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Geschäft ist Geschäft

In nur 21 Monaten wurden in der Nordregion des Caucatals mit seinen knapp 260.000 EinwohnerInnen mehr als 1000 Menschen ermordet. Der Terror von Auftragskillern, paramilitärischen Gruppen und Kriminellen im Dienste der Kartelle hat die Region zum Erstarren gebracht. „Nach fünf Uhr nachmittags werden viele Orte zu Geisterdörfern“, meint der ansässige Pfarrer Jaime Euse. Seine Abendmesse im Dorf La Unión habe er aufgeben müssen, da niemand mehr aus seinem Haus gehe. Die Angst fesselt die Menschen.
Was im Caucatal geschieht, ist das Begleichen von Rechnungen. Regionale Drogenchefs, die in der Vergangenheit gemeinsam ihre Kokaingeschäfte abgewickelt hatten, bekriegen sich nun bis aufs Messer, um sich ein größeres Stück des regionalen Drogenhandels unter den Nagel zu reißen. Jährlich werden laut Schätzungen der Polizei 200 Tonnen Kokain im Caucatal produziert, die einen Gewinn von 400 Millionen US-Dollar versprechen. Ein blutiges Kapitel mehr in der jüngeren Geschichte Kolumbiens, das seit drei Jahrzehnten unter den Folgen des Drogenhandels leidet. Wirtschaftlich, politisch und sozial.
Laut dem kolumbianischen Wirtschaftswissenschaftler Roberto Steiner erreichten die jährlichen Nettoeinnahmen aus dem Drogenhandel zur Jahrtausendwende im Land 2,5 Milliarden US-Dollar. Das entsprach knapp drei Prozent des Bruttoinlandproduktes. „Die Deviseneinnahmen aus dem Drogenhandel sind doppelt so hoch wie die Einnahmen aus dem Kaffeeanbau, dem wichtigsten Agrarprodukt Kolumbiens“, resümiert Steiner. Nach seinen Recherchen macht der illegale Drogenhandel inzwischen 20 Prozent der legal registrierten Exporte Kolumbiens aus.
Lange Zeit wurde angenommen, dass die Drogengelder einen positiven Effekt auf die kolumbianische Wirtschaft durch Re-Investitionen haben würden. Stattdessen finanzierten die Kartelle die Ausweitung und Absicherung ihres Geschäfts. Sie investierten ihr Vermögen etwa in Pharmageschäfte, um leichteren Zugang zu den Chemikalien für die Kokainproduktion zu haben. „Hinzu kommt, dass die Schaffung und Ausweitung von Freihandelsabkommen den Zugang zu den Absatzmärkten und zu den Rohstoffen für die Produktion erleichtert haben“, meint der Universitäts-Professor und Experte in Drogenproblematik Wilson Gonzalez. Kurze Booms in der Baubranche oder harte Devisen machen die Negativfolgen nicht wett, zu denen vor allem Investitionsangst und ein verzerrter Devisenmarkt gehören.

Zweifelhafte Drogenpolitik

Für Gonzalez stellt jedoch das größte Problem die Gewalt dar, die das illegale Geschäft mit sich gebracht hat. Der Drogenhandel der siebziger und achtziger Jahre habe zwar bereits einen illegalen Charakter besessen, sei jedoch erst durch die US-Drogenpolitik von extremer Gewalt überzeichnet worden. „Mit dem Beginn der Auslieferungsanträge an führende Köpfe der Kartelle durch die USA wurde nicht mehr nur von Drogenhandel geredet, sondern vom Drogenterrorismus“, so Gonzalez. Die Antidrogenpolitik wurde ab den achtziger Jahren von Washington geleitet und hat den kolumbianischen Staat auf einen zweifelhaften Krieg gegen die Drogenmafia eingeschworen, der bis heute anhält, aber kaum Wirkung zeigt. Die Millioneneinnahmen aus dem Drogengeschäft haben es den Kartellen erlaubt, den Staat bis in die höchsten Ämter zu korrumpieren, um sich so vor der Justiz zu schützen und um sich mit den Regierenden zu arrangieren.
Zu einem extremen strukturellen Wandel führten Drogengelder auf dem Land. Riesige Ländereien gingen in den letzten 15 Jahren durch Vertreibung oder Zwangsverkauf in die Hände von Drogenhändler über, um Gelder zu waschen oder um das Land zum Anbau von Koka zu erweitern. Bis zu elf Prozent des Ackerlandes sind laut Ökonom Ricardo Rocha mittlerweile in den Händen der Drogenhändler. Während man im Norden Kolumbiens von einer Gewaltherrschaft paramilitärischer Gruppen sprechen kann, kontrolliert besonders im Süden die Guerilla den Anbau von Koka. In deren Gebieten sind laut Schätzungen der UNO bis zu 200.000 Familien direkt oder indirekt in den Drogenanbau involviert, was knapp sieben Prozent der arbeitsfähigen Landbevölkerung entspricht.
Der Anbau normaler Agrargüter lohnt sich für die Bauern auf Grund niedriger Marktpreise kaum und verleitet sie zum besser bezahlten Kokaanbau. Für den Leiter des UN-Programms zur Nachfragereduzierung von Koka in Kolumbien, Carlos Carvajal, besteht das Problem des Drogenanbaus in Kolumbien vor allem in den fehlenden Anbaualternativen und nicht im Bewusstsein über die Folgen des Drogenanbaus und Konsums. „Obwohl mehr als 500.000 Menschen im Drogengeschäft tätig sind, ist deren Konsum gleich Null“, so Carvajal. Unter ihnen sei Geschäft eben Geschäft.

Legalize it?

Für Carlos Salgado von Planeta Paz, einer angesehenen sozial-politischen Organisation, hat sein Land deshalb kein Drogenproblem, sondern ein Drogenhandelsproblem. „Nicht die Armut hat in Kolumbien einen bewaffneten Konflikt ausgelöst, sondern die nie gelösten Landprobleme“, so Salgado. „Der Einfluss des Drogengeschäfts ist in hohem Maße mitverantwortlich dafür, dass in den letzten Jahrzehnten keine Reformen durchgeführt werden konnten.“ Für Salgado wäre deshalb die Legalisierung des Drogenanbaus die richtige Option. Sie hätte sehr positive und tiefgreifende Effekte: Den bewaffneten Gruppen würde ihre größte Finanzquelle versiegen, was zu einer wesentlichen Minderung des Konflikts mit seinen Folgen auf die Zivilgesellschaft führen würde. Statt einen Antidrogenkrieg zu finanzieren, könnten Millionen US-Dollar in eine Umstrukturierung des Landes investiert werden und die Korruption in der politischen Elite hätte längst nicht die aktuellen Ausmaße. Die Pflicht für eine verantwortungsvolle Legalisierung lege nach Ansicht Salgados allerdings in den Konsumländern, denn in Kolumbien gibt es für solch eine Politik kein Gehör. Rund 80 Prozent der Kolumbianer und Kolumbianerinnen sind laut Angaben der UNO trotz der bisherigen Folgen gegen eine Legalisierung des Drogenanbaus.

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