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Fußballbrigadist in Nicaragua

Es ist ungewöhnlich, als Fußballtrainer ausgerechnet nach Nicaragua zu gehen, quasi in das einzige mittelamerikanische Land ohne Fußballtradition. Wann und wie wurde diese Idee geboren?

Ich hielt mich von Oktober 1997 bis Januar 1998 in Nicaragua auf. Dabei traf ich den Koordinator der Städtepartnerschaft Hamburg-León, Dr. Jürgen Steidinger. Wir fachsimpelten über Fußball, wobei er mir erzählte, daß vor Jahren schon einmal Überlegungen angestellt worden waren, zusammen mit dem FC St. Pauli ein Fußballprojekt in Nicaragua aufzuziehen. Die Sache schlief dann ein, bevor sie konkret wurde. Dennoch hielt er es für denkbar, daß im Rahmen der Sportförderung des Hamburger Senats ein neues Projekt Unterstützung erfahren könnte, wenn sich jemand fände, der die Sache in die Hand nähme. Da ich einige Ehrenamtliche der Leóner Fußballszene kennengelernt hatte, die alle einen sympathischen Eindruck machten, eben keine Abzocker – hatte ich Lust, die Sache zu forcieren. Einer zum Beispiel, Inhaber eines kleinen Vulkanisierbetriebs, finanziert mit dem wenigen was er verdient, Auswärtsfahrten oder Getränke. Mit ihm und ein paar anderen Verantwortlichen habe ich mich zusammengesetzt und über den Inhalt und die Form des anvisierten Projekts unterhalten. Es wurde klar, daß aus formalen Gründen eine juristische Person in Nicaragua vorhanden sein müßte, um in Deutschland mit dem Senat oder Vereinen Vereinbarungen abzuschließen. Diese erste Voraussetzung haben die Leóneser mit der Gründung des FC Deportivo León im Februar erfüllt. Die Vereinsfarben sind braun-weiß, also wie die des FC St. Pauli. Das liegt daran, daß der FC St. Pauli mir bereits im Februar zugesichert hat, daß er einen kompletten Satz, sprich 20 Trikots, Hosen und Stutzen in den Pauli-Farben mit Emblem stiften würde.

Deutsche Trainer sind im allgemeinen teuer. Wer kommt denn für das üppige Trainergehalt auf und wie sieht die Finanzierung des Projekts aus?

Ich bekomme überhaupt keinen Pfennig, nicht einmal Kostenerstattung. Für das Projekt insgesamt sind wir natürlich für jede finanzielle und materielle Unterstützung dankbar, ich selbst bin aber sozusagen Fußballbrigadist. Für das Projekt gibt es bisher eine Zusage des Hamburger Senats, der Gelder für Ausrüstungsgegenstände bewilligt hat, also für Bälle, Pendelbälle, ein paar Luftpumpen. Weiterhin wird das Projekt von der studentischen Nicaragua-Initiative der Uni Hamburg unterstützt. Von Juni bis Dezember 1998 finanzieren sie die Getränke und Mahlzeiten der A-Jugend, deren Training ich ab Juni übernehme.

Finanzierst du dich also selbst?

Also für den Anfang lebe ich von Ersparnissen. Und dann mal sehen, wie das Projekt anläuft. Bisher sind wir eigentlich überall auf offene Ohren gestoßen. Wir hoffen natürlich, daß dieses Interesse langfristig in ein dauerhaftes Spendenaufkommen mündet. In diesem Zusammenhang überlegen wir, im Herbst einen Förderverein zu gründen, um den Fußball in León voranzubringen. Dafür haben wir einige Ideen und sind auch mit einigen prominenten Fußballern im Gespräch. Daneben wollen wir den Hamburger Sportbund und den Deutschen Fußball Bund (DFB) ansprechen, der ohnehin bereits Projekte im Ausland unterhält. Vielleicht halten sie ja auch unser Projekt für förderungswürdig. Aber erstmal muß die Sache ins Rollen kommen und in der Öffentlichkeit bekannt werden. Dahingehend werden nun die ersten Schritte unternommen: Erstmal die Berichte hier in den LN und dann wird am 3. Juni beim Heimspiel des FC St. Pauli gegen den SV Meppen in der offiziellen Stadionzeitung Pauli ein Artikel abgedruckt. Den Aufhänger bildete der Besuch einer Hamburger Jugendfeuerwehrgruppe im März 1998 in León, bei dem mehrere Löschzüge übergeben und ein Freundschaftsspiel gegen die Leóneser abgehalten wurde. Dabei fand auch die Übergabe der Pauli-Trikots samt Hosen und Stutzen statt.

