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Hacer memorias

Der Mauerfall vor 15 Jahren eröffnete urbane Freiflächen, um die Stadt Berlin neu zu denken und zu bespielen. In Buenos Aires war es im Dezember 2001 das Zusammenspiel aus Wirtschaftskrise und militantem Bürgerprotest, das die Regierung in die Flucht schlug und, trotz aller Misere, Kreativität mobilisierte.
Die Berliner Öffnung führte zu prekären Haushalts- und Lebenslagen, der ökonomische Schock in Buenos Aires erwies sich gleichermaßen als kulturell und politisch fruchtbar. Beide Städte sind Zentren einer ehemals staatsterroristischen Politik, allerdings höchst unterschiedlich. Gewalt und Autoritarismus bleiben trotz aller Normalisierungsversuche in den Stadtraum eingeschrieben: „Verschwundene“, Ermordete und Vertriebene hier wie dort, Opferdenkmäler und Topographien des Terrors, Ruinen, der beerdigte Realsozialismus und die Mauernarbe.
Memoria en movimiento, Erinnerung in steter Bewegung, als kulturelle Manifestation von Vergangenem, stets Markierung und Inszenierung zugleich. Erinnerung als diskursiv umkämpftes Terrain und als Methode einer Aktualisierung und Sichtbarmachung einer anderen als der offziellen Geschichte/n.
Hacer Memoria meint nicht nur das Einspeisen von weit zurückliegenden Gewalt- und Terrorerfahrungen in das kollektive Gedächtnis. Die Rekonstruktion von Brucherfahrungen der jüngeren Vergangenheit gehört dazu: machtvolle Mobilisierungen wie die Dezemberaufstände in Argentinien oder die Bürgerbewegungen rund um die Öffnung der Berliner Grenze. Was ist nach 15 beziehungsweise 3 Jahren danach, von jenen Auf- und Umbrüchen geblieben? Welche kulturellen Praktiken und Resistenzen haben sich an diesen Bruchstellen herausgebildet, wie eignen sich Akteure städtische Plätze, Leerstellen und Freiräume an? Wie bespielen BewohnerInnen hier und dort ihre Stadt „in der Krise“? Welche Bilder und Strategien entwickeln sie dabei gegen das Verschwinden, Vergessen, das Unsichtbar-Werden – etwa beim escrache, einer politischen Performance zur Ächtung von straflos gebliebenen Tätern der argentinischen Militärdiktatur an ihrem Wohnort oder bei Kanak Attak, dem kulturellen Angriff auf deutschtümelnde Leitkultur und Multikulti-Folklore?
Diese Fragen stehen im Mittelpunkt des bimetropolitanen Rechercheprojektes „Krise als Labor“, das sich mit Krisen- und Erinnerungskulturen in beiden Städten beschäftigt. Dieses ist nicht als Vergleich sondern als fragende Pendelbewegung angelegt.
Die Frage der Aneignung und Gestaltung urbaner Freiflächen oder Migrantenkulturen stellt sich eher von Berlin aus, die nach Überlebensökonomien oder juristische Aufarbeitung der Diktatur eher von Buenos Aires aus. „Krise als Labor“ macht sich auf die Suche nach Anschluss- und Schnittstellen in beiden Städten. Dazu wurden ein breites Spektrum von ProtagonistInnen „städtischen Handelns“ interviewt, denen gemein ist, dass sie auf die ein oder andere Weise urbane Räume und Selbstbilder kreieren. Dreizehn von ihnen werden sich bei einer zweiteiligen Dialogwerkstatt begegnen, die zuerst in Buenos Aires und zehn Tage später – am 15. und 16. Oktober 2004 – in Berlin zusammentrifft.

Öffentliche Dialogwerkstatt „Krise als Labor“ im Rahmen des Metropolenprogramms „Buenos Aires-Berlin 2004“ am 15. und 16. Oktober 2004 (10-19/11-20 Uhr) in der Rinderauktionshalle des Alten Schlachthofs in der Eldenaer Straße, S-Bahn Storkower Str. Eintritt: frei (Simultanübersetzung deutsch-spanisch)
Mit: Pio Torroja (M777), Nancy Garín (Colectivo Etc.), Patricia Váldez (Memoria Abierta), Guillermo Robledo (IMPA), Gastón Montells (La Tribu), Annett Gröschner, Frauke Hehl (workstation), Matthias Rick (raumlabor_berlin), Carmen Cantó, Uwe Rada (taz) und dem Bildhauer Horst Hoheisel; eingeladen sind u.a. die Stadtforscher Stephan Lanz und Jochen Becker, die Soziologin Estela Schindel, die Stadtkünstler Ines Schaber und Erik Göngrich, der Politologe Peter Grottian – sowie die Fotografen Arwed Messmer (Berlin) und Sebastian Friedman (Buenos Aires).

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