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Grenzgängerin zwischen den Kulturen

Ana Mendieta wurde 1948 in Havanna geboren. Schon früh mussten sie und ihre Schwester Raquelin Kuba verlassen. Sie gehörten zu den fast 15.000 kubanischen Kindern, die während der Operation „Peter Pan“ zwischen Dezember 1960 und Oktober 1962 auf Initiative der US-amerikanischen Kirche von ihren Eltern getrennt und in die Vereinigten Staaten gebracht wurden. Zuvor hatte die CIA in Flugblättern verbreitet, dass die kubanische Regierung, die den Privatbesitz der kubanischen Bourgeoisie enteignet hatte, auch deren Kinder verstaatlichen und in Waisenheime stecken wolle. Die Eltern glaubten diese Lügen und schickten in ihrer Verzweiflung ihre Kinder in die USA.

Leben in einer fremden Welt

„Als ich dreizehn war, schickten meine Eltern mich aus meiner Heimat fort, weil unsere Familie Gegner der kubanischen Revolution war. Dieses Ereignis hat mein Verständnis von mir und meiner Umwelt komplett verändert. Ich bin in einem Waisenheim in Iowa aufgewachsen und von meinem Land und meiner Kultur abgeschnitten worden.“
Ana Mendietas persönliche und künstlerische Entwicklung wurde durch die oft schmerzhafte Erfahrung des Exils stark geprägt. Das Gefühl der Andersartigkeit und der Verwaisung erzeugten in ihr die Sehnsucht, ihre kulturellen Wurzeln wieder zu entdecken. Mendietas künstlerisches Schaffen drückt die Suche nach den Ursprüngen ihrer Kultur aus, den Versuch, die Entwurzelung zu überwinden.
„Die Kunst war meine Rettung. Ich wurde in dieses Land geschickt zu einer Zeit, als es nicht „in“ oder „hip“ war, Latino zu sein…Es war eine schwere Zeit…Meine Kunst wurde aus dem Gefühl der Wut und Verlorenheit geboren.“
Der Beginn der künstlerischen Laufbahn Ana Mendietas in den 70er Jahren stand ganz im Zeichen des aufkommenden Feminismus und der Auseinandersetzung mit der politischen und sozialen Realität in der US-amerikanischen Gesellschaft. Ihre frühen Performances kritisierten die Konventionen des Geschlechterverhältnisses und prangerten die politische und soziale Gewalt gegen Frauen an. Mit Perücke, Schminke, Bart und anderen Accessoires verfremdete sie ihr Aussehen und verwandelte sich in andere Charaktere – etwa in eine blonde weisse Frau, oder gar ins andere Geschlecht. Auf diese Weise hob sie die starre Rollenzuteilung und Geschlechtergegensätze auf.
In der Performance „Vergewaltigung-Mord“ schlüpfte Mendieta in die Rolle einer Frau, die Opfer eines Sexualmordes wird. Sie lud ihre Freunde in ihre Wohnung ein, wo diese beim Eintreffen den halbnackten, blutverschmierten Körper Ana Mendietas vorfanden, die ihre Wohnung als Tatort inszeniert hatte, um die Gewalt gegen die Frau und ihre Unterdrückung in den patriarchalischen Gesellschaften zu thematisieren.
In den 70ern begann Ana Mendieta jedes Jahr im Sommer nach Mexiko zu reisen und die prehispanischen Mythen und Opferriten zu erkunden. Die Form des nackten weiblichen Körpers, eingeschrieben in die Landschaft, wurde zum Mittelpunkt ihrer Kunstproduktion. Zwischen 1973 und 1980 schuf sie in den Pyramiden und Landschaften Mexikos die „Silueta Series“, in denen sie ihren eigenen Körper oder dessen Silhouette in eine metaphorische Verbindung mit der Natur brachte. Sie zeichnete die Silhouette ihres Körpers in den Sand, meisselte sie in Stein, formte ihren Körper aus Lehm und aus Schnee, dekorierte dessen Umriss mit Blumen, Steinen und Blut. Die in die Erde gemalten Formen wurden vom Wind verwischt, vom Regen überspült, durch Feuer verbrannt oder einfach von der Zeit getilgt.
In ihren in Mexiko entstandenen Arbeiten vollzog die Künstlerin Opferriten und spirituelle Reinigungszeremonien der alten mesoamerikanischen Kulturen am eigenen Körper nach. Sie zelebrierte ihr Begräbnis als metaphorische Beendigung des einen Zyklus und den Eintritt in einen neuen, der spirituelles Wachstum und Reifung mit sich bringt. Sie wandte sich Naturelementen und Opferriten älterer naturnaher Kulturen, der Beschwörung der Magie und universellen Energien zu.

