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„Gewerkschaften gibt es nur auf dem Papier“

Frau Peñaloza, Sie arbeiten seit vielen Jahren in der Produktion für die Elektronikindustrie. Welche Arbeitsbedingungen kritisieren Sie am meisten?
Peñaloza: Vor allem kritisieren wir die geringen Löhne. Umgerechnet verdiene ich 204 Euro im Monat für eine reguläre Arbeitszeit von täglich acht Stunden an sechs Tagen in der Woche. Einige Unternehmen zahlen sogar nur die Hälfte unseres Lohns, dabei reicht der schon hinten und vorne nicht. Besonders hart trifft es die alleinerziehenden Mütter unter uns. Die meisten von uns machen bis zu 24 Überstunden pro Woche, damit es für das Notwendigste reicht.

Welche Arbeitsbedingungen beklagen Sie neben der schlechten Bezahlung noch?
Peñaloza: Die Diskriminierung. Fast alle unsere Aufseher sind Männer. Wir werden sexuell belästigt, angeschrien und ähnliches. Und wenn wir uns beschweren, stellen sich die Vorgesetzten fast immer auf die Seite der Aufseher. Uns dagegen bleibt die Angst gefeuert zu werden. Ein weiterer Punkt ist, dass es häufig zu Arbeitsunfällen kommt, und die Unternehmen dafür keine Haftung übernehmen wollen.

Gibt es in den Fabriken der Elektronikindustrie denn keine Gewerkschaften, die sich für die Rechte der ArbeiterInnen einsetzen?
Delgado: Auf dem Papier schon. Aber es handelt sich um „weiße“ Gewerkschaften, die also die Interessen des Unternehmens vertreten. Die Unternehmen können wiederum darauf verweisen, alle Arbeitsbedingungen seien mit der Gewerkschaft so ausgehandelt. Und bei Problemen sollen sich die Arbeiter an die Gewerkschaften wenden, die dann natürlich aber nichts tun. Offiziell gehören auch alle Arbeiter eines Unternehmens der jeweiligen Gewerkschaft an. In der Regel wissen sie das aber nicht einmal, weil niemand sie darüber informiert und auch keine Beitragszahlung erhoben wird.

Das Zentrum für Reflektion und Arbeitsaktionen (CEREAL) hat in einer Studie festgestellt, dass 60 Prozent der IT-ArbeiterInnen Mexikos befristete Verträge haben, die dann immer wieder verlängert werden. Diese Praxis ist laut Gesetz eigentlich verboten in Mexiko. Warum können die Unternehmen das dann trotzdem machen?
Delgado: Wegen der systematischen Korruption seitens der Regierung, die kein Interesse daran hat, das Gesetz durchzusetzen. Die Arbeiter sind meist über Subunternehmen angestellt, ihre Verträge oftmals auf nur 28 Tage befristet. Das hat aus Sicht der Unternehmen viele Vorteile. Beispielsweise müssen sie keine Abfindung zahlen, wenn befristet angestellte Arbeiter entlassen werden oder ihre Verträge ausgelaufen sind. Laut Gesetz sind befristete Verträge jedoch nur erlaubt, wenn der Inhalt der Arbeit dies erfordert. Dies ist bei der Elektronikproduktion aber nicht der Fall. Viele Arbeiter wissen nicht, dass diese Praxis eigentlich verboten ist. Es gehört zu den Aufgaben von CEREAL, darüber aufzuklären.

Könnte dieses Recht denn nicht auf gerichtlichem Weg eingeklagt werden?
Delgado: Das ist zwar eine Möglichkeit, aber da es bis zum Urteilsspruch im Schnitt drei Jahre dauert, schrecken viele Arbeiter davor zurück. Es ist ja auch eine Frage von Zeit und Geld, sich darum zu kümmern.
Peñaloza: Außerdem wollen wir Arbeiterinnen das nicht machen, weil wir Angst haben, dass wir als Unruhestifterinnen bekannt werden und künftig dann keine Arbeit mehr finden. Die Unternehmen sagen oft, dass es schwarze Listen gibt, auf die Arbeiterinnen gesetzt werden, die Probleme machen.