Wie kam der Bezug zu Nicaragua zustande?

Das erste Mal war ich 1989 in Nicaragua, danach 1990 sechs Monate als Brigadist an der Atlantikküste, wo ich an der Elektrifizierung eines Ortes beteiligt war. Später habe ich meine Magisterarbeit über den nicaraguanischen Schriftsteller Omar Cabezas geschrieben und immer wieder kürzere Abstecher unternommen.

Nicaragua scheint als Sprungbrett für eine Trainerkarriere nicht unbedingt geeignet. Worin liegt die Motivation?

Nicaragua ist in erster Linie eine sportliche, aber auch eine generelle Herausforderung. In León ist Fußball bisher nicht so angesagt, und so gibt es Pionierarbeit zu leisten. Es gibt bisher nur einen kleinen Kern von Fußballbegeisterten. Zum Beispiel gibt es eine Stadtmeisterschaft mit regionalem Charakter. Dort spielen zehn Mannschaften mit. Eine stammt aus der Minenstadt El Limón, eine aus einer kleineren Stadt bei León und die restlichen acht kommen alle aus León. Zuschauer gibt’s dabei allerdings kaum. Baseball ist die Sportart Nummer eins in der Stadt. León stellt im Moment den Landesmeister und das öffentliche Interesse und die privaten Sponsoren konzentrieren sich darauf. Ich hoffe, daß sich die Gewichte in Zukunft in Richtung Fußball verschieben. Der Zeitpunkt des Projektbeginns während der Fußballweltmeisterschaft könnte dazu ebenso beitragen wie öffentlichkeitswirksame Aktionen, zum Beispiel einmal im Monat Torwandschießen auf dem Zócalo. Der Phantasie sind dabei keine Grenzen gesetzt und auch die Totenkopffahnen des FC St. Pauli eignen sich bestimmt gut, um öffentliche Aufmerksamkeit zu wecken.

Wie viele Jugendliche spielen in León denn überhaupt Fußball?

Im regulären Spielbetrieb nehmen in der A-Jugend 25 Spieler teil. Es gibt natürlich mehr, die bolzen, aber im Verein spielen nur 25. Die A-Jugend spielt bei der erwähnten Stadtmeisterschaft im Herrenbereich mit, da es eine eigenständige Jugendmeisterschaft mangels Teams nicht gibt. Langfristig wollen wir von der A-Jugend abwärts weitere Jugendteams aufbauen. Angedacht ist für die nächsten beiden Jahre zuerst ein B-Jugend-Team (14-16 Jahre) und dann ein C-Jugend-Team (12-14 Jahre). Die sollen von nicaraguanischen Trainern betreut werden, die entweder in Nicaragua selbst oder in Costa Rica ihre Ausbildung erhalten haben, die aus Deutschland finanziert werden soll. Ziel ist, daß in etwa fünf Jahren der Verein eine komplette Mannschaftsstruktur vorzuweisen hat, also mit allen Jugendmannschaften, um so für den Herrenbereich einen guten Unterbau zu gewährleisten. Bisher ist León nämlich nur in der dritten Liga und das soll sich ändern. Soweit der sportliche Ehrgeiz. Aber natürlich geht es vor allem um die soziale Komponente. Die Arbeitslosigkeit liegt bei 70 Prozent und das betrifft vor allem auch die Jugendlichen. Langfristig sollen die Spieler über den Fußball zumindest den Mindestlohn verdienen können, denn auch in Nicaragua hat die Professionalisierung des Fußballs schon eingesetzt. So zahlt der von einem italienischen Touristikunternehmen unterstützte Meisterklub aus Masachapa seinen Spielern bis zu 1.000 US-Dollar im Monat. Diese Ziele werden hier nicht verfolgt, aber der Mindestlohn wäre schon eine Perspektive.

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