Dominanzen bekämpfen

Auf diese Weise gab sie ihrer Suche nach einer Alternative zu der von ihr kritisierten Rationalität der westlichen Gesellschaften und der fortschreitenden kulturellen Homogenisierung einen künstlerischen Ausdruck. Sie klagte die Ignoranz gegenüber den kulturellen Unterschieden der Welt an und forderte diese zur Kenntnis zu nehmen.
Ana Mendieta trat für die Überwindung des Eurozentrismus in der Kunst ein, kritisierte den Ausschluss nicht westlicher Künstler aus dem internationalen Kunstbetrieb und betonte dabei stets ihre eigene transkulturelle Identität. Sie machte auf die Existenz des Anderen aufmerksam und übte Kritik an der Hegemonie der westlichen Kultur.
Diese Kritik zog sich formell und thematisch konsequent durch alle Aspekte ihres künstlerischen Schaffens. Ihr Atelier war die Natur, Landschaften in marginalisierten Regionen der Welt: die Höhlen in Kuba, die Grabstätten in Mexiko, die Wüste von Iowa. Ihre Themen schlossen kulturelle Traditionen außereuropäischer Kulturen ein. Dies spiegelte sich in der Aufnahme von Symbolen und Aspekten ritueller Praktiken indigener Völker Amerikas und Afrikas in ihren Produktionen wider.
Ana Mendieta entzog ihre Werke dem konventionellen Kunstraum und der gängigen Kunstpraxis, die Kunstobjekte über Generationen hinweg in Museen zu sammeln und somit dem Künstler ewigen Ruhm zu sichern. Sie wies die Kommerzialisierung des Galerien- und Museumsbetriebs von sich, bezweifelte etablierte Konzepte der Kunst und legte wenig Wert auf die Beständigkeit des künstlerischen Objekts. Von ihren Werken sind lediglich Fotografien und Filme geblieben, die den Prozess der Erschaffung und Zerstörung festhielten. Der Prozess war stets von größerer Bedeutung als das Werk. Mendietas Naturrituale durchliefen – wie die Natur selbst – den steten Zyklus des Wandels, Leben und Tod, Entstehen und Vergehen. Die Abwesenheit des Objektes zeigt die komplette Ablehnung der kommerziellen Kunst, denn das Werk – das nicht mehr existiert – kann auch nicht verkauft werden. Der Wert und Sinn des Werkes bestand nur im Akt seiner Erschaffung und Zerstörung, im Prozess der Selbstfindung und -heilung der Künstlerin.

Rückkehr nach Kuba

1980, achtzehn Jahre nach ihrem erzwungenen Verlassen Kubas, kehrte Mendieta erstmals in ihr Heimatland zurück. Bis 1983 unternahm sie insgesamt sieben Reisen auf die Insel. Sie war die erste Exil-Kubanerin, die von der Castro-Regierung die Erlaubnis erhielt, in Kuba zu arbeiten und auszustellen. Ana Mendieta schuf dort, in den Höhlen des Jaruco-Nationalparks in Havanna, die „Rupestrian Series“: Felsenzeichnungen und Skulpturen, die sich mit den indigenen Mythen der Antillen auseinander setzen.
Die Themen, die Ana Mendieta vor über zwanzig Jahren behandelte, sind heute, in den Zeiten der weltweiten Migration im Zuge der Globalisierung, aktueller denn je. Die derzeitigen postkolonialen Diskurse, die die Erfahrungen des Exils und die Konzepte von Identität und Ethnizität in postkolonialen Gesellschaften erforschen, hat Ana Mendieta bereits auf ihre Weise, ausgehend von ihrer persönlichen Erfahrung, thematisiert.

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