Seite skeptisch betrachtet. Alejandro Galvez, der Unternehmensbeauftrage der Stadt Cajamarca, kritisiert: „Wir haben keine Befugnis. In anderen Ländern zum Beispiel untersteht die Polizei der lokalen Regierung, hier jedoch nicht. Das führt dazu, dass es in der Stadt Überfälle gibt, während die Polizei in der Mine arbeitet. Das wäre in Ordnung, wenn wir genug Beamte in der Stadt hätten, um die Sicherheit zu garantieren, aber nicht wenn aufgrund einiger Machenschaften der Polizei die Sicherheitsbedürfnisse der Stadt vernachlässigt werden.“
Zudem ist erwiesen, dass es durch die Spezialeinheit DINOES zu physischer Repression (bis hin zu Folter und Mord) gegenüber Minengegnern kam. Diese Erfahrung mussten im Februar 2010 auch zwei Bauern aus La Pajuela machen, als sie von einem Kommando dieser Spezialeinheit brutal zusammengeschlagen wurden. Der Anlass war ein von einem Minentransporter überfahrener Schäferhund der Bauern, für den sie bei Yanacocha um Entschädigung angefragt hatten. Zum vereinbarten Treffen kamen nicht nur VertreterInnen des Unternehmens, sondern auch die in der Mine stationierten Polizisten der DINOES-Einheit, welche sofort auf die Bauern einprügelten.
Nachdem dieser Vorfall durch lokale Medienberichte in der Öffentlichkeit einige Aufmerksamkeit erregte, zeigte Yanacocha sein wahres soziales Verantwortungsbewusstsein. Die Firma bot den Bauern die erhoffte Entschädigung an, allerdings nur unter der Bedingung, dass die Bauern die Anzeige gegen die Polizisten zurückziehen und sich nicht mehr in der Öffentlichkeit über den Vorfall äußern.
Jesús Castrejón García, Sekretär der basisdemokratisch organisierten Generalversammlung von La Pajuela, fasst die Forderungen der Bauern zusammen: „Wir wollen keine Geschenke von Yanacocha. Hier leben Menschen, die Rechte haben. Das ist alles! Die Unternehmen und der Staat sollen unsere Rechte respektieren, denn wir sind auch Peruaner.“

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