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Im Bann der Geschichten

Nie hatte er etwas veröffentlicht, ohne es ihr vorher zum Lesen anzuvertrauen. Und jetzt diese ihr völlig unbekannte Kurzgeschichte in der Zeitschrift, die zudem auf das Konzert anspielte, dem sie als jung verheiratetes Paar gemeinsam in Paris beigewohnt hatten – auch damals spielte ein junger Pianist den Mephistowalzer von Liszt. Die Frau im Schlafwagenabteil irgendwo zwischen Veracruz und Mexiko-Stadt deutet den Vertrauensbruch ihres Mannes als Zeichen dafür, dass auch er von dem Scheitern ihrer Ehe überzeugt ist. Noch einmal beginnt sie, die Kurzgeschichte zu lesen.
Mephistowalzer – das ist eine Geschichte über das Entstehen und das Potential von Geschichten. Während sich der Leser gemeinsam mit der Frau im Zug in die Erzählung ihres Mannes vertieft, hat er bereits unwissend ein Labyrinth betreten. Denn der mexikanische Schriftsteller Sergio Pitol lässt in seiner Kurzgeschichte einen mexikanischen Literaten – den Mann der Frau im Zug – auftreten, der eine Kurzgeschichte über einen mexikanischen Literaten geschrieben hat, der wiederum in einem Konzert den Mephistowalzer von Liszt erlebt und sich dabei durch einen flüchtigen Blick des jungen Pianisten in Richtung Loge zu verschiedenen potentiellen Geschichten über den Mann, der dort sitzt, inspirieren lässt, die er jedoch nacheinander immer wieder verwirft.

Reflexion über das Schreiben

Wenn Pitol als Autor der Erzählung beschreibt, wie diese beiden jungen mexikanischen Schriftsteller – sowohl der Mann der Frau im Zug als auch der Protagonist aus dessen Geschichte – ihre Figuren kreieren und in Szene setzen und dabei selbst Erlebtes in ihre Geschichte einarbeiten, beschreibt er gleichzeitig seinen eigenen Schreibprozess. Es ist, als würde er sich selbst beim Schreiben über die Schulter blicken. Mit dem Spiegel in der einen, dem Stift in der anderen Hand, verfasst Pitol so eine Reflexion über das Schreiben.
In der Geschichte der Geschichte gibt es eine Geschichte, in der Geschichten gesponnen werden; dieses uralte Prinzip aus 1001 Nacht erinnert in seinen Verschachtelungen und Betrachtungen über das Schreiben an den argentinischen Autor Jorge Luis Borges. So werden in Borges Geschichte Ibn Hakkan al-Bokhari, gestorben in seinem Labyrinth aus dem Erzählband Das Aleph ebenfalls verschiedene Versionen einer mysteriösen Geschichte vorgestellt. Doch in dem Moment, in dem eine rationale Erklärung für das Rätsel gefunden wird, verliert die Angelegenheit ihren Zauber. So geht es auch dem mexikanischen Schriftsteller, als er schließlich die Wahrheit über den geheimnisvollen Mann in der Loge erfährt: „Die Wirklichkeit hat das Geheimnis zerstört, das für ihn diese Form von Dialog in sich barg, den die Musik zwischen Bühne und Loge angebahnt hatte.“
Die Frau im Zug tritt als Kritikerin auf, die Geschichte erscheint ihr unvollständig, sie ist unzufrieden mit dem abrupten Ende. Ihre Schlaftablette hat ihre Wirkung erzielt und sie schläft ein. Und damit lässt Pitol seine Geschichte ebenso plötzlich enden und macht auf diese Weise den Spiegeleffekt perfekt. Letztendlich gilt, was die Frau des Schriftstellers im Bezug auf die Kurzgeschichte ihres Mannes feststellt, auch für Pitols Erzählung des Mephistowalzers, nämlich dass „die Handlung nur ein Vorwand war, um ein Netz von Assoziationen zu Überlegungen zu flechten, aus denen sich der für ihn zugrundeliegende Sinn des Erzählens selbst erschloss.“
In seiner Erzählung Der dunkle Zwillingsbruder wird eine weitere Gemeinsamkeit Pitols mit Borges deutlich: die Vermischung von Fiktion und Realität, von Literatur und Essay. So erscheint der Text zunächst als Essay über die Isolation des Schriftstellers, erläutert anhand von Thomas Manns Novelle Tonio Kröger. Ein Schriftsteller beschreibt die Beziehung zwischen dem Autor und seinem im Entstehungsprozess befindlichen Werk und belegt seine These – „Was auch immer er gerade tut, ein Schriftsteller wird immer an seinem Roman schreiben“; der Roman also als „dunkler Zwillingsbruder eines Menschen“ – anschließend anhand eines fiktiven Beispiels, das sich zu einer Geschichte entwickelt. Auch hier geht es um zwei Versionen derselben Begebenheit, die einem Diplomaten und Schriftsteller bei einem Abendessen zu Ohren kommen. So wie der Schriftsteller in der Erzählung Mephistowalzer steht auch er vor einem Rätsel – und genauso inspiriert auch ihn gerade das Geheimnisvolle zu einer eigenen Erzählung. Doch diese verselbstständigt sich immer mehr und ihr Ergebnis hat letztlich mit der Anfangsidee kaum mehr etwas gemein: „Dem Schriftsteller eröffnet sich in diesem Augenblick eine Welt. Er hat begonnen, sich selbst zu übersetzen.“
Auch in Nächte in Buchara, eine surrealistische und wohl die skurrilste Erzählung des kleinen Bandes, geht es um das Spinnen einer Geschichte. In Amelia Otero wiederum berichtet eine Frau dem Erzähler der Geschichte von der tragischen Begebenheit um die schöne und wohlhabende Amelia und deren Affäre mit einem mexikanischen Revolutionär.

