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Im Aufnahmemodus

Das dichte Grün des Waldes taucht auf. Von Regentropfen getroffen erzittern einzelne Blätter immer wieder, als würden sie tanzen. Das kräftige Rauschen im Hintergrund macht deutlich: es ist Regenzeit. Szenenwechsel. Das Rauschen ist nun lauter, die Regentropfen trommeln deutlich hörbar auf ein Wellblech. Langsam, aber immer lauter mischt sich das Tuckern eines Dieselmotors in das monotone Regengeräusch. Eine Satellitenschüssel erscheint. Gesprächsfetzen aus einem Fernseher sind zu hören, bevor dieser im Bild auftaucht.
Sonnensystem ist eine gewöhnungsbedürftige audiovisuelle Erfahrung. Keine Filmmusik, keine schnell geschnittenen Szenen, keine wilden Kamerafahrten. Minutenlang fängt die Kamera die gleiche Szenerie ein, als wäre sie versehentlich im Aufnahmemodus irgendwo abgelegt worden. Die weitläufigen und ausladenden Hochtäler der Anden werden immer wieder von vorbeiziehenden Nebelschwaden verdeckt. Erst auf den zweiten Blick lassen sich Spuren von Menschen und Landwirtschaft erkennen: durch Steinmauern abgegrenzte Weideflächen, vereinzelte Häuser, herumstreunende Hunde. So rau und zäh wie die Landschaft wirken auch die dort lebenden Menschen. Wortkarg und in sich gekehrt scheinen sie ihrer Arbeit nachzugehen.
Was denken diese Menschen? Was fühlen sie? Diese Fragen bleiben unbeantwortet. Regisseur Thomas Heise verzichtet auf vorschnelle ethnologische Kommentare, vielmehr zwingt er dazu, zunächst genau hinzusehen. Die gezeigten Personen bleiben namenlos, es wird nicht anhand von Einzelschicksalen moralisiert. Nicht die Personen stehen im Vordergrund, sondern deren Tätigkeiten. Das Gerben wird genauso ausführlich im Detail gezeigt wie die Kastration eines Bullen. Das Schlachten eines Rindes erfordert die Mitarbeit einer ganzen Familie, das Anschieben eines liegen gebliebenen Traktors wird zu einem sozialen Happening.
Die Alltagsszenen wirken zusammenhanglos aneinandergereiht. Sie verdeutlichen aber nicht nur die widrigen Lebensbedingungen, die Armut oder die sozialen Beziehungen in den einsamen Hochtälern. Vielmehr tritt die widersprüchliche Lebenswirklichkeit der Indigenen in Lateinamerika deutlich hervor. In einer Szene ertönt das Vaterunser aus der Kirche, in einer anderen Szene verkleiden sich die Dorfbewohner_innen zum Fasching mit Masken. Im Laden preist ein Werbeschild eine bekannte brasilianische Biermarke an. Mit sorgfältiger Handarbeit wird ein Ledergürtel hergestellt, während draußen laut eine Motorsäge kreischt. In der Schule hängt ein selbstgemaltes Schaubild des Sonnensystems an der Wand.
Der Film klagt den Schwund der kulturellen Identität nicht an. Die Spannung zwischen ursprünglichen Traditionen und Einflüssen von außen ist dennoch so deutlich zu spüren wie der einsetzende Regen auf den Wellblechhütten.
Seine einzigartige Wirkung entfaltet der Film aber in den letzten zehn Minuten, welche als Kontrastprogramm fungieren. Erstmals durch das Lacrimosa des Dies irae musikalisch begleitet, wird aus einem fahrenden Bus heraus ein Armenviertel in Buenos Aires gezeigt. Die langsam vorbeiziehenden Hütten mit den Wasserspeichern auf den Dächern, die Müllberge und die zusammengepferchten Menschen stehen in einem so krassen Gegensatz zum bisher Gezeigten, dass dessen Einzigartigkeit und Zerbrechlichkeit erst am Ende mit ungeahnter Wucht deutlich werden.

Sonnensystem // Thomas Heise // Argentinien/Deutschland 2010 // 100 Minuten // www.heise-film.de

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