Ihre Europa-Rundreise trägt den Titel „Arbeiterrechte in den Zeiten der Krise“. Wie hat sich die Krise auf die Arbeitsrechte in der mexikanischen Elektronikindustrie ausgewirkt?
Delgado: Zum einen haben die Unternehmen die Löhne weiter gedrückt. Viele Arbeiter wurden entlassen, um sie dann, als die Nachfrage wieder stieg, zu schlechteren Bedingungen wieder einzustellen. Zum anderen wurden mit Verweis auf die Krise häufig Abfindungen nicht gezahlt. Zudem ist die Zahl der befristeten Arbeitsverträge weiter gestiegen.
Die führenden Unternehmen der Elektronikindustrie haben 2004 einen Verhaltenskodex festgelegt. Dieser sogenannte EICC soll sicher stellen, dass soziale Mindeststandards in der Produktion eingehalten werden. Hat der Kodex in der Praxis Verbesserungen gebracht?
Peñaloza: Das Unternehmen, für das ich arbeite, hat sogar einen Preis für die gute Umsetzung des Kodex erhalten. Ich weiß allerdings wirklich nicht, wie das gemessen wurde, denn in der Praxis haben wir keine Verbesserungen gemerkt, im Gegenteil.
Delgado: Wir von CEREAL haben vergangenen Herbst eine Untersuchung bei den Unternehmen durchgeführt, die den EICC unterzeichnet haben. Es ist von Unternehmen zu Unternehmen unterschiedlich, inwieweit der Kodex etwas gebracht hat. Bei einigen lassen sich schon Verbesserungen feststellen, aber es handelt sich meist um Kleinigkeiten zum Beispiel dass der Transport an den Arbeitsplatz verbessert wurde. Insgesamt gibt es jedoch keine wirklich strukturellen Verbesserungen. Laut dem EICC soll zum Beispiel das Recht auf wirkliche Vereinigungsfreiheit eingehalten werden, in der Praxis ist das nicht passiert. Das gleiche gilt auch für die angesprochenen befristeten Arbeitsverträge und der Verweigerung von Abfindungszahlungen.

Frau Peñaloza, Sie haben sich vor fünf Jahren an CEREAL gewandt. Was genau war Ihr Anliegen und wie konnten Sie unterstützt werden?
Peñaloza: Ich habe damals für USI gearbeitet. Ein Unternehmen, das für IBM/Lenovo produziert. Ein paar Kolleginnen und ich haben uns an CEREAL gewandt, weil USI uns nicht die vertraglich vereinbarte Gewinnbeteiligung zahlen wollte. Nachdem sich CEREAL eingeschaltet hatte, gab uns USI eine Gutschrift. Durch CEREAL habe ich gelernt meine Rechte wahrzunehmen. Wenig später habe ich dann eine Kollegin verteidigt, die einen Arbeitsunfall hatte. USI weigerte sich damals, für diesen Unfall aufzukommen. Mich haben sie kurz darauf gefeuert und ich bin ganz sicher, dass das mit meinem Kontakt zu CEREAL zu tun hat. Ich habe die Kollegin dann zu CEREAL gebracht, damit ihr dort geholfen werden kann.

Großunternehmen sind in der Regel auf ein gutes Image bedacht. Wie reagieren sie, wenn CEREAL sie auf Verletzungen von Arbeitsrechten in ihren Fabriken anspricht?
Delgado: Zuerst sagen sie: „Was, wir? Wir haben doch eine sehr gute Unternehmenspolitik. Da muss es sich um einen Einzelfall handeln.“ Viele bezichtigen uns, von der Konkurrenz bezahlt zu werden und streiten alles ab. Einige Unternehmen reagieren erst gar nicht auf unsere Anfragen. Wiederum andere sind aber auch zum Dialog bereit und stellen Nachforschungen an. Das ist sehr unterschiedlich.