Das Leben als Geschichte

Den Abschluss des Bandes bildet die Erzählung Die Hand im Nacken. Sie thematisiert das Entstehen von Geschichten über die Unfähigkeit des Menschen, sich zu erinnern. Es ist die Verzweiflung des Protagonisten über seine Erkenntnis, dass die Erinnerung nichts anderes darstellt als eine manipulierte Rekonstruktion des Vergangenen, eine trügerische Fiktion, die hier im Mittelpunkt der Geschichte steht. So dass sich auch der Leser, am Ende des Bandes angekommen, fragen mag: Ist nicht das ganze Leben nur eine Geschichte, die sich in unserem Kopf abspielt?
Mephistowalzer ist ein faszinierender, subtiler Erzählband, dessen verschachtelte und labyrinthische Geschichten von einem geheimnisvollen Charme umgeben sind.

Sergio Pitol: Mephistowalzer. Erzählungen. Aus dem mexikanischen Spanisch von Angelica Ammar, Wagenbach, Berlin 2005, 120 Seiten, 13,90 Euro.

KASTEN:
Sergio Pitol – Porträt eines Reisenden

Schon als Kind umgab sich der mexikanische Schriftsteller Sergio Pitol eher mit fiktionalen als mit lebendigen Personen. Mit vier Jahren Vollwaise und in seiner Kindheit von Krankheiten gequält, die es ihm unmöglich machten, ein ‚normales’ Leben zu führen, verbrachte der 1933 in Puebla geborene Sergio viele Jahre krank im Bett. In dieser Zeit wurden die Bücher zu seinen treuen Begleitern. Doch was für fast jedes andere Kind eine Qual gewesen wäre, bedeutete für den Mexikaner das Gegenteil: An seine ungewöhnliche Kindheit erinnert sich der Schriftsteller als eine sehr glückliche Zeit, in der die Lektüre zu seiner Lieblingsbeschäftigung wurde. Aus seinem Bett heraus begann er, angeregt durch die Romane Jules Vernes, Charles Dickens’ und vieler anderer AutorInnen, mit seiner Einbildungskraft eine Rundreise um die Welt, die er Jahrzehnte später tatsächlich auf eigenen Füßen fortführen sollte.
Obwohl er schon sehr früh zu lesen begann, unternahm der junge Pitol erst relativ spät den Schritt zum Schreiben. Sein literarisches Werk wuchs langsam: Die ersten Geschichten schrieb er mit 24 Jahren und seinen ersten Roman, El tañido de una flauta, beendete er im Alter von 38 Jahren.

Hingabe für die Literatur

Als der studierte Jurist und Literaturwissenschaftler mit Ende Zwanzig Mexiko verließ, tat er es in der Absicht, ein paar Monate in Europa zu verbringen. Doch die Reise sollte sich sehr viel mehr in die Länge ziehen als geplant, und so verbrachte Sergio Pitol 28 Jahre unter anderem in London, Warschau, Moskau, Prag, Budapest, Barcelona, Paris und Peking. Während er seine Hingabe für die Literatur mit der Lehre, der Übersetzung aus dem Russischen, Polnischen und Englischen und mit der Diplomatenlaufbahn kombinierte – Pitol trat 1960 in den diplomatischen Dienst seines Landes ein, repräsentierte Mexiko in mehreren Ländern als Kulturattaché und war bis 1988 Botschafter in Prag – vergrößerte sich seine Leserschaft langsam, aber beständig. Der nationale und internationale Durchbruch gelang ihm schließlich 1984 mit der Auszeichnung mit dem Premio Herralde de novela für seinen Roman El desfile del amor (Defilee der Liebe), 1999 folgte die Verleihung des Premio Juan Rulfo. Im Jahre 2005, in dem Pitol Los mejores cuentos und El mago de Viena veröffentlichte, wurde ihm schließlich der im spanischen Sprachraum wichtigste literarische Preis, der Premio Cervantes, zugesprochen – womit er, nach Octavio Paz (1981) und Carlos Fuentes (1987), der dritte Mexikaner ist, der diese Auszeichnung trägt. Am 21. April dieses Jahres nahm er den Preis in Madrid entgegen Heute lebt und schreibt Sergio Pitol in Xalapa, Mexiko.
Sein Leben als nomadischer Schriftsteller ermöglichte es Sergio Pitol, sich von den literarischen Moden und Grüppchen seines Landes fern zu halten. Das Resultat dieses ereignisreichen Lebens ist ein Werk mit einem sehr persönlichen Stempel, das sich stark von dem seiner ZeitgenossInnen in Mexiko unterscheidet.
José Antonio Salinas & Inga Opitz

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