CEREAL hat 2005 mit der mexikanischen Kammer der Elektronikindustrie CANIETI einen Dialog begonnen, um Verletzungen der Arbeitrechte einzudämmen. Wie bewerten Sie die bisherige Zusammenarbeit von Seiten CEREALS ?
Delgado: Es gibt schon Fortschritte, aber insgesamt gestaltet sich der Dialog schwierig. Zwar sind alle Elektronikunternehmen in CANIETI organisiert, doch direkten Kontakt haben wir nur zu den drei Unternehmen, die CANIETI uns gegenüber repräsentieren. Über diese drei können wir die anderen Unternehmen kontaktieren. Ob das klappt hängt dann vom Engagement des Repräsentanten ab. Der HP-Repräsentant arbeitet zum Beispiel relativ gut mit uns zusammen. Es gab mehrere Fälle, in denen Unternehmen, die Arbeiterrechte verletzten, sich weigerten mit uns oder den Arbeitern zu reden. HP hat in diesen Fällen eine Vermittlungsfunktion übernommen. Insgesamt ist die Zusammenarbeit zwischen uns und den Unternehmen aber stark verbesserungswürdig.

2007 wurde mit Hilfe von CEREAL die Nationale Koalition der Arbeiter der Elektronikindustrie gegründet, die als ihr Ziel die Selbstverteidigung der Arbeiterrechte nennt. Wie verbreitet ist diese Koalition und welche Aktionen machen Sie?
Peñaloza: Wir sind noch nicht so viele, weil viele Arbeiter Angst haben. Insgesamt sind wir momentan vielleicht ein paar Hundert, verteilt auf mehrere Städte. Letztes Jahr haben wir zum Beispiel Pressemitteilungen herausgeben, als sich Flextronics weigerte, Gewinnbeteiligungen an die Arbeiter auszuzahlen, die als Mitglieder der Koalition bekannt sind. Manche wurden sogar aufgrund ihrer Mitgliedschaft rausgeschmissen. Wir haben deswegen auch Straßenblockaden gemacht. Öffentlich zeigen wir uns nur mit weißen Masken, um unsere Mitglieder zu schützen. Da wir in der Presse schon sehr bekannt sind, hoffen wir, dass mehr Arbeiter den Mut finden, sich uns anzuschließen.

Wie können Leute Ihren Kampf für faire Arbeitsbedingungen hier in Europa unterstützen?
Peñaloza: Indem sie auf unsere Situation aufmerksam machen. Viele der Elektronikprodukte, die wir in Mexiko herstellen, landen in Europa. Die Konsumenten müssen ein Bewusstsein entwickeln und sich bei den Herstellern ihrer Handys et cetera nach den Produktionsbedingungen erkundigen.

Gibt es denn Zertifikate über die Einhaltung von sozialen Mindeststandards, an denen sich KonsumentInnen orientieren können?
Delgado: Jedes Unternehmen hat sein Zertifikat, das Problem ist aber, dass es keine unabhängige Überwachung über die Festlegung und Einhaltung der Regeln gibt. Wir müssen Druck auf die Politik ausüben, damit solche Überwachungsinstanzen geschaffen werden.
Peñaloza: Es kann doch nicht sein, dass ich ständig Blackberrys herstelle, die ich mir nie werde leisten können.

Kasten:
rube delgado und Mery peñaloza
Merejilda „Mery“ Peñaloza arbeitet seit vielen Jahren in der Produktion der Elektronikindustrie. Momentan arbeitet sie bei Jabil, das Blackberrys herstellt. Rubenia „Rube“ Delgado ist Mitarbeiterin des Zentrums für Reflektion und Arbeitsaktionen (CEREAL) in Guadalajara. CEREAL hilft seit mehr als 30 Jahren Indigenen und ArbeiterInnen bei der Weiterbildung und Organisation. Seit fünf Jahren fokussiert sich CEREAL vor allem auf die im Nordwesten Mexikos ansässige Elektronikindustrie und hat jüngst eine Studie über die Auswirkungen der Finanzkrise auf die Arbeitsrechte in diesem Sektor herausgegeben. Im Rahmen einer Rundreise durch Europa haben die beiden unter anderem die Ergebnisse der Studie vorgestellt.

Mehr Informationen unter: http://sjsocial.org/fomento und www.ishopfair.net

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